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Komplizierter EM-Modus : Alle Schweizer Wege führen von Rom weg

So sieht ein Sieger aus, der nicht weiß, ob es zum Weiterkommen reicht: Xherdan Shaqiri Bild: dpa

Sonntagabend gewinnen und erst 75 Stunden später wissen, ob es fürs Weiterkommen reicht: Der EM-Modus ist nicht nur kompliziert, sondern auch unfair, wie das Beispiel der Schweizer zeigt. Ein Rechenspiel.

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          Mathematisch ist es nicht ganz einfach, aus 24 Fußball-Mannschaften, die in sechs Gruppen aufgeteilt sind, nach den Vorrundenspielen die besten 16 Teams herauszufiltern. Die Krücke, derer sich die Uefa bedient, heißt: neben den beiden Gruppenersten kommen noch die vier besten Dritten weiter.

          Fußball-EM
          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Was schon sprachlich sperrig erscheint, ist sportlich höchst fragwürdig, da zur Klärung des Status quo Querverweise zwischen den unterschiedlich stark besetzten Pools angestellt werden müssen. Und mental erfordert es von den Betroffenen eine Höchstleistung ab, wie am Beispiel der Schweizer Nationalmannschaft zu erklären ist.

          Es war Sonntagabend, kurz vor 22.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MESZ), als die Schweizer im fernen Baku ihren dritten Platz in EM-Gruppe A erfolgreich verteidigt hatten. Nach dem 3:1-Erfolg im Endspiel der bislang Enttäuschten war für die Spieler der „Nati“ zumindest klar, dass sie im Gegensatz zu den Türken nicht direkt ausgeschieden waren. Um als Gruppenzweiter den direkten Einzug ins Achtelfinale zu schaffen, fehlten ihnen allerdings zwei Tore, da zugleich Wales nur mit 0:1 gegen Italiens B-Elf unterlag und somit mit vier Punkten (3:2 Toren) den zweiten Platz behauptete.

          Die Schweizer dagegen mussten sich an diesem Montag mit einer Bilanz von vier Punkten und 4:5 Toren im Gepäck zunächst mal auf die 3100 Kilometer lange Flugreise zurück in ihr EM-Quartier begeben. Das liegt in Rom, wo sie nach vier Stunden landeten, dabei aber gleich wieder zwei Stunden gutmachten, da Baku in einer anderen Zeitzone liegt. In der italienischen Hauptstadt logieren die Schweizer im Hotel Sheraton Parco de’ Medici und trainieren auf dem Trainingsgelände der AS Roma. „Mental ist es sicher interessanter für die Spieler, in Rom statt in Baku stationiert zu sein“, hatte Nationaltrainer Vladimir Petkovic den Standort in der aus logistischen Gründen schwierigsten Gruppe vorab begründet.

          Und da sitzen sie nun und müssen abwarten, was sich in den kommenden Tagen in den anderen Gruppen so tut. Ihr Abwehrchef Manuel Akanji, der als Rechengenie gilt, dürfte Höchstarbeit zu verrichten haben, um all seinen Mitspielern stets den neuesten Stand der Hochrechnungen über Weiterkommen oder Ausscheiden verklickern zu können.

          Wie war das noch mal mit der Berechnung der besten Gruppendritten? Abwehrchef Manuel Akanji gilt als Rechenmeister im Schweizer Team
          Wie war das noch mal mit der Berechnung der besten Gruppendritten? Abwehrchef Manuel Akanji gilt als Rechenmeister im Schweizer Team : Bild: EPA

          Denn erst am Mittwochabend, 23.00 Uhr MESZ, nach Abschluss der Vorrundenspiele in der „deutschen Gruppe“ F, wird es letzte Gewissheit geben, welche Gruppendritten zu den besten vier zählen – und ob die Schweizer dabei sind. Sage und schreibe 75 Stunden nach Abpfiff ihres eigenen Matches wissen die Schweizer, ob sie noch im Turnier sind oder nicht. Wahrlich eine Meisterleistung der Turnierplanung seitens der Uefa.

          Da wäre zunächst mal die Gruppe C an diesem Montag (18.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM in der ARD und bei MagentaTV). Hier kämpfen die Ukraine (4:4 Tore) und Österreich (3:3) punktgleich mit je drei Punkten um die Plätze zwei und drei. Die Schweizer hoffen auf einen Sieg, egal für wen, denn dann würde der jeweilige Verlierer bei drei Punkten verharren und läge in der Sondertabelle der Dritten schon mal hinter der Schweiz. Sollte das Spiel remis enden, gäbe es gleich zwei Verlierer: Österreich, da es wegen der weniger geschossenen Tore hinter der Ukraine abschließen würde – und die Schweiz, da sie diesen Rivalen vor sich wüsste.

          Schweizer Torschütze Seferovic (2.v.l.) beim Nachrechnen der Gruppenkonstellation: „Spuck’s aus, Haris“, fordert ihn Kollege Granit Xhaka (l.) auf
          Schweizer Torschütze Seferovic (2.v.l.) beim Nachrechnen der Gruppenkonstellation: „Spuck’s aus, Haris“, fordert ihn Kollege Granit Xhaka (l.) auf : Bild: dpa

          Weiter geht's am Abend (21.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM in der ARD und bei MagentaTV) in Gruppe C. Hier heißt es für die Schweizer: „Daumendrücken für Dänemark“. Und das nicht etwa nur wegen der gesundheitlichen Situation des im ersten Spiel kollabierten Christian Eriksen, sondern weil die Dänen (0 Punkte/1:3 Tore) dann die Russen (3/1:3) auf niedrigem Punktniveau halten würden und somit der Gruppendritte schlechter als die Schweiz. Der schlimmste Fall wäre ein Sieg der Russen sowie ein gleichzeitiger Erfolg der Finnen (3/1:1) gegen Belgien (6/5:1). Denn dann hätten alle drei Teams sechs Punkte und der Gruppendritte wäre auf alle Fälle besser als die Eidgenossen.

          Also eine Nacht in Ungewissheit schlafen und Gruppe D am Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM im der ARD und bei MagentaTV) abwarten: Dort wäre ein Remis zwischen Kroatien (1/1:2) und Schottland (1/0:2) das Schweizer Wunschergebnis, denn dann blieben diese beiden Mannschaften bei zwei Punkten stehen und wären auf alle Fälle schlechter.

          Wenn schon unbedingt ein Team gewinnen sollte, dann bitte die Schotten, aber höchstens 1:0 oder 2:1, damit sie bei dann vier Punkten in der Tordifferenz nicht an den Schweizern vorbeiziehen würden. Gut wäre auch, wenn es zwischen Tschechien (4/3:1) und England (4/1:0) im Parallelspiel einen Verlierer gäbe – und das wiederum mit mindesten zwei (wenn England verliert) oder drei (wenn Tschechien verliert) Toren Unterschied.

          Es bleibt kompliziert, aber der Mittwoch ist auch noch ein Tag, der entscheidet: Was macht eigentlich Gruppe E? Dort haben alle vier Teams noch alle Möglichkeiten, und das macht das Zuschauen (18.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV) nicht leichter für die Schweizer vor dem Fernseher in Rom.

          Am besten wäre es für sie, wenn die Polen (1/2:3) nicht gegen die Schweden (4/1:0) gewännen und auch die Spanier (2/1:1) nicht gegen die Slowaken (3/2:2). Dann wären Polen und Spanier schlechter in der Endabrechnung. Sollten aber die Polen gewinnen, wäre ein Remis der Slowaken gegen die Spanier nicht hilfreich, denn dann hätten drei Mannschaften jeweils vier Punkte und die Suche nach dem Rechenschieber begänne von vorne.

          Letzte Hoffnung deutsche Gruppe: am Mittwochabend (21.00 Uhr im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV). Klarer Auftrag an Frankreich (4/2:1) und Deutschland (3/4:3): Siege über Portugal (3/5:4) und Ungarn (1/1:4). Wahlweise könnten auch Portugal und Ungarn gewinnen, dann aber bitte deutlich. Sollten beide Spiele Unentschieden enden, wären die Schweizer im Hintertreffen – und je nachdem, was sich in den anderen vier Gruppen zugetragen hätte, ausgeschieden.

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          Doch sollte die Konstellation günstig für sie ausgehen, wüssten sie keine 75 Stunden nach Abpfiff ihres eigenen Spiels, dass sie eine Zukunft haben bei diesem Turnier.  Wo diese Zukunft aber stattfindet, das ist ebenfalls noch höchst unsicher und hängt davon ab, welche Dritten aus welchen Pools letztlich die Lotterie vier aus sechs für sich entschieden haben.

          Die Schweizer, sofern sie dabei sind, müssten entweder am Sonntag um 21.00 Uhr in Sevilla (im F.A.Z-Liveticker zur Fußball-EM) gegen den Sieger der Gruppe B antreten, oder am Montag um 21.00 Uhr in Bukarest gegen den Sieger der Gruppe F oder aber am Dienstag um 21.00 Uhr in Glasgow gegen den Sieger der Gruppe E. Von Rom aus alles kein Problem, denn von dort führen ja bekanntlich alle Wege irgendwohin.

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