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EM-Übersteiger : Die Zeit des Public Viewings ist vorbei

In die Jahre gekommen: Seit zehn Jahren gibt es nun zu jedem Turnier zahlreiche Public Viewings Bild: dpa

Wenn das DFB-Team im EM-Viertelfinale auf Italien trifft, schauen wieder Millionen Deutsche zu. Doch immer weniger begeben sich dazu auf eine Fanmeile. Daran sind auch soziale Medien schuld.

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          Von Tränen zerlaufene Deutschlandfarben im Gesicht, achtlos weggeworfene Fan-Utensilien auf dem Boden. Zweimal hat Italiens Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren die deutschen Fußballfans in ein Tal der Tränen gestürzt. Am Samstag bekommt das deutsche Team in Bordeaux (21 Uhr / Live in ARD oder ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET) nun die abermalige Chance zur Revanche für die beiden deprimierenden Turnierpleiten gegen Italien bei der WM 2006 (0:2 n.V.) und der EM 2012 (1:2). Und neben den fast dreißig Millionen Deutschen vor den Fernsehgeräten werden auch wieder hunderttausende Fans auf den Fanmeilen und bei den Public Viewings im ganzen Land mitfiebern – und auf ein besseres Ende, als vor vier und zehn Jahren hoffen.

          Der Eindruck täuscht: Nur ganz vorne ist es eng bei den Veranstaltungen wie am Brandenburger Tor in Berlin Bilderstrecke
          Der Eindruck täuscht: Nur ganz vorne ist es eng bei den Veranstaltungen wie am Brandenburger Tor in Berlin :

          Doch die Bilder von jubelnden und geschminkten Anhängern der DFB-Elf, die TV-Sender und Fotoagenturen regelmäßig zu den bisherigen deutschen EM-Siegen vom Brandenburger Tor in Berlin oder dem Hamburger Heiligengeistfeld liefern, täuschen: Lediglich etwa 15.000 Menschen verfolgten nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa auf der – über einen Kilometer langen und mehr als eine halbe Million Menschen fassenden – Fanmeile auf der Straße des 17. Juni in der Hauptstadt jeweils die Gruppenspiele der deutschen Mannschaft.

          Rückläufige Zahlen seit 2008

          Beim Fanfest in Hamburg blieben während des Achtelfinals gegen die Slowakei fast die Hälfte der etwa 50.000 Plätze frei. Und kleinere Public Viewings wie in Frankfurt oder Nürnberg kämpfen ebenfalls mit dem Besucherschwund an. Ein Trend, den die Veranstalter der Events im Münchner Olympiapark schon länger festgestellt haben. Dort sind die Besucherzahlen gar schon seit der EM 2008 rückläufig.



          Gut möglich, dass die Zahlen zum Viertelfinal-Klassiker gegen Italien am Samstag wieder deutlich ansteigen werden. Doch es scheint, als neige sich die Zeit des Public Viewings, so wie es sich während der WM vor zehn Jahren im eigenen Land zum großen Trend entwickelte, ihrem Ende entgegen. Und daran ist nicht nur der bislang bescheidene deutsche Sommer schuld.

          Zum einen sind die Deutschen, zumindest wenn es um Fußball geht, wohl etwas bequemer und geiziger geworden. Zwar sind die riesigen Fanfeste in Hamburg und Berlin kostenlos, doch für einen guten Platz vor der Leinwand ist pünktliches Erscheinen und anhaltende Standfestigkeit vonnöten. Und wer die deutschen Spiele mit festem Sitzplatz in Stadion-Atmosphäre genießen will, muss für den Eintritt in die Frankfurter WM-Arena ganze zehn Euro zahlen und muss für ein Bier und eine Bratwurst noch einmal fast genauso viel ausgeben.

          Zum anderen sind mittlerweile nicht nur Biergärten und Kneipen, sondern selbst Kioske und Döner-Buden mit hochauflösenden Flachbildschirmen ausgestattet. Und auch manches Wohnzimmer gleicht inzwischen fast einem kleinen Kinosaal. Dort reicht es dann, zehn Minuten vor dem Anpfiff aufzukreuzen, um mit Freunden ohne Gedränge und in bester Bildqualität die Hymnen anzuhören und die Spiele zu schauen.

          Und das ganz ohne mitunter nerviges Rahmenprogramm, in dem überdrehte Lokalradio-Moderatoren Aufstellungen ins Mikro brüllen, Andreas Bourani in Endlosschleife spielen und alle Beteiligten zur Teilnahme an vier verschiedenen Gewinnspielen überreden möchten.

          Jubel auf Berliner Fanmeile : DFB-Elf stürmt ins EM-Viertelfinale

          Darüber hinaus sind Umfragen zufolge auch die Sicherheitsbedenken angesichts möglicher Terroranschläge für viele Fans ein Argument, solchen Massenveranstaltungen vorerst fernzubleiben. Etwa dreißig Prozent der Bevölkerung halten es derzeit für besser, die gut besuchten öffentlichen Plätze mit Großbildleinwänden zu meiden.

          Social Media ist das neue Public Viewing

          Und schließlich fällt auch das so genannte „Rudelgucken“ immer mehr dem digitalen Fortschritt zum Opfer: Laut einer repräsentativen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov surft bei Duellen der DFB-Elf fast jeder Dritte im Internet. Bei den 18- bis 24-jährigen Zuschauern – also eigentlich jene Altersgruppe, die am ehesten zum Public Viewing geht – trifft das sogar auf jeden Zweiten zu.

          Auf Twitter, Facebook und Instagram können sie schon während der Spiele die besten Szenen und Kuriositäten kommentieren. Für eine handfeste Diskussion mit dem Nebenmann über fragwürdige Abseitsentscheidungen bleibt da keine Zeit mehr. Das neue Public Viewing findet in den Sozialen Netzwerken statt.


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