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EM in der Ukraine : Das Fußball-Reich der Oligarchen

Milliadär Rinat Achmetow Bild: Alexander Tetschinski

Die schwerreichen Strippenzieher sind ein Grund, warum die Ukraine überhaupt Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft ist. Das Turnier, das an diesem Samstag auch in der ehemaligen Sowjetrepublik beginnt, wird zu einem Schauplatz für Ruhm und Macht.

          Es geht um Kohle, es geht um Stahl, es geht um Fußball, es geht um Macht, es geht um alles. Der Mann, der das Sagen hat in Donezk, ist mit einem Vermögen von geschätzt rund zwanzig Milliarden Euro reicher als jeder andere Ukrainer und beherrscht mit seinem Firmenkonglomerat aus mehr als hundert Unternehmen die schwerindustriell geprägte Region rund um seine Heimatstadt. Rinat Achmetow, der aus armen Verhältnissen stammende Sohn eines ost- ukrainischen Bergmanns und einer Verkäuferin, gilt derzeit als der einflussreichste Oligarch seines Landes.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Dem Milliardär wird eine große Nähe zum autokratischen Staatspräsidenten Wiktor Janukowitsch nachgesagt, der ebenfalls aus dem Oblast Donezk stammt und von 1997 bis 2002 Gouverneur der Donezk-Region war. Achmetow gehört seit 2006 für Janukowitschs „blaue“ Partei der Regionen auch dem ukrainischen Parlament an, hat sich dort aber noch nie blicken lassen. Ganz anders als auf seiner Volksbühne, dem Donbass-Stadion von Donezk, das der Tatar für 150 Millionen Euro bauen ließ. Es ist ein Stadion de Luxe für 50.000 Zuschauer geworden, ausgezeichnet mit fünf Sternen, der höchsten Kategorie, die die Europäische Fußball-Union (Uefa) zu vergeben hat. Es ist neben dem renovierten Stadion von Kiew, in dem am 1. Juli das Finale der Europameisterschafts-Endrunde ausgetragen wird, in diesem Monat der zentrale Fußballplatz der Ukraine mit drei Vorrundenbegegnungen der Gruppe D, einem Viertelfinal- und einem Halbfinalspiel.

          Der Patron

          Hier hält der Präsident und Eigentümer des sechsmaligen ukrainischen Meisters Schachtjor Donezk Hof, wenn der populärste Arbeiterklub der Premjer-Liha vor durchschnittlich 30.000 Fans um nationale und internationale Titel kämpft (Schachtjor gewann 2009 den Uefa-Cup durch einen Finalsieg über Werder Bremen). Der Patron - er investierte mehr als 500 Millionen Euro in seinen Klub - sorgte auch dafür, dass Schachtjor mit neun Trainingsplätzen, einem Hotel und einem Internat für 3.000 Talente eines der modernsten Trainingszentren Osteuropas bekam. Achmetow ist einer der wichtigsten politischen und sportpolitischen Strippenzieher der von Janukowitsch mit harter Hand geführten Republik, in der sich das Verständnis von Recht und Ordnung ganz und gar nicht an westlichen Demokratiestandards orientiert.

          Wie so mancher Kollege Oligarch muss sich Achmetow auch immer wieder mit Vorwürfen auseinandersetzen, seinen Aufstieg zum Stahlbaron wenig zimperlich bis rücksichtslos und bestenfalls am Rande der Legalität betrieben zu haben. So diente er seinem Vorgänger als Schachtjor-Präsident, dem Unternehmer Achat Bragin, dem eine Nähe zum organisierten Verbrechen nachgesagt wurde. Bragin fiel 1995 im Stadion nebst sechs seiner Leibwächter einem Attentat zum Opfer - kein Wunder, dass Achmetow seine Fußballbegeisterung bei den Heimspielen seines Klubs hinter kugelsicherem Glas auslebt. Der Boss nutzt diese und auch andere Plattformen seines Wirkens längst dazu, sich selbst in ein besseres Licht zu setzen, indem er karitative Dienste leistet und Millionen für soziale Zwecke spendet. Auch so sichert er in diesem klientelistisch geprägten Land, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 seine Eigenständigkeit zurückgewann, seine Herrschaft ab.

          Der Fußball-Mäzen der Ukraine

          Als Fußball-Mäzen hat es Achmetow in der Ukraine mit einer Reihe ähnlich strukturierter Kollegen zu tun, die wie er in den postsowjetischen Banditenjahren nach dem Ende des kommunistischen Zwangsregimes zu Geld und Macht kamen. So haben in der Westukraine die Gebrüder Surkis, erklärte Anhänger der „Revolution in orange“ des Janukowitsch-Vorgängers Wiktor Juschtschenko, das erste Wort im Fußball: der eine, Grigori, als Präsident des ukrainischen Fußball-Verbandes und Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees, der andere, Igor, als Präsident des landesweit beliebtesten Klubs und Rekordmeisters Dynamo Kiew.

          Das Donbass-Stadion von Donezk

          Grigori erwarb den Verein der verstorbenen Trainerlegende Waleri Lobanowski und der Spieler-Ikonen Oleg Blochin, Igor Belanow und Andrej Schewtschenko 1993 und steckte danach umgerechnet hundert Millionen Euro in die Modernisierung des dreizehnmaligen sowjetischen und dreizehnmaligen ukrainischen Meisters, der 1975 und 1986 den Europapokal der Pokalsieger gewann. Die aus Odessa stammenden Milliardärsbrüder, die ihren Reichtum vor allem in der Medienbranche anhäuften, gingen ähnlich wie ihr Rivale Achmetow nicht nur zartbesaitet vor. Sie überstanden aber Skandale wie einen Bestechungsversuch vor einem Europapokalspiel 1995, als sie dem spanischen Schiedsrichter Lopez Nieto kostenfrei in den Pelzmantel helfen wollten, woraufhin ihr Klub ein Jahr lang ohne europäische Perspektive dastand. Die umtriebigen Brüder machten ihren Einfluss auch danach geltend - so wird Grigori Surkis ein nicht geringer Anteil daran gutgeschrieben, die Mehrheit der Kollegen in der Uefa-Exekutive davon überzeugt zu haben, dass sein Land der richtige Mitausrichter für die EM 2012 sei.

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          Dynamo Kiew ist derzeit nur die Nummer zwei im Lande hinter dem mit noch mehr Geld und noch mehr Stars, vorzugsweise aus Brasilien, hochgerüsteten Achmetow-Verein aus Donezk. Da kommt als dritte Kraft auch Metalist Charkiw nicht mit. Dort regiert Alexander Jaroslawski, einer der in den vogelwilden neunziger Jahren steinreich gewordenen Ukrainer, einen Klub, der im Frühjahr immerhin das Viertelfinale der Europa League erreichte. Auch im Metalist-Stadion macht die Europameisterschaft, genauer: die Gruppe B, Station. Am 13. Juni trifft hier die deutsche Nationalmannschaft auf die Elftal aus dem Nachbarland Niederlande.

          Schauplatz für den eigenen Ruhm

          Jaroslawski, noch nicht so lange wie Achmetow und die Surkis-Brüder im großen Fußballgeschäft dabei, übernahm Metalist, den größten Verein aus der im Nordosten gelegenen zweitgrößten ukrainischen Stadt (1,5 Millionen Einwohner), im Jahr 2004. Auch er investierte ein Vermögen in sein Spielzeug, das wie Schachtjor Donezk und Dynamo Kiew mit einer südamerikanisch geprägten Mannschaft europäische Achtungserfolge erreichte. Der Immobilienmogul steckte sein Geld in den Bau der EM-Arena (50 Millionen Euro) und den Ausbau des lokalen Flughafens zu einem sicheren Landeplatz beim großen europäischen Fußballfest (200 Millionen Euro).

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          Die Achmetows, Surkis und Jaroslawskis haben den Fußball nicht nur als Ort der eigenen Passion entdeckt, sondern auch als Schauplatz für das Mehren des eigenen Ruhms und der eigenen Macht. Sie könnten auch eine eigene Mannschaft bilden, da in der Premjer-Liha jeder der sechzehn Klubs, auch der aus der EM-Stadt Lwiw (Karpaty), wo Piotr Diminskij das letzte Wort hat, seinen Oligarchen hat. Wäre dem nicht so, die Ukraine hätte wohl kaum die Chance bekommen, sich in diesen Wochen der Welt als Mitgastgeber des zweitgrößten Fußballfestes überhaupt vorzustellen.

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