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Die Geschichten der EM : Fußball-Fieber in Europa

„Full House“: Zum Finale strömten mehr als 60.000 Zuschauer ins Wembley-Stadion. Bild: dpa

In Deutschland trübte das frühe Aus der Fußball-Nationalmannschaft die Begeisterung für die EM. Doch das war nicht überall so. Ein Streifzug durch Europa.

  • -Aktualisiert am
          6 Min.

          Italien erfüllt von Stolz: Blauer Taumel der Begeisterung

          Kurz vor dem großen Finale in London war dann doch die Angst vor dem Virus zurückgekommen. Eher nicht im Volk, schon gar nicht unter den Tifosi. Die waren in ihrem blauen Taumel der Begeisterung für die Azzurri schon nicht mehr zu bremsen. Zugleich blieb die ganze Nation erfüllt vom grün-weiß-roten Stolz auf die Nazionale. Und von der Sehnsucht, die tiefschwarze Benommenheit nach anderthalb Jahren auf- und abschwellender Pandemiewellen endlich abzuschütteln.

          Jedenfalls zogen Polizei und Stadtverwaltungen von Turin und Mailand über Florenz und Rom bis nach Neapel und Palermo am Vorabend des Finales in Wembley die Notbremse. Die Erlaubnis zum Aufstellen von Großleinwänden auf einschlägigen Plätzen wurde wieder kassiert. Auch das Fußballfest im Römer Olympiastadion mit bis zu 16.000 Fans beim Public Viewing wurde abgesagt.

          In Bologna, Genua und anderen Städten blieben dagegen die Warnungen von Politikern und Virologen vor der jüngsten Variante ungehört. Und die Großleinwände wurden wie geplant aufgestellt. Innenministerin Lucia Lamorgese ließ wissen, die Polizei werde „an der Seite der Italiener“ stehen und dafür sorgen, dass die von den örtlichen Behörden erlassenen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen eingehalten würden. Gesundheitsminister Roberto Speranza rief dazu auf, beim Anfeuern der Squadra Azzurra Abstand zu halten und eine Maske zu tragen.

          Tifosi in München
          Tifosi in München : Bild: dpa

          Kritik an der UEFA gab es allenfalls, weil neben den etwa 6500 Italienern in England nur rund 1000 Tifosi, die per Charterflug aus Italien nach London reisten, ins Wembley-Stadion durften: ein ausgesprochen schwerer Stand gegen 60.000 England-Fans. Als höchster politischer Vertreter Italiens war Staatspräsident Sergio Mattarella nach London gereist. Ministerpräsident Mario Draghi, so heißt es, ist zwar auch Fußballfan, habe aber auf seinen Platz auf der Ehrentribüne gerne verzichtet. Eher wenig begeistert ist Draghi dem Vernehmen nach von seinem britischen Amtskollegen Boris Johnson. Deshalb habe er lieber von Rom aus für Italien gefiebert statt womöglich in London wegen der Delta-Variante. (Matthias Rüb, Rom)

          England empfängt den Fußball: Der Stolz der Nation

          Je weiter die England-Mannschaft in der Europameisterschaft vorgedrungen ist, desto klarer wurde, dass es der Nation um weit mehr ging als um Fußball. Um mehr auch als um die Überwindung der beinahe sprichwörtlich gewordenen fünfundfünfzig Jahre des Schmerzes, der Zeit seit dem letzten Sieg in einem wichtigen internationalen Turnier.

          Die Königin brachte die Stimmung vor dem Endspiel auf den Punkt in ihrer ungewöhnlich persönlichen Botschaft. Sie äußerte die Hoffnung, dass die Geschichte nicht nur den Erfolg der Mannschaft, sondern auch ihren Geist, das Engagement und den Stolz bewahren werde. Und Prinz William jubelte der Nationalelf zu, sie habe „das Allerbeste aus der Nation herausgeholt“. Mit Anklängen an Shakespeares „Heinrich V.“ bescheinigte Premierminister Johnson dem „beglückten Häuflein Brüder“, die Stimmung des Landes aufgehellt zu haben.

          Die Zeitungen stimmten mit dem Kolumnisten der Sun überein, dass Gareth Southgates „großartige Mannschaft“ das Selbstvertrauen, die Dynamik und den Stolz der Nation wiederhergestellt habe, zumal nach mehr als einem halben Jahrhundert der Niederlagen, nach fünf Jahren der Polarisierung wegen des Brexits und den sechzehn Monaten der Pandemie. Der Trainer ist mit seiner Fähigkeit, den Mannschaftsgeist zu fördern, zum neuen Nationalhelden geworden. Schüler dürfen an diesem Montag später zum Unterricht eintrudeln. Einige Geschäfte haben ihre Öffnungszeiten verändert, und zahlreiche Unternehmen zeigen sich ebenso kulant, wenn Mitarbeiter ihren Kater kurieren, statt rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen.

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