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England vor der Fußball-EM : Das Ego der Löwinnen

  • -Aktualisiert am

EM im eigenen Land: England eröffnet das Turnier gegen Österreich. Bild: picture alliance / DeFodi Images

Das englische Team startet so selbstbewusst wie nie in die EM. Die Erwartungen im Land sind groß, die Spiele der Löwinnen sind ausverkauft. Das Turnier ist eine Chance für den Sport.

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          An diesem Mittwochabend wird das Stadion Old Trafford im Südwesten von Manchester – eine altehrwürdige Kathedrale des englischen Fußballs – bis auf den letzten Platz ausverkauft sein. Und zwar nicht, weil die Hausherren von Manchester United dort ein Premier-League-Spiel austragen würden, sondern weil dort das Eröffnungsspiel eines Wettbewerbs stattfindet, der Rekorde brechen wird: Es ist der Auftakt der Frauenfußball-Europameisterschaft 2022, Gastgeber England gegen Österreich, vor 71.300 Zuschauern (21.00 Uhr, im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-EM, in der ARD und bei DAZN)

          Zur Einordnung: Zu den Spielen der EM 2017 in den Niederlanden kamen insgesamt gut 240.000 Fans, und in England ist man nun zu Recht zuversichtlich, in diesem Sommer mehr als doppelt so viele Menschen in die Stadien locken zu können.

          England vor ausverkauftem Haus

          Eine gewisse Vorfreude war schon in den Tagen vor dem Auftakt des Turniers zu spüren: Viele Bars und Pubs in Manchesters Ausgehvierteln wollen die Spiele der englischen Mannschaft zeigen; sämtliche Begegnungen werden auf den verschiedenen Kanälen der BBC live übertragen.

          Wer sich spontan noch ein Ticket für eines der Gruppenspiele der Engländerinnen kaufen will, hat allerdings Pech: Die „Lionesses“ (Löwinnen) werden gegen Österreich, Norwegen und Nordirland jeweils vor vollen Rängen spielen.

          Für Spiele ohne englische Beteiligung gibt es dagegen noch Tickets; die Preise wurden bewusst niedrig angesetzt – als Vollzahler kommt man in der günstigsten Kategorie schon für zehn Pfund ins Stadion. Derweil sind die 87.200 Eintrittskarten für das Finale im Londoner Wembley Stadium bereits restlos vergriffen.

          Das hat auch mit den Erwartungen im Land zu tun. England gilt nach Ansicht vieler Kommentatoren in den Medien und ehemaliger Spielerinnen als einer der Favoriten auf den EM-Sieg – obwohl auch Nationen wie Spanien, Schweden und die Niederlande mit den höchsten Ambitionen anreisen. Englands Trainerin Sarina Wiegman hat die Mannschaft im vergangenen September übernommen, seitdem haben sie 14 Spiele in Serie nicht verloren.

          Im Februar gewann England das neu eingeführte Vier-Nationen-Turnier, an dem auch Olympiasieger Kanada, Spanien und Deutschland teilnahmen. Die drei EM-Testspiele im Juni gewann England überzeugend mit 3:0 gegen Belgien, 5:1 gegen die Niederlande und 4:0 gegen die Schweiz. Die frühere Nationalspielerin Kelly Smith sagte der BBC, sie erkenne bei der Mannschaft „einen Hauch von Arroganz, ein Selbstvertrauen und ein Ego“, wie sie es noch nie erlebt habe.

          Detailversessen und taktisch variabel

          Die starke Form der Engländerinnen gilt als das Verdienst von Wiegman. Die 52-jährige Niederländerin führte ihr Heimatland 2017 zum EM-Titel und bei der Weltmeisterschaft 2019 bis ins Finale, das es gegen die Vereinigten Staaten verlor. Sie stellt ihre Mannschaft bevorzugt in einer 4-3-3-Formation auf und ermutigt sie, das Angriffsspiel von hinten heraus aufzubauen. Gleichwohl gilt sie als detailversessen und taktisch variabel, wodurch ihr Team für den Gegner schwerer auszurechnen ist.

          Trainerin Sarina Wiegman
          Trainerin Sarina Wiegman : Bild: dpa

          Im Vorfeld des Eröffnungsspiels legte sie sich nicht öffentlich auf eine Startelf fest, sondern betonte die Tiefe ihres Kaders – so machten in den Testspielen oft kluge Einwechslungen den Unterschied aus. „Es ist ein gutes Ergebnis“, sagte Wiegman nach dem Sieg gegen die Schweiz: „Wir haben wieder gezeigt, dass wir eine sehr fitte Mannschaft sind. Wir haben außerdem wieder gezeigt, dass wir nicht nur mit elf Spielerinnen spielen. Wir haben in unserem Kader so viel mehr Spielerinnen, die in der zweiten Halbzeit etwas verändern können.“

          Alle Augen auf Lauren Hemp

          Dennoch gibt es im englischen Aufgebot Schlüsselspielerinnen, von denen Fans und Beobachter besondere Leistungen erwarten. Dazu gehört vor allem Lauren Hemp, die 21 Jahre alte Linksaußen von Manchester City. Sie ist schnell, dynamisch und dribbelstark mit einem ausgeprägten Zug zum Tor. Die Abwehrspielerin Millie Bright sagte über Hemp: „Bei ihrem Tempo fürchtet sich jede Verteidigerin, gegen sie ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Wir versuchen ihr so oft wir können den Ball zu geben.“

          Schlüsselspielerin: Lauren Hemp
          Schlüsselspielerin: Lauren Hemp : Bild: Action Images via Reuters

          Die 25 Jahre alte variabel einsetzbare Defensivspielerin Leah Williamson vom FC Arsenal wurde unter Wiegman überraschend zur neuen Kapitänin ernannt, auf ihren Schultern lastet schon deshalb eine besondere Verantwortung. Viel hängt außerdem von der ikonischen Stürmerin Ellen White ab, die mit 33 Jahren womöglich vor ihrem letzten großen Turnier als Nationalspielerin steht.

          Schon jetzt steht fest: Die EM wird das größte Ereignis in der Geschichte des Frauenfußballs in Europa. Die Organisatoren erwarten, dass bis zu 100.000 internationale Fans nach England reisen, mehr als 250 Millionen könnten die Spiele weltweit am Fernseher verfolgen. In England erhofft man sich davon auch eine Sogwirkung für die Women’s Super League (WSL), die nationale Profiliga. Sie gilt als die wohl beste Liga der Welt – auch wenn die US-amerikanische National Women’s Soccer League (NWSL) das anders sieht – mit einigen der aktuell besten Spielerinnen.

          Doch das öffentliche Interesse schwankt: Zum FA-Cup-Finale zwischen Chelsea und Manchester City kamen im Mai 49.000 Fans, das am besten besuchte WSL-Spiel in der zurückliegenden Saison war Manchester United gegen den FC Everton mit über 20.000 Zuschauern. Der Schnitt aber liegt weit darunter, Teams wie Birmingham City oder Reading FC trugen ihre Heimspiele nur vor ein paar Hundert Interessierten aus.

          Die Europameisterschaft ist deshalb auch eine Chance für den Sport. Sollte England beim Eröffnungsspiel die Massen im Old Trafford begeistern, sollten sie ins Endspiel im ausverkauften Wembley Stadium vordringen und dort triumphieren, überzeugt das vielleicht mehr und mehr Menschen, sich in der nächsten Saison eine Dauerkarte bei ihrem nächstgelegenen Frauenfußballklub zu kaufen.

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