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Premiere bei Fußball-EM : Finnland und die Kraft des Uhus

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„Unbeschreiblich“: Finnlands Torwart Lukas Hradecky hat zwei Dutzend Freunde dabei, die „alle sie selbst sein dürfen“. Bild: WITTERS

Die finnische Mannschaft hat eine sagenhaften Verlierergeschichte hinter sich. Bei der EM setzten sie auf unerwartete Manöver, ganz wie der Uhu. Sie wollen die Außenseiter der Herzen werden.

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          Der Uhu ist ein Wesen mit einer ausgeprägten Fähigkeit, seine Gegner zu überraschen. Nicht nur im Sturzflug erlegt dieser Greifvogel seine Beute, er ist auch in der Lage, „eine flüchtende Maus am Boden laufend einzuholen“, heißt es bei Wikipedia. Mit unerwarteten Manövern ist also zu rechnen, wenn die „Uhus“ an diesem Samstag mit ihrem Spiel gegen Dänemark ins EM-Turnier einsteigen. Seit einer dieser Raubvögel 2007 eine fast zehnminütige Unterbrechung eines Länderspiels der Finnen gegen Belgien verursachte, trägt der EM-Debütant aus Skandinavien den Beinamen „Huuhkajat“ – die Uhus.

          Fußball-EM

          Das Tier war damals plötzlich im Stadion aufgetaucht und rauschte mit seinen zwei Metern Spannweite tief über die Köpfe der Spieler hinweg. Zwischendurch ruhte es sich auf der Torlatte aus, um anschließend unter dem Jubel des Publikums seine nächste Runde im Tiefflug zu drehen. Der Uhu wurde später zum Ehrenbürger von Helsinki ernannt und zum Glücksbringer der Fußballer. „Wir müssen den gleichen Uhu wieder einladen in Sankt Petersburg am 21. Juni“, schlägt Torhüter Lukas Hradecky vor; wie beim 2:0-Sieg von damals könne das Tier dann helfen, „die belgische Mannschaft ein bisschen auseinanderzunehmen“.

          Dass die Finnen bei dieser EM ohne solcherlei Hilfe viel bewirken, glaubt nämlich kaum jemand. Vielmehr sind die Uhus – gemeinsam mit Nordmazedonien – der größte Außenseiter und wahrscheinlich auch der fremdeste Exot im Teilnehmerfeld. So gut die Finnen auch Eishockey spielen, im Fußball blickt diese Nation auf eine sagenhafte Verlierergeschichte zurück. Seit der Erfindung internationaler Großturniere haben finnische Mannschaften 33 Mal an Qualifikationsrunden für Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, die ersten 32 Versuche misslangen. Nicht einmal die goldene Generation um Sami Hyypiä und Jari Litmanen war in der Lage gewesen, die Jahre des dauerhaften Misserfolgs zu beenden.

          Zauberhafte Kraft

          Erst vor dem nun beginnenden Event mischten sich Glück und Können mit dem Stoff, aus dem so viele der großen Fußballerzählungen entstehen: der zauberhaften Kraft einer funktionierenden Gemeinschaft. „Das, was wir jetzt haben, ist unbeschreiblich“, sagt Hradecky, der bei Bayer Leverkusen in der Bundesliga spielt. „Wir sind 25 Leute, die befreundet sind, und alle dürfen die sein, die sie sind.“

          Auch deshalb ist diese Mannschaft sehr beliebt bei den Menschen in Finnland, die im November 2019 einen Moment der Ekstase erlebten. Die Vollendung der Qualifikation, als der Bann mit einem 3:0-Sieg über Liechtenstein gebrochen wurde, beschreibt Kapitän Tim Sparv in einem Beitrag für das Magazin 11Freunde als Moment, in dem „die Finnen, eigentlich für ihr zurückhaltendes Temperament bekannt, komplett durchdrehten“. „Eine Verwandlung“, eine „heroische Defensive“ und „der beste Teamgeist“, den er jemals erlebt habe, seien das Fundament dieses Erfolges, glaubt Sparv.

          Tippspiel zur Fußball-EM
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          Ein Jahr später erhielt die Begeisterung einen weiteren Schub, als Finnland ein Freundschaftsspiel gegen Weltmeister Frankreich gewann, auch in der Nations League lief es gut. In den vergangenen Wochen sind sie aber doch wieder unter Verdacht geraten, ein notorisches Verliererteam zu sein. In der Vorbereitung auf die EM hat Finnland nur verloren, kein Tor geschossen, sogar der Fußballzwerg Estland war bei der 0:1-Niederlage in der vergangenen Woche zu stark.

          „Glauben zünden“

          Das sei „kein ausreichendes Niveau“, sagt Trainer Markku Kanerva. Vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Leiden ist diese kleine Niederlagenserie dieses Frühjahrs aber nicht mehr als eine Lappalie. „Ich habe diese Scheiß-Phasen durchgemacht, und das hat nicht so viel Spaß gemacht“, sagt Hradecky. „Aber irgendwann, durch die schwere Zeit, die jeder erleben muss, kannst du zu einem bestimmten Zeitpunkt den Glauben wieder zünden.“

          Das soll an diesem Samstag gegen die Dänen klappen (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, auf ZDF und bei MagentaTV), die mehreren finnischen Spielern sehr nahestehen. Etliche EM-Profis standen irgendwann in ihrer Karriere bei einem dänischen Klub unter Vertrag. Hradecky zum Beispiel, der mit seinem EM-Zimmergenossen Teemu Pukki bei Bröndby Kopenhagen zusammenspielte. „Dadurch ist die Bedeutung dieses Spiels ganz groß“, sagt der Torhüter, eine besondere Rivalität gebe es aber nicht. „Wir sind eigentlich immer wie kleinere Brüder gewesen.“

          Jetzt wollen die Finnen schaffen, was den Isländern bei der EM 2016 gelang: Außenseiter der Herzen werden. Das damalige Team von der Vulkaninsel ganz im Nordwesten Europas sei eine „Inspiration“, sagt Hradecky, zumal die Finnen sich auch fußballerisch an den isländischen Defensivkünstlern orientieren.

          Spektakuläre Fußballfeste sind nicht zu erwarten, wenn Finnland spielt, die wichtigste Stärke dieser Mannschaft liegt eindeutig in der Kunst des Verteidigens. In sechs von zehn Qualifikationsspielen ließen sie keinen Gegentreffer zu. Die Offensivkräfte des Außenseiters sind hingegen limitiert, vorne lauert vor allem der 31 Jahre alte Pukki, der gerade mit 26 Treffern einen entscheidenden Beitrag zum Aufstieg von Norwich City in die Premier League beigetragen hat. Zur Not muss eben der Uhu helfen.

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