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EM-Auftakt der Niederlande : Ein Sieg über die Traditionalisten

  • -Aktualisiert am

Spieler des Spiels: Denzel Dumfries Bild: EPA

Famoses Flügelspiel ist keine Frage des Systems: Der Niederlande gelingt ein starker EM-Auftakt, und trotzdem geben die Nörgler keine Ruhe.

          3 Min.

          Die Nüchternheit in Wout Weghorsts Worten wirkte fremd an diesem Ort der emotionalen Explosionen, zu dem die Amsterdamer Johan-Cruyff-Arena am Sonntagabend geworden war. Das mitreißende 3:2 der Niederlande gegen die Ukraine war das spektakulärste Spiel der ersten EM-Tage.

          Fußball-EM

          Fünf Tore waren gefallen, die Teams und das Publikum hatten erstaunliche dramaturgische Wendungen erlebt. Sie hatten im Stadion den ganzen Zauber eines Fußballspiels aufgesogen, der so lange verschwunden war in den Wirren der Pandemie. Am Ende wurde gemeinsam getanzt und gefeiert, auch Weghorst hätte nach seinem ersten Tor für die Nationalmannschaft in einem Pflichtspiel gut in Begeisterung verfallen können. Doch der Angreifer vom VfL Wolfsburg sagte über seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 schlicht: „Ein Tor ist ein Tor“ – keine große Sache also.

          Offenbar wollte er sich nicht zu sehr in den Vordergrund spielen. „Das ist mein Job, ich muss Tore machen, und heute kam das Ding vor meine Füße, also habe in den einfach reingemacht“, sagte er. Weghorst hatte wohl gespürt, dass der Ruhm dieses Abends eher anderen gebührte. Nicht nur weil der Angreifer durch eine Unaufmerksamkeit den Ausgleich der Ukrainer begünstigte, der das Fußballfest für einige Minuten unterbrach. Sondern weil die neuralgischen Zonen dieser Partie außerhalb seines Wirkungskreises lagen. Es waren die Flügel, wo die Niederländer ganz genau hinsahen und wo diese Partie entschieden wurde.

          Überraschende Stärke über Rechts

          Besonders auf der rechten Seite, im Betätigungsfeld des gelernten Außenverteidigers Denzel Dumfries, entwickelte die Mannschaft eine Stärke, die viele Beobachter überraschte. „Es kommt mir zu Gute, wenn ich mit viel Tempo spielen kann“, sagte Dumfries, nachdem er die mit einem roten Stern verzierte Trophäe für den besten Spieler der Partie überreicht bekomme hatte. „Wir verbessern uns, und ich möchte so viel wie möglich in den Bereichen des Gegners sein.“

          Dumfries hatte die beiden Tore durch Georginio Wijnaldum und Weghorst über seine Seite vorbereitet und den Siegtreffer selbst geköpft. Dass die Menschen am Ende weniger die filigrane Fußballkunst besonderer Einzelkönner bejubelten als den Willen und die Wucht eines Athleten, gefiel allerdings nicht jedem Experten. Die große Tageszeitung „De Volkskrant“ kommentierte dieses Fest für Offensivfreunde mit einer süffisanten Analogie: „Tatsächlich: Dumfries war eine Art Rechtsaußen (...) Es ist, als würde man einem versierten Tischler sagen, dass er den Strom installieren soll, während die qualifizierten Elektriker untätig danebenstehen.“

          Dieser niederländische EM-Auftakt war also auch eine neue Folge in der nationalen Fußballdebatte über die Schönheit des Spiels, über Systeme, Trainer und Dogmen. Seit Jahren streiten Experten darüber, ob es möglich ist, ohne den klassischen Dreiersturm der Elftal jenen schönen Fußball zu spielen, der vielen Holländern noch wichtiger zu sein scheint als die Ergebnisse.

          Dass die Außenverteidiger Dumfries und Patrick van Aanholt unter Trainer Frank de Boer als Hauptverantwortliche für das heilige Flügelspiel zum Einsatz kommen, verstört Traditionalisten. In den Tagen vor der Partie hatten einige dieser Leute sogar ein Kleinflugzeug gemietet, das ein Banner mit einer klaren Forderung durch den Himmel von Amsterdam zog: „Frank, wie immer 4-3-3“.

          Fußball-EM

          De Boer setzt jedoch konsequent auf ein 3-5-2. Er ist ein Pragmatiker, dem es zuallererst darum geht, aus den zur Verfügung stehenden Spielern ein möglichst erfolgreiches Kollektiv zu formen. Inklusive einem entscheidenden Fortschritt gegenüber Louis van Gaal, der bei der WM 2014 ebenfalls von der Konvention abwich. Doch im Gegensatz zum Weltturnier in Brasilien treten die Niederländer bei dieser EM offensiv und attraktiv auf. „Wir haben ein Team gesehen, das sehr ausbalanciert und sehr dominant gespielt hat“, sagte de Boer zufrieden.

          „Das hatte ich noch nie“

          Die fußballerisch brillanten Strategen Frenkie de Jong und Wijnaldum sorgten für Ordnung im Zentrum und variierten das Tempo, de Jong hatte am Ende sogar Krämpfe. Zum erstem Mal in einem Fußballspiel, wie er später behauptete: „Das hatte ich wirklich noch nie. Vielleicht lag es an der Spannung. Vielleicht lag es daran, dass man dem Publikum etwas extra geben möchte“, sagte de Jong, der beim FC Barcelona zu einem wichtigen Assistenten bei der Erzeugung der genialen Momente von Lionel Messi geworden ist.

          Allerdings, auch das gehört zur Wahrheit dieses Abends: Souverän war dieser Sieg nicht. „Wir haben das ganze Spiel über stark gespielt, aber in zehn Minuten haben wir Chancen und zwei Tore verschenkt“, monierte Wijnaldum. Die Mannschaft müsse dringend lernen, so einen Vorsprung nicht mehr aus der Hand zu geben.

          Mit der komfortablen Führung im Rücken hatten Spieler ein paar Schritte weniger gemacht, hatten den Energielevel um einige wenige Prozente heruntergedreht. Innerhalb von fünf Minuten holten die Ukrainer Andrej Yarmolenko und Roman Yaremchuk den Zwei-Tore-Rückstand auf. Dass Holland dank Dumfries’ Treffer doch noch gewann, „hat unseren Charakter gezeigt“, verkündete Weghorst am Ende erleichtert. De Boer ergänzte: „Wir können stolz sein“, auch wenn noch „weitere Schritte in der Entwicklung nötig“ seien. Das Fundament jedenfalls ist gelegt.

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