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Rien ne va plus : Der Traum des Bundestrainers

  • -Aktualisiert am

Eingebung von oben? Joachim Löw wird sich vor dem Viertelfinale seine Gedanken gemacht haben. Bild: AP

Wie hat Joachim Löw die letzten Nächte vor dem Viertelfinale gegen Italien verbracht? Unser Autor hat sich tief in das Bewusstsein des Bundestrainers gegraben – und ist auf Balotelli, Pirlo und Mario Götze gestoßen.

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          Die letzten Nächte von Jogi Löw in Évian-les-Bains habe ich mir so vorgestellt, dass er beim Nachdenken über die Taktik gegen Italien langsam einschlief und dann mehrmals aus unruhigen Träumen erwachte.

          Er eilte zum Kleiderschrank, um sich ein frisches Nachthemd zu greifen, doch da erschrak er fürchterlich: Balotelli saß in seiner berühmten Jubelpose mit freiem Oberkörper auf den gebügelten Nachthemden des Bundestrainers, so dass dieser die Tür wieder zuschlug, um ins Bad zu laufen und sich frisch zu machen, doch da erschrak er abermals, denn Balotelli stand nun unter der Dusche in seiner berühmten Pose.

          „Der Balotelli spielt doch gar nicht mehr mit“

          „Jogi“, wirkte der Bundestrainer beruhigend auf sich selbst ein, „du, Jogi, der Balotelli spielt doch gar nicht mehr mit, der ist ja gar nicht nominiert“; er schlug die Badezimmertür zu und beschloss, wieder ins Bett zu gehen.

          Unter der Bettdecke lag plötzlich Andrea, es war Andrea Pirlo, der Architekt der schlimmen Niederlage gegen Italien bei der EM vor vier Jahren. „Willst du das Spiel gegen uns wieder vercoachen, wie damals, als du Manndeckung gegen mich hast spielen lassen?“, fragte Pirlo freundlich.

          Moritz Rinke ist während der EM Kolumnen-Autor für die F.A.Z.

          „Raus aus meinem Bett, Andrea Pirlo“, sagte der Bundestrainer, „du spielst ja auch gar nicht mehr mit, Pizza Endstatione.“

          Pirlo lächelte, strich sich sein schönes Haar zur Seite und war plötzlich verschwunden wie früher Pan Tau.

          Der Bundestrainer legte sich nun erleichtert in sein leeres, italienloses Bett und nahm noch schnell einen Schluck stilles Mineralwasser aus der Evian-Flasche, aus der, oh Grauen, Tausende von kleineren Balotellis heraussprangen, sich überall im Zimmer verteilten, auch die kleinsten Räume besetzten und ihre berühmte Pose einnahmen.

          Löw lief hilferufend zur Zimmertür, aber sie ließ sich nicht öffnen, er rüttelte und rüttelte. „Dieser Scheißcatenaccio“, rief er, die Tür hatte drei für immer verriegelte Schlösser, es war kein Durchkommen.

          Er nahm das Zimmertelefon, um seinen Assistenztrainer anzurufen, schnippte mit dem Finger einen dieser Balotellis vom Hörer und hörte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war aber nicht die Stimme des Assistenztrainers, sondern die schreiende Stimme des italienischen Reporters, der immer wieder die letzten EM-Tore gegen Deutschland kommentierte: „Gol di Balotelli! Gol di Balotelli!“.

          Der Bundestrainer griff sich in den Schritt, weil da irgendwas zwickte, und siehe da: ein kleiner Pirlo, dann riss er die Balkontür auf, flocht aus einigen der unzähligen herumspringenden Balotellis ein Seil, indem er sie gegen ihren Willen Pose an Pose verknotete, dann seilte er sich ab.


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          So geht’s!

          Im sechsten Stock sah er Boateng im Bett liegen. „Boateng, mach deine Balkontür auf“, rief er, „ich bin Jogi, dein Nachbar, ich häng hier an lauter Balotellis“, doch Boateng schlief mit Kopfhörer, er hörte nichts.

          Im fünften Stock sah er Götze, der sich wieder und wieder sein WM-Tor ansah, kommentiert von Tom Bartels: „Mach ihn, mach ihn, er macht ihn! Mario Götzeeeeee!“

          „Götze, mach die Balkontür auf“, rief der Bundestrainer.

          „Bist du Tarzan?“, fragte Götze.

          „Nee, Jogi“, antwortete der in Not geratene Bundestrainer, denn einige der vielen kleinen Balotellis schienen ihre Siegerpose zu lösen, so dass auch das Seil bald reißen würde, doch Götze wandte sich enttäuscht ab und sah sich noch einige Tausende Male einsam und allein sein WM-Tor an.



          Dann riss das Seil. Der Bundestrainer flog, noch den Kommentar von Tom Bartels hörend, am vierten Stock vorbei, wo er Manuel Neuer friedlich schlafen sah, so dass der Bundestrainer noch „Neuer, halt mich, halt mich“ schrie, doch Neuer hielt ihn nicht.

          Das war das Ende, das war der freie Fall. Er fiel und fiel, wie so oft im Traum.

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