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Europameister Spanien : Echte und falsche Neuner

Der falsche Neuner: Cesc Fabregas ist gelernter offensiver Mittelfeldspieler Bild: dpa

Die Mittelstürmerfrage lässt Spanien nicht zur Ruhe kommen. Wer soll für den Welt- und Europameister die Tore schießen? Trainer del Bosque gibt sich unbeeindruckt.

          Eine große und eine kleine Diskussion beherrschen die spanische Fußballwelt nach dem 1:1 der „Selección“ im Auftaktspiel gegen Italien. Die große betraf den fehlenden Mittelstürmer, die kleine den stumpfen Holperrasen von Danzig. Vor der zweiten Gruppenpartie an diesem Donnerstag gegen Irland (20.45 Uhr/Live im FAZ.NET-Ticker) sind beide ungelöst.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          „Man tut dem Fußball mit so einem trockenen Platz keinen Gefallen“, sagte Spaniens Trainer Vicente del Bosque nach dem Unentschieden gegen eine überraschend starke italienische Mannschaft. „Wäre das Feld feuchter gewesen, hätten die Zuschauer ein besseres Spiel gesehen.“ Als Entschuldigung wollte der Trainer das aber nicht gelten lassen. Anders als manche seiner Spieler, die auch die Länge des Rasens beklagten, mochte sich del Bosque mit dem Thema nicht aufhalten. Ob vor der Partie oder in der Halbzeit noch einmal gewässert wird, hängt ohnehin vom Einverständnis beider Teams ab, und da Italien sich weigerte, war Spanien machtlos.

          Wer schießt die Tore? Die Spanier lamentieren über mangelnde Torgefahr

          Komplexer ist die Mittelstürmerfrage. Der Generalbefund ist, dass Spanien zu wenig Tore schießt. Das war jedoch schon vor zwei Jahren so und ist außerhalb Spaniens vielleicht in Vergessenheit geraten. Auf dem Weg zum WM-Titel besiegte der Europameister im Achtelfinale Portugal 1:0, im Viertelfinale Paraguay 1:0, im Halbfinale Deutschland 1:0 und im Finale die Niederlande nach Verlängerung 1:0. Es kostet ein dichtes Kombinationsnetz und unendlich viele Ballkontakte, um die Kugel in den gegnerischen Kasten zu bringen. „Wir haben nur unsere Chancen nicht genutzt“, sagte Andrés Iniesta nach der Partie gegen Italien. Doch unzufrieden war der offensive Mittelfeldmann nicht. Hin und wieder leidet ja auch sein FC Barcelona, das ideelle Vorbild der spanischen Nationalmannschaft, unter einer Flaute, wie man in den Champions-League-Halbfinalspielen gegen den FC Chelsea beobachten konnte. Und das trotz eines Lionel Messi.

          Villa fehlt den Spaniern schon jetzt

          In solchen Fällen wirkt das Spiel der überlegenen Mannschaft wie eine Häkelstunde: ornamental, ein Zeitvertreib. Wie wichtig der fehlende David Villa für dieses Spiel ist, lässt sich nicht nur an seiner grandiosen Ausbeute von 51 Toren in 82 Länderspielen belegen. Villa kommt von links und zieht durch gekonntes Freilaufen die gegnerische Verteidigung in die Breite. Damit öffnet er Räume, in die seine Mitspieler stoßen können.

          Echter Neuner: Torres (im Foto rechts) ist ein klassischer Mittelstürmer - durfte gegen Italien aber nur in der Schlussphase ran

          Del Bosques Entscheidung, gegen Italien mit Cesc Fàbregas als „falschem Neuner“ zu beginnen, ist teils auf Kritik gestoßen, doch im Grunde hat die Sache sogar gut funktioniert: Fàbregas erzielte nach schöner Kombination das schnelle Ausgleichstor, und das gegen ein vor allem in der Verteidigung cleveres Team wie Italien. Wenn Tore den Einsatz eines Stürmers rechtfertigen, müsste das reichen. Schwieriger wird das Ganze dadurch, dass der eingewechselte „echte Neuner“ Fernando Torres zweimal allein vor Buffon auftauchte und beide Chancen vergab. Das hätte der Sieg sein können.

          Torres: der Mann für Steilpässe

          Manche Spanier sagen, man müsse Torres weiterspielen lassen, damit er Selbstvertrauen gewinne. Auch unter spanischen Sportjournalisten ist diese Frage aber offen, wie eine Umfrage der Zeitung „Marca“ unter 25 Kollegen ergab. Die relative Mehrheit votierte für Fernando Torres, weil es keinen besseren Mann für Steilpässe und Kontersituationen gebe. So hat „El Niño“ vor vier Jahren in Wien sein legendäres Tor im EM-Finale gegen Deutschland geschossen - eine Partie, die trotz großer spanischer Überlegenheit natürlich nur mit einem 1:0 endete.

          In Feierlaune: Die spanischen Fans um Kult-Trommler „Manolo“ wollen bei der EM den ersten Sieg bejubeln

          Gegen Irland, sollte er spielen, müsse Torres nur besser zielen. Für viele Experten hat sich wiederum Fernando Llorente in der abgelaufenen Saison die Meriten erworben, als echter Neuner zu spielen - er gilt als torgefährlich, extrem kopfballstark, deckt den Ball gut ab und versteht es, auf engem Raum zu agieren, was im spanischen System immer hilfreich ist.

          Wieder andere Journalisten fanden die Fàbregas-Lösung gar nicht so schlecht oder setzen aus dem Mittelfeld-Peloton David Silva an vorderste Front. Im Grunde brauche Spanien nämlich keinen Sturmtank alter Prägung. Das Tempospiel selbst erzeuge den Druck. Aus dieser Fähigkeit erwachsen die blitzschnellen Ballstafetten, die plötzlich einen Iniesta oder einen Silva allein vor dem Torwart auftauchen lassen.

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          Auch Juan Mata vom FC Chelsea passt auf die Stellenbeschreibung: klein, wendig, torgefährlich. Auf Álvaro Negredo vertrauen die wenigsten, doch das mag an mangelnder Gelegenheit liegen. Zehn Länderspiele hat der robuste Mittelstürmer des FC Sevilla bisher erst bestritten. Was immer die Außenwelt zu debattieren hat, in der Mannschaft herrscht Einigkeit: Der Trainer wird sich für die Partie gegen Irland nicht von Umfragen beeinflussen lassen. „Ich entscheide danach, was am besten für Spanien ist“, sagt Vicente del Bosque.

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