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EM-Topfavorit Frankreich : Geht das gut mit Benzema?

Karim Benzema trägt wieder das französische Trikot. Bild: Reuters

Frankreichs Superathleten sind die Favoriten auf den Titel bei dieser EM. Mit der Rückholaktion von Stürmer Karim Benzema geht Trainer Didier Deschamps ins Risiko – aus gutem Grund.

          3 Min.

          Am späten Dienstagabend, weniger als 72 Stunden vor dem Start der Fußball-Europameisterschaft, sitzt Didier Deschamps, der Trainer der französischen Nationalmannschaft, im Presseraum des Stade de France in Saint-Denis und spricht über die acht Minuten, die die Fans in seinem Heimatland früher am Abend verunsichert haben.

          Fußball-EM
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          In der 31. Minute springt der französische Stürmer Karim Benzema im Testspiel gegen Bulgarien hoch, fällt hin und kommt danach nur langsam auf die Beine. In der 33. Minute steht er an der Mittellinie und kreist sein rechtes Knie, das ihm offensichtlich wehtut. In der 35. Minute lässt er sich schnell an der Seitenlinie behandeln. In der 37. Minute setzt er sich plötzlich auf den Rasen und fasst sich ans Knie. In der 39. Minute läuft er, begleitet von zwei Betreuern, wieder zur Seitenlinie, wo ein neuer Spieler für ihn eingewechselt wird. Und als einer der Betreuer dann auf der Bank das Knie abtastet und Benzema das Gesicht verzieht, teilen viele französischen Fans ihre Verunsicherung im Internet.

          „Es gibt Schlimmeres im Leben“

          Am späten Dienstagabend sitzt Deschamps dann aber entspannt auf seinem Stuhl im Presseraum und sagt: „Es gibt Schlimmeres im Leben.“ Es ist schon bemerkenswert, dass sich der Trainer der Franzosen offenbar nicht verunsichern lässt, wenn er seinen Stürmer, der in den vergangenen drei Saisons in der spanischen Liga 21, 21 und 23 Tore für Real Madrid geschossen hat, so kurz vor einem großen Turnier auswechseln muss. „Er hat einen Schlag aufs Knie und auf den Muskel bekommen und wollte kein Risiko eingehen“, sagt Deschamps später.

          Nun ist Benzema wieder bereit für erste EM-Spiel gegen Deutschland an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, im ZDF und bei MagentaTV). Am Samstag nahm er wieder am Mannschaftstraining teil und gab danach bekannt: „Ich hatte keine Schmerzen oder Beschwerden. Ich bin also zu 100 Prozent einsatzbereit.“ Und wer sich an die WM 2018 erinnert, kann sowieso nachvollziehen, warum sich Deschamps nicht verunsichern ließ. Seine Mannschaft war auch ohne Karim Benzema nicht zu schlagen.

          Wenn man verstehen will, wie die Franzosen vor drei Jahren den wichtigsten Pokal des Weltfußballs erobert haben, muss man untersuchen, wie das Spiel sich entwickelt hat. Es gab damals noch immer ein Machtvakuum, das nach dem Ende der spanischen Ballbesitz-Hegemonie im Sommer 2014 entstanden war.

          Vor ein paar Monaten hat der Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm in einem F.A.S.-Interview den Stilwandel analysiert, der sich seitdem vollzogen hat: „Es gibt eindeutig weniger Ballbesitz, weniger Spielkontrolle. Mehr Hin und Her, mehr Rauf und Runter. Das Spiel wird athletischer. Es geht um schnelles Spiel mit schnellem Torabschluss. (. . .) Im Mittelpunkt stehen athletische, schnelle Spieler.“ Diese Theorie lässt sich auch dadurch belegen, dass Liverpool und Chelsea so die Champions League gewonnen haben. Den ersten „Smoking Gun“-Beweis gab es aber schon davor: den WM-Sieg der französischen Nationalmannschaft.

          Frankreich und die Superathleten

          Als Trainer setzt Didier Deschamps auf eine Achse aus Ausnahmeathleten. In der Abwehr sind es Raphaël Varane und Presnel Kimpembe. Im Mittelfeld sind es Paul Pogba und vor allem N’Golo Kanté. Im Sturm ist es Kylian Mbappé. Und weil er seine Superathleten mit Spielern umgeben hat, die ihre Aufgaben zuverlässig erledigen, konnte er eine Mannschaft entwickeln, die vorerst den Maßstab gesetzt hat.

          Jetzt will Deschamps mit ihr weiter an der Spitze des Fortschritts stehen – und hat dafür eine mutige Entscheidung getroffen. Er hat Karim Benzema nominiert. Das hört sich nicht mutig an, denn Benzema, 33 Jahre alt, ist der wohl beste Mittelstürmer des vergangenen Jahrzehnts. So einfach ist es aber nicht. Es gibt nämlich einen guten Grund, warum er seit mehr als fünf Jahren nicht mehr für sein Land gespielt hat.

          Im Herbst 2015 kam heraus, dass er Mathieu Valbuena, seinen damaligen Mitspieler aus der Nationalmannschaft, mit einem Sexvideo erpresst haben soll. Er wurde wegen „Mittäterschaft bei einem Erpressungsversuch und Mitwirken in einer kriminellen Vereinigung“ angeklagt. Wie ist Deschamps mit dieser Vorgeschichte umgegangen? „Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber es gab einige Schritte, die vorher erledigt werden mussten“, sagte er neulich. „Das bleibt zwischen ihm und mir.“

          Am Dienstagabend, im Testspiel gegen Bulgarien, hat Deschamps für Benzema übrigens Olivier Giroud eingewechselt. Er bot damit unfreiwillig eine gute Gelegenheit, um noch mal auf das Risiko der Rückholaktion hinzuweisen. Vor einem Jahr hatte sich Benzema nämlich auf seinem Instagram-Kanal über Giroud lustig gemacht. „Man verwechselt die Formel 1 nicht mit Go-kart“, sagte er, als er sich mit seinem Landsmann verglich. Im Anschluss an das Bulgarien-Spiel klagte dann Giroud auch noch darüber, dass er nicht oft genug angespielt werde – was Kylian Mbappé, so steht es in der L’ Équipe, dermaßen ärgerte, dass er angeblich in die Pressekonferenz marschieren und darauf antworten wollte.

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          Man könnte nun entsetzt fragen: Was tut Deschamps da bloß? Die Antwort ist offensichtlich: Er hat einen Stürmer nominiert, der mit seinen Fähigkeiten der Torschützenkönig des Turniers werden kann. Und er hat sich an den Trainerglauben gehalten, dass auf Stillstand automatisch Rückschritt folgt. Mit Benzema in der Mannschaft kann Deschamps keinen Fortschritt garantieren, aber Stillstand ausschließen.

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