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Türkische Talente : Die Integration der Innenverteidiger

  • -Aktualisiert am

Akrobat in der Abwehr: Caglar Söyüncü gelang in Freiburg der Durchbruch. Bild: dpa

An Söyüncü, Kabak und Demiral kann man sehen: Türkische Talente profitieren vom Schritt ins Ausland – und nicht nur sie. Die türkische Nationalmannschaft hat eine defensive Stabilität wie nie zuvor.

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          Ein Gefühl der Aussichtslosigkeit ergriff Michael Reschke, als er Ozan Kabak zum ersten Mal mit eigenen Augen spielen sah. Der Transferspezialist, der von Bayer Leverkusen über den FC Bayern beim VfB Stuttgart gelandet war, hatte 2018 von diesem aufregenden Verteidiger aus Istanbul gehört und war zur ausführlicheren Recherche in die Türkei geflogen: „Was machen wir eigentlich hier? Wir können diesen Spieler niemals kriegen, wie soll das gehen? Der ist viel zu gut“, habe er nach 20 Minuten Spieldauer zu seinem Begleiter aus Stuttgart gesagt, erinnert sich Reschke.

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          Am Ende der Reise konnte er Kabak trotzdem von einem Wechsel in die Bundesliga überzeugen, wegen der Entwicklungschancen. Inzwischen zählt der 21 Jahre alte Profi zu den interessantesten Abwehrtalenten Europas. Als Spieler aus einem Land, das sich mehr und mehr zu einer Innenverteidigernation entwickelt.

          Wuchtige Abwehrspieler

          Wenn Italien am Freitagabend (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV) die EM gegen die Türkei eröffnet, wird Kabak, der zuletzt vom FC Schalke nach Liverpool verliehen war, vielleicht gar nicht spielen, weil zwei Kollegen noch besser verteidigen: der ehemalige Freiburger Caglar Söyüncü, 25, von Leicester City und Merih Demiral, 23, von Juventus Turin. Vor Reschke staunten nämlich schon andere Scouts über die wuchtigen Abwehrspieler, die während der vergangenen Jahre in der Türkei herangereift sind.

          Der Freiburger Sportdirektor Klemens Hartenbach war hingerissen von Söyüncü, den der Klub 2016 für mehr als zwei Millionen Euro aus der zweiten türkischen Liga kaufte, obwohl er noch nie in seinem Leben ein Erstligaspiel bestritten hatte: „Seine Zweikampfstärke und seine Dynamik haben uns besonders beeindruckt“, sagte Hartenbach seinerzeit. Viele Beobachter hielten die Investition für hoch riskant, zwei Jahre später verkaufte der Bundesligaklub Söyüncü für 21 Millionen Euro nach Leicester – bis heute der Rekordtransfer des Klubs.

          In der Premier League hat sich dieser vor Energie strotzende Spieler inzwischen viel Respekt verschafft; nun will Söyüncü auch das EM-Publikum begeistern, das mit Juves Demiral noch einen dritten türkischen Abwehrspieler von außergewöhnlicher Qualität präsentiert bekommt. Demiral verteidigte in seinem Klub zuletzt an der Seite des gefeierten Youngsters Mattijs de Ligt sowie mit Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, zwei Großmeistern der Abwehrkunst.

          Defensive als Problemzone

          Während vieler Jahre war die Defensive die Problemzone der Türken, im Moment ist die Innenverteidigung das Prunkstück des gesamten Teams. In acht ihrer zehn Qualifikationsspiele für das EM-Turnier blieben die Türken ohne Gegentreffer. Das Ensemble von Trainer Senol Günes hat eine defensive Stabilität entwickelt, die wahrscheinlich einzigartig ist in der Geschichte dieser Fußballnation, und das hat viel mit einer Öffnung nach Europa zu tun.

          Von den acht Verteidigern im Kader spielt nur Ridman Yilmaz in der heimischen Süper Lig, in der zwar hohe Gehälter bezahlt werden, das Niveau aber nicht mit den Honoraren mithalten kann. Als Söyüncü 2016 im Nationalteam debütierte, standen nur drei Spieler in der Startelf, die nicht in der Türkei spielten. Als die Mannschaft im März in der WM-Qualifikation mit 4:2 gegen Holland gewann, waren es neun.

          Dieser Einfluss aus größeren Ligen tut dem türkischen Team offenkundig gut. Der 35 Jahre alte Torjäger Burak Yilamz wurde flankiert von seinen Nationalmannschaftskollegen Yusuf Yazici und Zeki Celic mit dem OSC Lille französischer Meister. Und die Karrieren von Spielern wie Söyüncü, Kabak und Demial, die neben dem früheren Leverkusener Hakan Calhanoglu (AC Mailand) die wertvollsten türkischen Spieler auf dem Transfermarkt sind, gelten mittlerweile als Modell für andere Talente.

          Die Idee, sich erstmal bei einem der Istanbuler Großklubs durchsetzen zu wollen, um dann in eine größere Liga zu wechseln, hat sich oftmals als unklug entpuppt, weil anderswo bessere Entfaltungsmöglichkeiten vorhanden sind. Sogar für einen Spieler, wie Kabak, der das Unglück hatte, zunächst mit Stuttgart abzusteigen und anschließend in das Untergangsepos des FC Schalke hineinzugeraten, wo er vor seiner Leihe nach Liverpool dann auch seine Form verlor.

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          In England unter Jürgen Klopp fing er sich im Winter wieder, Reschke sagt: „Aus Liverpool höre ich, dass dort intern gesagt wird, Ozan Kabak habe entscheidenden Anteil daran, dass die sich noch für die Champions League qualifiziert haben.“ Die Kaufoption, mit deren Hilfe Liverpool Kabak für 20 Millionen Euro fest von den Absteigern aus Gelsenkirchen hätte verpflichten können, hat Klopp trotzdem nicht gezogen. Auch in England muss gespart werden.

          Dennoch habe Kabak „einen unglaublichen Job gemacht“ und verfüge mit seinen 21 Jahren über „extrem viel Erfahrung“, sagt Klopp. Nun hoffen nicht nur die Türken, sondern auch die Verantwortlichen auf Schalke auf ein gutes Turnier von Kabak, um den Preis für einen Spieler in die Höhe zu treiben, von dem Reschke immer noch schwärmt: „Ozan ist ein offensiv verteidigender Innenverteidiger, er ist extrem kopfballstark, defensiv wie offensiv, er hat eine gute Spieleröffnung und ist in der Lage, Bälle zu treiben.“

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