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EM-Kommentar : Abwarten - und zuschlagen

Höchste Konzentration: die Abwehr muss stabil stehen Bild: dpa

Ordnung, Geduld und harter Positionskampf - das wirkt altertümlich, das riecht nach Schweiß. Doch es gibt einige Gründe bei dieser EM, vor allem die Defensive zu stärken.

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          Ein statistischer Vergleich mit den drei vorangegangenen Welt- und Europameisterschaften zeigt, dass vor dem Duell mit den Niederlanden an diesem Mittwoch die Wahrscheinlichkeit recht hoch ist, dass die deutsche Fußball-Nationalelf ins Viertelfinale einziehen wird. Denn 77 Prozent der Teams, die ihr erstes Turnierspiel gewannen, sind eine Runde weiter gekommen. Dagegen haben nur 21 Prozent der Auftaktverlierer die Gruppenphase überstanden.

          Die Strategie des Nationalteams, zuerst einen Gegentreffer zu vermeiden, also gut gesichert zu einem Sieg zu kommen, entspricht der Zahlenlogik. Aber steckt hinter der neuen deutschen Vorsicht nicht viel mehr? Sogar ein Strategiewechsel?

          Mehrere Gründe sprechen dafür, dass Bundestrainer Joachim Löw den Wettkampfplan der Nationalelf bei dieser Europameisterschaft verändert hat.

          Erstens: Die Rolle der deutschen Mannschaft unter den anderen Teams ist eine andere als noch vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika. Ihre offensiven Stärken sind längst erkannt, sie gehört zu den Mitfavoriten. Bei der WM war das junge Team ohne seinen erfahrenen „Capitano“ Michael Ballack noch eine schwer einzuschätzende Größe. Es profitierte von einer angriffslustigen Power-Taktik - wie beim 4:0-Sieg im Viertelfinale über Argentinien. Jeder Gegner hat spätestens nach der EM-Qualifikation der Deutschen mit zehn Siegen in zehn Spielen und einer Tordifferenz von 34:7 verstanden, wie sehr man sich auf die Abwehr dieser Offensivkraft konzentrieren muss.

          Zweitens: Die EM ist anders als ein Weltmeisterschaftsturnier schon in der Gruppenphase durch die gewaltige Konkurrenz eine heikle Knock-out-Runde. Eine Niederlage kann das Ende bedeuten. Also steht die Vermeidung von Fehlern im Mittelpunkt.

          Drittens: Das Beispiel des Welt- und Europameisters Spanien zeigt, wie wichtig es für einen Titelaspiranten ist, über schlagkräftige defensive Strategien zu verfügen. Zwei Gegentreffer kassierten die Spanier vor zwei Jahren in Südafrika - in sieben Spielen. Alle vier Partien vom Viertelfinale an gewannen die Iberer 1:0, weil sie den richtigen Moment für das entscheidende Führungstor abwarteten.

          Abschlusstraining der deutschen Mannschaft: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

          Der Bundestrainer hob vor dem Spiel gegen die Niederländer hervor, dass die Abwehr immer der sensibelste Teil einer Mannschaft sei. So deutlich hatte er das noch nie gesagt. Ein spielerisches Anrennen gegen das Tor des Gegners ist also nicht das erste und einzige Mittel, die Verteidigung zu sichern.

          Ordnung, Konzentration, Geduld, Vorsicht und harter Positionskampf - das wirkt im Fußball ziemlich altertümlich, das riecht nach Schweiß. Für die Sieger von heute gehören diese Prinzipien aber wieder mehr zum Grund-Repertoire. Beim Vergleich mit den angeschlagenen, aber noch nicht abgeschriebenen Holländern in Charkiw zählt für die deutsche Mannschaft also weiterhin das Motto: erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

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