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Gisdols EM-Analyse : Der Grat ist schmal

  • Aktualisiert am

Markus Gisdol erwartet bei Italien gegen Spanien ein „hochinteressantes Spiel“. Bild: dpa

Nicht nur Markus Gisdol bedauert, dass eines von zwei Topteams nach dem Achtelfinale schon ausscheiden muss. Zuvor analysiert er spanische Balance, italienische Abwehrkraft und neuerdings moderne Engländer.

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          Spanien gegen Italien im Achtelfinale – da geht es mir so wie vermutlich den meisten Fußballfans: Ich finde es bedauerlich, dass nun, da diese EM endlich richtig beginnt, eine dieser beiden hervorragenden Mannschaften gleich nach Hause fahren muss. Beide haben mich in der Vorrunde am meisten überzeugt, und trotzdem ist für ein Team am Montag (18.00 Uhr / Live in der ARD und im EM-Ticker bei FAZ.NET) die EM beendet – das ist schade für den Fußball.

          Trotzdem wird das ein hochinteressantes Spiel. Reicht der italienische Ansatz einer tiefstehenden Abwehr und einer extrem guten Organisation, um Spanien schlagen zu können? Ich habe da meine Zweifel, denn für mich war Spanien in den ersten zwei Wochen das Maß aller Dinge. Ja, auch trotz der Niederlage gegen Kroatien, denn da waren sie längst qualifiziert für die nächste Runde und haben ein wenig die Spannung und Konzentration verloren. Aber vorher haben sie gezeigt, dass sie zu alter Stärke zurückgefunden haben, dass sie nach der Enttäuschung der WM in Brasilien wieder frisch und erfolgshungrig sind.

          Die Spanier zeigen sehr gut, wie man die taktische Balance, ein zielgerichtetes Positionsspiel im Angriff und ein schnelles Umschaltspiel miteinander vereinbaren kann und dabei immer gut organisiert auftritt. Zudem haben sie ihrem Spiel mit Morata nun eine neue Komponente hinzugefügt. Es ist – wie Gomez bei uns gegen Nordirland und sicher auch gegen die Slowakei - gegen diese dichten Abwehrketten extrem wichtig, einen körperlich präsenten Spieler im Sturmzentrum zu haben, der ein oder zwei Gegenspieler bindet.

          Vor allem dann, wenn man das extrem gut ausnutzt wie die Spanier. Sobald sie das Spiel über außen eröffnen, laufen die Spieler aus der zweiten und dritten Reihe sehr geschickt und vor allem genau in die Schnittstellen der Vierer-, Fünfer-Abwehrketten und reißen Löcher. Wir sehen bei Spanien ein sehr modernes Positionsspiel mit vielen Wechseln, versehen mit einer guten Konterabsicherung. Für Italien wird es nicht reichen, einfach nur Iniesta ausschalten zu wollen. Dann müssten sie Silva und andere gleich auch noch aus dem Spiel nehmen.



          Natürlich wird vor diesem Achtelfinale viel davon erzählt, dass es sich dabei um die Neuauflage des Europameisterschafts-Finales von 2012 handelt. Sicher eine schöne Randnotiz, aber in Wahrheit hat das überhaupt keine Bedeutung mehr für diese jetzt anstehende Partie. Mannschaften entwickeln sich immer weiter, verändern sich, die Gefühlslage ist anders. Was vor vier Jahren war, wird von denen, die am Montag spielen, keinen mehr interessieren.

          Ein Genuss wäre es natürlich für alle Fußballliebhaber, wenn sich Spanien und die deutsche Mannschaft im Achtelfinale durchsetzen würden - auch wenn dieses Aufeinandertreffen für den Geschmack vieler Fußballfans wieder zu früh käme. Dafür würden wir dann eine hochinteressante Viertelfinal-Partie zwischen zwei spielerisch nahezu gleichwertigen Teams erleben, bei der es darum ginge, wer von beiden immer weiter in die verteidigende Haltung gedrückt würde. Das wäre ein Spiel, bei dem es sich lohnte, ganz genau hinzuschauen - und bei dem winzige Momente eine extrem wichtige Bedeutung hätten. Die ersten drei bis fünf Sekunden nach einem Ballverlust könnten schon von entscheidender Bedeutung sein, wer diese Partie gewinnt.


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          Aber so weit sind wir ja noch nicht. Bislang war diese EM vor allem geprägt von Mannschaften, die mit unheimlich viel Herz und Leidenschaft auf den Platz gehen, für die man natürlich auch viel Sympathie haben muss, weil sie alles geben und weil sie diese Fans haben, die sich so benehmen, wie man sich das immer und überall wünschen würde. Aber Nationen wie Wales, die beiden irischen Teams und Island hatten natürlich auch ideale Voraussetzungen - schon die Teilnahme wurde ja gefeiert, und jedes Erfolgserlebnis hat gleich riesige Begeisterung ausgelöst und das Selbstvertrauen wachsen lassen. Die angesehenen, großen Fußballnationen stehen da unter einem ganz anderen Druck und konnten bislang eigentlich nichts gewinnen. Die Qualifikation für das Achtelfinale hat jeder erwartet, und wenn nicht gleich alles lief, setzte es Kritik.

          Am auffälligsten sieht man das vielleicht bei England. Man sollte besser mehr die Leistung bewerten und nicht nur das Ergebnis. Sie haben zwar Schwierigkeiten gehabt, Tore zu erzielen, so wie die deutsche Mannschaft das gegen Nordirland auch hatte. Aber die Engländer spielen ganz anders als noch bei der WM in Brasilien, sie präsentieren modernen Fußball mit flexiblem Angriffsspiel, sie zeigen eine klare spielerische Linie, und das sieht insgesamt alles sehr ansprechend aus - das haben wir ja auch schon bei unserer Testspielniederlage im Frühjahr erlebt. Dass Trainer Hodgson in der Heimat so in der Kritik steht, kann ich kaum nachvollziehen - sie haben sich doch so deutlich verbessert gegenüber den vergangenen Jahren. Aber wer weiß schon, wie das in ein paar Tagen aussehen wird. Der Fußball ist ein emotionales Gut, es wird beinahe nur in Schwarz oder Weiß gedacht, in Erfolg oder Misserfolg unterteilt - an einem Achtelfinale wie nun zwischen Spanien und Italien wird man das deutlich sehen: Egal wie hoch das Niveau ist, das du spielst, wenn du hier rausfliegst, zählst du zu den großen Verlierern dieser EM.

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