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Finnland bei der EM : Hradecky fällt aus der üblichen Fußballprofi-Rolle

  • -Aktualisiert am

Die „Spinne“ ist am Ball: Finnlands Torwart Lukas Hradecky Bild: dpa

Lukas Hradecky trinkt gerne ein Bier und geht offen damit um. Mit dem finnischen Team hat der Torwart aus Leverkusen Großes vor bei der EM. Dort stand er vor allem im ersten Spiel schon im Fokus.

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          Eigentlich singen die Finnen nach Siegen einen Song namens „Oi Suomi on“, hat Lukas Hradecky einmal erzählt. Die Mannschaft um den Torhüter von Bayer Leverkusen huldigt mit diesem Ritual die Vorzüge ihres Heimatlandes: „Oh Finnland ist, oh Finnland ist, oh Finnland ist ein schönes Land“, heißt es in dem Text. „Wir haben Sauna, Schnaps und Äxte, oh Finnland ist ein schönes Land.“ Jetzt sind sie tatsächlich nicht nur erstmals bei einer EM dabei, sie haben sogar eine Partie gewonnen.

          Fußball-EM

          Doch nach dem 1:0 gegen Dänemark zum Turnierauftakt, in dessen Verlauf sich das Drama um den kollabierten Christian Eriksen ereignet hatte, sang niemand. Das 0:1 gegen Russland in der zweiten Partie bot auch keinen Anlass für Partystimmung, im dritten Gruppenspiel gegen Belgien an diesem Montag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM und bei MagentaTV) soll dieses Turnier mit dem Achtelfinaleinzug endlich in ein freudvolles Fußballfest verwandelt werden. Das Team stehe vor dem „größten Spiel der finnischen Fußballgeschichte“, sagt Cheftrainer Markku Kanerva und betont: „Wir haben alles in unserer eigenen Hand.“

          Aber auch ohne Teilnahme an der K.-o.-Runde wird das Turnier ein unvergessliches Erlebnis für Hradecky bleiben. Nach dem Auftaktspiel sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, einen Elfmeterschuss von Pierre-Emile Höjbjerg nicht absichtlich ins Tor gelassen zu haben, weil die Dänen spürbar mitgenommen waren und kaum vernünftig spielen konnten nach der erfolgreichen Reanimation ihres Stars und im Empfinden vieler Beobachter nicht auch noch mit einer Niederlage bestraft werden sollten.

          „Entspannt ein Bierchen trinken“

          Man könne sich „auf alles vorbereiten, was mit der eigenen Leistung zu tun“ habe, sagt Hradecky in der Bild-Zeitung, „aber nicht auf so was“. In dieser speziellen Situation hätte jede Art von Verhalten Angriffsflächen geboten. Hätte er den Ball ins Tor gelassen, wäre die Kritik womöglich zu einem Shitstorm angeschwollen, er hätte sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine einmalige Chance für die Finnen herzuschenken.

          Mit diesem gehaltenen Elfmeter wurde Hradecky nun endgültig zu einer nationalen Berühmtheit. Vor der EM habe er noch ziemlich „entspannt in Finnland herumgehen und ein Bierchen trinken“ können, das wird jetzt möglicherweise anders. Hradecky trinkt im Übrigen gerne Bier, was am Rande eines Länderspiels gegen Belarus 2018 für Aufregung sorgte. Nach Finnlands 2:0-Sieg griff er sich den Becher eines Zuschauers, den er in einem kräftigen Zug leerte.

          Ein paar Wochen nach diesem Raub hatte er das Diebstahlopfer ausfindig gemacht und ihm zum Ausgleich 24 Dosen tschechischen Biers zukommen lassen, „Schuld beglichen“, twitterte er. Hradecky ist ein Fußballer, der nicht nur für seine Reflexe, sondern auch seine Spontanität und seinen Humor geschätzt wird. Wobei er nach der Aktion mit dem Bier des Zuschauers unter den Verdacht geriet, jeden Abend betrunken zu sein. „Natürlich ist das nicht der Fall, ich bin ein Profi“, sagt er. „Ich mache Netflix an, koche etwas zu essen, nehme ein Bier aus dem Kühlschrank und ruhe mich dann aus.“

          Hradecky weiß zwar um seine Privilegien als Großverdiener, erzählt aber auch von den Schattenseiten dieses Lebensentwurfs. Das Verhalten von Fußballern werde schnell fehlinterpretiert oder gar absichtlich missverstanden, man sei als Profi „irgendwie eingesperrt“. Wer nicht aufpasst, wird durch die öffentliche Erwartungshaltung und die Furcht davor, anzuecken, schnell zu einem normierten Standardprofi verbogen. Hradecky ist einer, der sich gegen solche Zwänge wehrt. „Ich denke, es ist wichtig, man selbst zu sein, und zum Glück habe ich das früh erkannt“, sagt der Profi, der daran gewöhnt ist, ein wenig aus der Rolle zu fallen.

          Fußball-EM

          Geboren wurde er im slowakischen Bratislava, ein paar Tage nachdem die Mauer gefallen war. Kurz darauf wanderte seine Familie aus in die finnische Hafenstadt Turku. Hier konnte Vater Vlado, ein gelernter Ingenieur, nach dem Ende des Kalten Krieges Geld als professioneller Volleyballspieler verdienen.

          Die junge Familie blieb, Lukas wurde Fußballer und erhielt den Spitznamen „die Spinne“. Weil er sich gerne breit mit abgespreizten Armen vor den gegnerischen Stürmern aufbaut. In Leverkusen ist er nach dem Karriereende der Bender-Zwillinge einer der ganz wenigen Spieler, die der Kategorie „echter Typ“ angehören, und wird auch deshalb im kommenden Jahr eine Schlüsselrolle einnehmen. Weil er mit seiner Art hilft, den Fußballbetrieb mit einer gewissen Leichtigkeit zu betrachten.

          Als er 2014 von Bröndby Kopenhagen zu Eintracht Frankfurt wechselte, behauptete er, Torwart geworden zu sein, weil er zu faul ist, so viel zu laufen wie seine Kollegen aus dem Feld, nun sagt er: „Ich hoffe, dass wir in Belgien unterschätzt werden, aber wir sind nicht so schwach, wie man vielleicht denkt.“ Wobei die Belgier oft Probleme mit den Finnen haben. Von den fünf Duellen seit der Jahrtausendwende haben die Skandinavier zwei gewonnen und kein einziges verloren.

          Besonders denkwürdig war das 2:0 gewonnene Spiel aus dem Jahr 2007, als ein immer wieder tief über den Rasen fliegender Uhu für eine lange Unterbrechung sorgte und zum Maskottchen des Teams wurde. Mit einem weiteren Sieg stünden die Finnen im Achtelfinale, mit einem Unentschieden können sie hoffen, und mit ganz viel Glück könnte sogar eine Niederlage zum Einzug in die K.-o.-Runde reichen.

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