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EM-Auftakt gegen Russland : England bläst zur Attacke!

Träumen vom Titel: Englands Kapitän Rooney und Nationalcoach Hodgson Bild: Reuters

Früher war England nur Rooney und schlechte Torhüter: Nun erfreut sich das Team vor dem EM-Start gegen Russland einer unverhofften Stürmer-Blüte. In der Defensive hat Trainer Roy Hodgson zwar keine große Auswahl – trotzdem gibt er sich angriffslustig.

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          Roy Hodgson ist ein höflicher, humorvoller Brite wie aus dem Bilderbuch. Nicht nur sein Auftreten erinnert an alte Zeiten, auch seine Personalwahl für die Europameisterschaft. Seit der Nationaltrainer seinen Kader bekanntgab, diskutiert halb England, ob das im 21. Jahrhundert gutgehen kann: ein Turnier zu bestreiten mit fünf Mittelstürmern und drei Innenverteidigern. Üblich wäre es umgekehrt. Die ungewöhnliche Verteilung erinnert fast an die Art und Weise, wie man im späten 19. Jahrhundert in England Fußball spielte: mit zwei Verteidigern und fünf Stürmern.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Natürlich ist Hodgson trotzdem ein sehr moderner Trainer. Er reagiert einfach nur auf das erstaunliche Angebot an Offensivtalenten, das ihm die vergangene Saison eröffnet hat - und an das geringe an Defensivtalenten. Und natürlich wird er an diesem Samstag gegen Russland (21 Uhr / Live im ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET) nicht alle Stürmer gleichzeitig spielen lassen.

          Frisch und flexibel wie lange nicht mehr

          Nachdem beim letzten Test gegen Portugal (1:0) die Kombination der beiden Top-Torjäger Harry Kane und Jamie Vardy nicht gut funktionierte, melden mehrere englische Zeitungen, dass Vardy auf der Bank bleiben und statt seiner der Flügelstürmer Raheem Sterling in einem 4-3-3-System agieren werde. Es wäre eine Abkehr von dem System mit einer Mittelfeldraute, mit dem die Engländer im März in Berlin einen 0:2-Rückstand noch zum 3:2-Sieg gegen Weltmeister Deutschland drehten und in der Heimat Hoffnungen schürten.

          So oder so ist von den Engländern der flexibelste und frischeste Fußball seit langem zu erwarten. Spielte das Nationalteam nach Hodgsons Ernennung 2012 noch ein starres 4-4-2, das den früheren Nationalstürmer Gary Lineker an „Fußball aus den dunklen Zeiten“ erinnerte, ist durch eine neue Generation taktisch und technisch besser ausgebildeter Spieler wie dem 20-jährigen Regisseur Dele Alli der zeitgemäße Fußball in Englands Auswahl angekommen. Zugleich mahnt Hodgson: „Systeme gewinnen nichts, Spieler gewinnen Spiele.“ Er fügt aber, weil er deren Qualität kennt, an: „Wenn sie nur annähernd das zeigen, wozu sie fähig sind, werden wir nur schwer zu schlagen sein.“

          Bild: DPA

          Das klingt deutlich angriffslustiger und selbstbewusster als vor zwei Jahren vor der WM in Brasilien, die für die Engländer denn auch mit dem Vorrunden-Aus endete. Verbandschef Greg Dyke hatte kurz vor dem Turnier beklagt, dass in den vier Top-Teams der Premier League der WM-Saison „nur 23 Prozent Profis standen, die auch für England spielen dürfen. Das ist alarmierend.“ Der ehemalige Nationalspieler Dany Mills prognostizierte: „Wenn das so weitergeht, werden wir mit einer Nationalelf enden, in deren Reihen Zweitligaspieler eingesetzt werden.“

          Doch zwei Jahre danach sind plötzlich die aufregendsten Spieler der Premier League Engländer, vor allem die Angreifer. Während in Italien ein Argentinier Torschützenkönig wurde, in Spanien ein Uruguayer, in Frankreich ein Schwede und in Deutschland ein Pole, ist es nun ausgerechnet in der reichsten Liga von allen, die sich spielerische Klasse in aller Welt einzukaufen pflegt, anders. Erstmals seit 16 Jahren kommt der englische Torschützenkönig aus England: Kane, knapp vor Vardy.

          Dazu ist Wayne Rooney, mit zwölf Treffern in fünfzehn Spielen seit der WM und als Mann aus dem Rückraum hinter Kane plaziert, vor allem im Nationalteam eine Bank. Auch Daniel Sturridge findet nach diversen Verletzungen allmählich zu alter Torgefahr zurück - und vor allem Marcus Rashford gilt als großes Versprechen für die Zukunft.

          „Wie er gespielt hat, war unglaublich, wirklich“, schwärmte Kapitän Rooney nach dem Debüt des 18 Jahre alten Angreifers im Nationalteam gegen Australien. Hodgson bescheinigte ihm „besondere Fähigkeiten“. In seiner Nominierung mag auch ein Fünkchen Aberglauben liegen. Rashford traf in seinem ersten Einsatz als Profi von Manchester United, in seinem ersten in der Premier League und in seinem ersten als Nationalspieler - und immer mit der ersten Aktion. Warum nicht auch in seinem ersten Einsatz als EM-Spieler? So viel offensives Talent auf einmal war nie in einem englischen Kader.



          Dafür fehlt es in der Defensive. Mit Gary Cahill, Chris Smalling und John Stones fand Hodgson nur drei EM-reife Innenverteidiger, alle nach enttäuschenden Spielzeiten mit ihren Teams Chelsea, Manchester United und Everton. Als Aushilfe taugt nur noch Eric Dier, der als Sechser vor der Abwehr aufräumen soll, im Fall von Verletzungen oder Sperren aber auch als Notfall-Verteidiger einspringen müsste. Auch wegen der defensiv dünnen Decke fordert Torwart Joe Hart „Rücksichtslosigkeit“ von seinem Team - um zwanzig Jahre nach dem Halbfinal-Aus im Elfmeterschießen gegen Deutschland bei der Heim-EM 1996 endlich wieder einmal bei einer Welt- oder Europameisterschaft weiter zu kommen als nur bis ins Viertelfinale. „Wir müssen beweisen, dass diesmal etwas anders ist.“

          „Die Balance stimmt“, beteuert Hodgson gegenüber den Skeptikern, die seinen Kader zu offensiv finden. „Wir glauben, dass Verteidigen Aufgabe der ganzen Mannschaft ist.“ Sogar wenn er mal ein Torwartproblem bekommen sollte, was ja bei englischen Mannschaften vorkommen kann, fände er mögliche Hilfe bei seinen Multitasking-Stürmern. Harry Kane bewies das, als er sich in einem Europa-League-Spiel mit Tottenham gegen Asteras Tripolis für den vom Platz geflogenen Hugo Lloris ins Tor stellte. Leider ließ er einen haltbaren Freistoß zum späten Gegentor durchrutschen. Zum Glück hatte er vorher schon einen Hattrick erzielt. Das passt perfekt zum englischen EM-Motto, einem aus der guten alten Zeit: Mehr Tore schießen als kriegen.

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