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EM-Übersteiger : Mist, Deutschland trifft schon wieder!

  • -Aktualisiert am

Ob Sie gerade „Kicktipp“ checken? Deutsche Fans während der Fußball-EM in Paris Bild: dpa

Der Erfolg von Online-Tippspielen verändert die Art, wie die Leute die Fußball-EM schauen. Vor den Bildschirmen der Nation führt das zu unerwarteten Reaktionen.

          2 Min.

          Auf Umwegen fliegt der Ball zu Julian Draxler. Der Wolfsburger zieht ab, der Ball fliegt ins Netz. Es läuft die 63. Minute im EM-Achtelfinale Deutschland gegen die Slowakei. Mit seinem Tor entscheidet Draxler das Spiel. Neun von zehn Zuschauern auf dem heimischen Sofa springen auf und jubeln. Einer der jungen Männer bleibt sitzen und schlägt die Hand vor die Stirn. „Sch...!“, ruft er dann noch und greift zu seinem Bier. Nicht, dass er sich dem slowakischen Fußball verbunden fühlte, sein weißes Deutschland-Trikot mit der Schweinsteiger-Nummer 7 spannt über den Oberarmen. Nein, Draxler hat ihm seinen 2:0-Tipp zerschossen. Statt vier Punkten in der Tabelle werden es am Ende nur zwei sein. Da kann die Sympathie für die deutsche Mannschaft schon mal in Vergessenheit geraten. Flexibler Patriotismus.

          2006 hat das Rudelgucken die Beziehung zum Fußball verändert. Spätestens seit dieser EM sind die Online-Wettanbieter und die Tippspiele zum Massenphänomen geworden. Entscheidend ist nicht mehr das Ergebnis, sondern das Ergebnis im Vergleich zum Tipp. Wer in der Tipptabelle vorne liegt – Faustregel: Sekretärinnen gewinnen immer – ist wichtiger als der Kampf ums Weiterkommen in der Gruppe X.

          Ein Traum für Wettanbieter

          Musste in analogen Zeiten noch mit Zettel und Bleistift getippt und gerechnet werden, übernehmen dies nun Portale wie „Kicktipp.de“. Mit wenigen Klicks lassen sich Runden organisieren, Einladungen gehen per E-Mail heraus, die Teilnehmer können auch per Smartphone tippen. 3,5 Millionen Nutzer hat das Portal angeblich. Die Basisversion ist kostenlos, Zusatzoptionen gibt es gegen Gebühr. Schon zur WM in Brasilien hatte „Kicktipp“ eine Milliarde Aufrufe verzeichnet. Weniger werden es in diesem Jahr kaum sein.

          Was in den Tippgemeinschaften landauf, landab passiert, ist ein Traum für die Wettanbieter. Seit Jahren versuchen sie den Leuten einzureden, dass das Spiel mit dem Spiel wichtiger ist als das Spiel selbst. Die passenden Slogans der Wettbranche: „Wer tippt, sieht Spiele anders!“ oder „Das Leben ist ein Spiel“. Mag auf dem Rasen 120 Minuten lang nichts passieren, über eine Wette lässt sich immer reden, aufregen oder freuen. Der hilflose Kommentatoren-Satz, das Spiel lebe von der Spannung, bekommt so neue Wahrheit. Die Tippspiel-Hysterie setzt einen Trend fort: Immer mehr Leute interessieren sich für Fußball, aber es geht dabei immer weniger um den Fußball an sich.

          Kein Gespräch ohne Tippspiel

          Das erklärt, warum selbst die größten Langweiler-Spiele noch zweistellige Zuschauerzahlen im Fernsehen erreichen. Das Tippspiel reduziert die Komplexität des Sports. Sieg, Niederlage, Unentschieden, mehr muss nicht mehr wissen, wer ein Gespräch über die EM führen möchte. Ohne Verweis auf die Folgen dieses oder jenes Ergebnisses für die Tipptabelle kommt die Konversation über den Fußball kaum noch aus.

          So wie neulich auf der Hochzeitsfeier. Kein Fernseher weit und breit. Ehrlich gesagt hat auch keiner der Gäste so recht dem Vorrundenspiel Tschechien gegen Kroatien entgegengefiebert. Irgendwann zwischen Hauptgang und Dessert kramt dann doch jemand sein Handy heraus und schaut nach dem Ergebnis. Da wird sein Tischnachbar neugierig. Frage eins: „Wer hat denn gespielt?“ Frage zwei: „Und, was haste getippt?“


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