https://www.faz.net/-gtl-70war

EM-Kommentar : Siegertypen unter sich

Die Italiener hatten große Probleme - nun stürmen sie ins EM-Halbfinale Bild: REUTERS

Viel schlechter konnten die vier Halbfinalisten ihr Hausaufgaben vor der EM nicht machen. Doch nun sind die Schulschwänzer die Streber und spielen zurecht um den Einzug ins Endspiel. Daraus lassen sich fünf Sachen lernen.

          2 Min.

          Man kennt dieses komische Gefühl aus alten Schultagen: seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Wird man damit durchkommen? Werden in der Prüfung genau die Fragen gestellt, für die man nicht gepaukt hat? Eine Fußball-EM ist da auch nicht anders. So akribisch planen die Mitschüler mittlerweile ihr wochenlanges Vorprogramm aus Erholung, Formaufbau, Taktikschulung, dass jeder, der das so nicht hinkriegt, gleich eine Krise hat.

          So wie Deutschland vor dieser EM. Die Bayern-Profis kamen nach dem verlorenen Champions-League-Finale verspätet, erschöpft und deprimiert ins EM-Lager. Oder Spanien. Die Barça-Profis, Kern des Weltmeisterteams, gewannen erstmals seit 2007 weder Meisterschaft noch Champions League, und Kapitän Puyol und Torjäger Villa fielen verletzt aus - zwei, die Trainer del Bosque für „unersetzlich“ hielt. Dann Italien, das vom Bestechungsskandal in der Serie A erschüttert wurde - Mauri verhaftet und aus dem Kader geworfen, ebenso wie Criscito nach Durchsuchung seines Zimmers im Teamhotel durch die Polizei.

          Und auch die Portugiesen, deren Superstar Ronaldo nach dem Aus in der Champions League mit Real in einer selbstmitleidigen Schaffenskrise steckte, schienen vor der EM von der Rolle. Sie verloren ihr letztes Testspiel 1:3 gegen die Türkei, das eigene Publikum pfiff sie aus. Italien unterlag den Russen 0:3, Deutschland den Schweizern 3:5, Spanien schleppte sich zu einem 1:0 gegen China.

          Viel schlechter konnte man seine Hausaufgaben nicht machen. Doch nun, da die Zeit der großen Prüfungen ist, sind die vier Schulschwänzer die großen Streber - die besten Teams der EM, die vier, die zu Recht im Halbfinale stehen.

          Selbst die Verlierer können Siegertypen sein

          Was sich daraus lernen lässt? Erstens, dass die besten Teams gelernt haben, mit ihren Kräften besser hauszuhalten als bei vielen Turnieren zuvor - auch durch Rotation von Spielern und Spielsystemen.

          Zweitens, dass ihr taktisch-technischer Vorsprung gewachsen ist und es ihnen erlaubt, anders als etwa noch bei der EM 2004 (mit dem Sensationssieger Griechenland) schwächere Teams spielerisch auszuhebeln. In dieser Hinsicht ist das Turnier ein Spiegel der Champions League. Deren Stars von Barça, Real oder Bayern finden sich in leicht veränderter Mischung in den EM-Teams von Spanien, Portugal und Deutschland wieder.

          Bilderstrecke
          EM kompakt : Ein Franzose für Deutschland

          Drittens wird deutlich, dass es nicht wichtig ist, ob die wichtigsten Spieler als Verlierer zum Turnier kommen - solange es Siegertypen sind. Sepp Herberger setzte 1954 nicht auf die Meisterspieler aus Hannover, sondern auf die Verlierer aus Kaiserslautern - und wurde Weltmeister. Helmut Schön musste 1972 nach dem Bundesligaskandal die starken Schalker aus dem Team werfen - und gewann die EM mit einer bis heute verklärten Leistung.

          Das Team, das aus dem Urlaub kam

          Die Italiener hatte 1982 und 2006 nach Bestechungsskandalen niemand auf der Rechnung, beide Male wurden sie Weltmeister. Die Spanier sahen 2008 nach dem deprimierenden Aus ihrer Barça-Stars im Halbfinale der Champions League wieder mal wie das beste Team aus, das den Titel dann doch wieder nicht gewinnen würde - und wurden Europameister. 2010 dasselbe Vorspiel - und der WM-Titel.

          Ach ja, und dann war da Dänemark. Das Team, das aus dem Urlaub kam. Und 1992 Europameister wurde. Daraus folgt viertens: Hausaufgaben werden völlig überschätzt. Aber, liebe Schüler, fünftens: nur im Fußball.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Weitere Themen

          Timo Boll sichert sich WM-Medaille

          Tischtennis : Timo Boll sichert sich WM-Medaille

          Der 40-jährige Rekord-Europameister gewinnt trotz Verletzung gegen den Amerikaner Kanak Jha und sichert sich schon einmal Bronze. Silber oder Gold sollen aber noch folgen.

          Ein Jahr Haft auf Bewährung für Karim Benzema Video-Seite öffnen

          Nach Erpressungsversuch : Ein Jahr Haft auf Bewährung für Karim Benzema

          Karim Benzema ist wegen Beteiligung an einem Erpressungsversuch zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 75.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Es sei erwiesen, dass Benzema in die versuchte Erpressung seines damaligen Kollegen bei der Nationalmannschaft, Mathieu Valbuena, verwickelt war.

          Topmeldungen

          Cem Özdemir auf dem Online-Parteitag der Grünen im Mai 2021

          Cem Özdemir und die Partei : Grüne Kämpfe, grüne Ziele

          Bei den Grünen ist der Aufstand der Parteilinken gegen den Ultrarealo Cem Özdemir verpufft. Glück gehabt. Denn wenn die Partei in der Ampel fürs Klima kämpfen will, muss sie geschlossen sein.
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes im November 2021.

          Corona-Liveblog : Steinmeier ruft zu Kontaktbeschränkungen auf

          +++ Omikron-Verdachtsfall in Österreich +++ Israel schließt wegen Omikron Grenzen für Ausländer +++ Zehntausende demonstrieren in Österreich +++ Zwei Omikron-Fälle in München bestätigt +++ Entwicklungen zur Pandemie im Corona-Liveblog.

          Kliniken bereiten Triage vor : An den Grenzen der Medizin

          Die Infektionszahlen schießen in die Höhe. Immer mehr Krankenhäuser müssen auf die Triage zurückgreifen. Etwas, das Ärzte eigentlich nur aus Kriegseinsätzen und der Katastrophenmedizin kennen. Aber was bedeutet das genau?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.