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Italiens erfolgreiches EM-Team : Etwas Besonderes liegt in der Luft

  • -Aktualisiert am

Ein Tor für Thessa: Manuel Locatelli Bild: AP

Italiens Team zeichnet bei dieser EM eine perfekte Symbiose aus. Wichtiger Faktor für den frühzeitigen Einzug in die K.o.-Runde ist ein international unbekannter Profi.

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          Im Überschwang schossen die Kollegen dann doch ein wenig über das Ziel hinaus. Statt Manuel Locatelli leicht auf die Schulter zu klopfen, zu herzen oder zu drücken, gab es ein paar, freilich gut gemeinte Schläge auf den Kopf, den Arm, ja überall dorthin, wo die Spieler von der Auswechselbank den zweimaligen Torschützen gerade erwischten. Aber es ist nicht bekannt, dass der sich darüber beschwerte.

          Ein paar Minuten später, als die Partie vorbei war und ganz Italien, oder zumindest der Teil, der sich für Fußball interessiert, die nächste magische Nacht bejubelte, stand Locatelli mit der gesamten Mannschaft vor der Kurve mit den singenden Tifosi und bedankte sich mit der Welle.

          Fußball-EM

          Mit dem 3:0 gegen die Schweiz qualifizierte sich die Squadra Azzurra nicht nur als erste Mannschaft des Turniers für das Achtelfinale der EM, sondern hievte sich endgültig in die Reihe der Titelfavoriten. Zudem wurde eine famose Serie ausgebaut: Seit 29 Spielen sind die Italiener nun ungeschlagen, und im zehnten nacheinander blieben sie ohne Gegentor. „Es mag vielleicht drei oder vier Mannschaften mit mehr Talent oder individueller Klasse geben. Aber mit dieser Gruppe liegt etwas Besonderes in der Luft“, sagte Verteidiger Francesco Acerbi.

          Ein Tor für Thessa

          Hauptakteur des Abends war diesmal Locatelli, der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler von US Sassuolo. Sein Tor zum 1:0 taugt als Anschauungsunterricht für alle Mannschaften, die versuchen, mit unendlichen vertikalen Ballstafetten eine Lücke in der Abwehr zu finden, statt schnell und direkt zu spielen. Locatelli hatte sein Tor in der eigenen Hälfte eingeleitet, mit einem wunderbaren Pass auf die rechte Seite hinaus zu Domenico Berardi. Er setzte danach zu einem Sprint an und stürmte in den Strafraum, als der Ball von seinem Vereinskollegen präzise zu ihm zurückkam. Die Schweizer Defensive war gerade noch dabei, sich zu organisieren, da schloss Locatelli den Angriff schon erfolgreich ab. Er bildete danach mit beiden Zeigefingern ein „T“ und ließ später wissen, dass er das Tor seiner Verlobten Thessa widme. „Sie gibt mir Ruhe und die Balance, die man braucht“, sagte er. Der zweite Treffer in der zweiten Halbzeit, ein Schuss aus 18 Metern, war nicht ganz so spektakulär, aber auch sehenswert.

          Der Corriere dello Sport bezeichnete die beiden Tore als „zwei Blitze in einem Match, das auf Topniveau gespielt wurde“. Allerdings nur von Italien. „Mit Locatelli tanzt man Rockmusik, und das Ziel ist Wembley“, schrieb La Repubblica. Während die italienischen Medien den Torschützen feierten und bereits das Endspiel in London vor Augen haben, blieb Trainer Roberto Mancini vorsichtig: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“

          Locatelli ist nicht wie Kai aus Mancinis Squadra-Kiste gehüpft, wenngleich er zunächst nur den gerade genesenen Marco Verratti von Paris Saint-Germain in den ersten EM-Spielen vertreten sollte, aber nun wohl unverzichtbar geworden ist. Bei US Sassuolo, einem erstaunlich erfolgreichen Provinzklub aus der Nähe von Modena, wurde er zusammen mit Berardi zu einem Schlüsselspieler in dieser Saison. Im vergangenen September gab er sein Debüt in der Nationalmannschaft, auf elf Länderspiele und drei Tore brachte er es seitdem. Die Verschiebung der EM um ein Jahr sei für ihn ein Vorteil gewesen, gibt Locatelli zu: „Ich bin erfahrener geworden, nicht nur als Spieler gereift, sondern vor allem als Mensch.“

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          Er steht auch für die perfekte Symbiose im italienischen Team zwischen Routiniers wie Giorgio Chiellini, der am Mittwoch allerdings früh verletzt ausgewechselt werden musste und für die nächsten Spiele auszufallen droht, Leonardo Bonucci oder auch Verratti, und den talentierten Jungen. „Die Mannschaft lebt von Geschlossenheit und Enthusiasmus“, sagt Locatellis Mittelfeld-Kollege Nicolo Barella von Meister Inter Mailand. Es spiele keine Rolle, wer am Ende auf dem Platz steht. „Es gibt keine Eifersucht und keinen Neid bei uns.“

          Dass Locatelli einem von einem Bauchemieunternehmen finanzierten Verein, der in der Serie A in der abgelaufenen Saison lange Zeit vorn mitmischte und am Ende Achter wurde, erhalten bleibt, scheint nun unwahrscheinlicher denn je. Das sei aber im Moment kein Thema, sagt Locatelli. „Wenn man hier teilnehmen darf, fällt es nicht schwer, sich darauf zu konzentrieren.“ Zu den Interessenten soll auch Borussia Dortmund gehören. Aber die Chancen, ihn zu verpflichten, sind nach den ersten EM-Auftritten des Italieners sicher nicht besser geworden. Locatelli ist auch in den Fokus anderer Klubs geraten, in den von Juventus Turin zum Beispiel. Außerdem dürfte er für die Westfalen wohl nun schwer zu finanzieren sein: Der Marktwert Locatellis steigt gerade kräftig.

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