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EM-Kommentar : Spanien kann noch viel mehr

  • -Aktualisiert am

Als Einheit zum Erfolg: Spanien besteht nicht nur aus Xavi und Iniesta Bild: dpa

Spanien gewinnt mit etwas Glück gegen Portugal, ist aber noch lange nicht am Ende. Nicht das scheinbar durchschaute Tiki-Taka-Spiel ist die wahre Stärke der Iberer, sondern der Geist in diesem Team.

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          Viel knapper kann man nicht in ein Finale einziehen. Innenpfosten - rein, Unterkante der Latte - raus. Das war der ganze Unterschied bei den Schüssen von Fabregas und Alves im Elfmeterschießen. Ein paar Zentimeter fehlten Portugal, ein paar Zentimeter retteten Spanien. Die Mannschaft von Trainer del Bosque steht zum dritten Mal in Folge im Endspiel von Welt- und Europameisterschaften. Aber nicht erst das Halbfinale gegen den Nachbarn Portugal hat gezeigt, dass sich das Team weiterentwickeln muss, um die große Konstante an der Weltspitze zu bleiben. Schon Kroatien bremste im Gruppenspiel den Kombinationswirbel, selbst die schwachen Franzosen ließen nur wenige Torchancen zu.

          Erschreckend für die Konkurrenz ist jedoch, dass in dem Moment, in dem ihre Dominanz ins Wanken geraten ist, die Spanier schon spielerische Alternativen haben. Sie müssen nicht ihrem Tiki-Taka-Kick verhaftet bleiben, bis Xavi die Zähne ausfallen und Iniesta die letzten Haare verliert, weil nichts Besseres nachkäme und niemand eine andere Spielidee hätte. Schon jetzt könnte Fabregas den Taktstock übernehmen, gut genug wäre er. Aber del Bosque hält nicht sonderlich große Stücke auf den Mittelfeldspieler, der bei Arsenal sozialisiert wurde und für die zielführendere und risikoreichere Variante des Kurzpassspieles steht. Oder Xabi Alonso. Der defensive Mittelfeldspieler von Real Madrid streut bereits den einen oder anderen langen Steil- und Diagonalpass ein. Wenn er dürfte, könnten es jederzeit ein paar mehr sein.

          Viele Varianten

          Ein Spieler wie Mata, der beim FC Chelsea maßgeblich am Gewinn der Champions League beteiligt war, bekam noch keine einzige Minute Einsatzzeit bei dieser EM. Auch er hätte viel zu geben. Im Sturm kann del Bosque jeden Stilmix ausprobieren. Ganz ohne klassische Spitze, mit kurzbeinigen Mittelfeldspielern auf den drei Positionen (rechts, Mitte, links) in vorderster Linie. Dann steht der Mittelstürmer Torres bereit, ein schneller, geschmeidiger Mann oder Llorente, ein Brechertyp, oder Negredo, ein reiner Strafraumspieler. Und auf den Außenpositionen könnte del Bosque die Kurzpassstürmer durch schnelle Dribbelkönige mit Zug zum Tor ersetzen. Pedro und Navas haben in der Verlängerung gegen Portugal gezeigt, dass sie eine Abwehr auseinandernehmen können.

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          Spanien war nie nur Xavi und Iniesta. Das schien nur so, weil so eben die Protagonisten des neuen Spielstils hießen. Spanien ist seit 2008 im wahrsten Sinne des Wortes eine Furia Roja, eine rote Furie, die sich dank ihrer Entschlossenheit und ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit über alles hinwegsetzt, was sich ihr in den Weg stellt. Dass sich ein Weltstar wie Fabregas klaglos in 80 Prozent seiner Länderspiele ein- und auswechseln lässt, und dann freudvoll und motiviert den entscheidenden Elfmeter gegen Portugal schießt, sagt viel über den Geist in diesem Team.

          Dass Xavi und Iniesta ohne zu murren jede Art von Drecksarbeit auf dem Spielfeld für ihre weniger bekannten Kollegen miterledigen, ebenso. Seit der EM 2008 hat Spanien in keinem K.o.-Spiel einen Gegentreffer hinnehmen müssen. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer starken Einheit. Dass sie bestehen bleibt, ist wichtiger, als ob Tiki-Taka die Strategie bleibt oder eine andere kommt.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

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