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Überzogener EM-Jubel : Mehr als nur eine sportliche Niederlage gegen Frankreich?

Freud und Leid: Hummels ärgert sich über sein Eigentor, Mbappé dreht jubelnd ab. Bild: EPA

Wie „18“ habe Frankreich über Deutschland gesiegt, schrieb die französische Sportzeitung „L’Equipe“ nach dem EM-Spiel am Dienstagabend. Jetzt fragen sich alle: Welches Jahr „18“ war gemeint?

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          Wie nach Deutschlands Niederlage 1918? Die wichtigste französische Sportzeitung L’Equipe, das Leib- und Magenblatt des fußballbegeisterten Präsidenten Macron, hat am Mittwoch mit einer doppeldeutigen Schlagzeile verstört. „Comme en 18“ ( „Wie im Jahr 18“) titelte das Blatt nach der Eigentor-Niederlage der deutsche Nationalelf gegen die Bleus. Das konnte als Verweis auf die Weltmeisterschaft 2018 interpretiert werden, als Deutschland schon in der Vorrunde ausschied und Frankreich den Titel holte. Aber die meisten Franzosen verstanden die Schlagzeile als Anspielung auf den Ersten Weltkrieg, der im französischen Sprachgebrauch immer noch der „Große Krieg“ heißt.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Kann der Sport nicht etwas anderes sein als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“, entrüstete sich der bekannte Fernsehmoderator Samuel Etienne. „Ist der Bezug auf den Krieg von 1914 bis 1918 mit seinen Millionen Toten wirklich notwendig nach einem Match Frankreich – Deutschland?“, fragte er. In den sozialen Netzwerken und in den Nachrichtensendern kochte die Debatte hoch. „Im Fußball ist die Sprache immer schon kriegerisch gewesen. Aber die Schlagzeile geht wirklich zu weit“, sagte die Geopolitikwissenschaftlerin Carole Gomez vom Think Tank IRIS. Es sei sogar zu vermuten, dass eine Parallele zwischen dem Eigentor und der Dolchstoßlegende gezogen werden sollte. Patriotische Töne schlug auch die Zeitung „Le Parisien“ an. Sie drehte den berühmten Spruch Gary Linekers um und titelte: „Und am Ende gewinnt Frankreich.“

          In jedem Fall war spürbar, wie Frankreich nach dem Punktsieg zum Auftakt der EM aufatmete. Während der langen Pandemiemonate im Frühjahr 2020 hatte die Presse immer wieder den Vergleich zu Deutschland gezogen, um die Franzosen vom Abstieg ihres Landes zu überzeugen. Der Eindruck, vom mächtigen Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins abgehängt zu werden, prägt das eigene Selbstverständnis. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen befördert noch den Eindruck, dass Deutschland sich Frankreich auf friedlichem Wege unterjochen wolle. „Franzosen erwacht“ („Francais réveillez-vous“) lautete ihr Slogan bei einer Kundgebung in Fréjus an der Côte d’Azur. Viele sahen das als Anlehnung an die Parole „Deutschland erwache!“ aus den 1930er Jahren.

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