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EM der wenigen Tore : Transpiration schlägt Inspiration

Seltenes Bild: Der Ball ist im Netz (hier dank des Belgiers Romelu Lukaku) Bild: Reuters

Die WM 2014 lieferte Spektakel und viel Tore, bei der Copa America wird auch mehr gejubelt: Die EM in Frankreich könnte hingegen einen Minusrekord brechen. Die europäischen Teams kennen sich zu gut für Überraschungen.

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          Fußball produziert packende Bilder, gute Geschichten und viel Gesprächsstoff. Doch das entscheidende Produkt bleiben Tore. In dieser Hinsicht erlebt die EM einen Lieferengpass. Ausgerechnet Weltmeister Deutschland bescherte der EM am Donnerstag gegen Polen das erste Nullsummenspiel. Portugal und Österreich folgten am Samstag, Frankreich und die Schweiz am Sonntag.

          Insgesamt waren nach diesem 24. von 51 EM-Spielen, also etwa zur Halbzeit des Turniers, nur 47 Tore gefallen. Ein Schnitt von weniger als zwei pro Spiel. Damit droht diese EM die geringste Tor-Ausbeute in der Historie der großen Fußballturniere zu liefern. Und damit noch weniger als die WM 1990, als aus deutscher Sicht der Triumph der eigenen Mannschaft den Blick darauf verstellte, dass es sich um ein spielerisch schwaches und torarmes Turnier handelte mit dem bis heute niedrigsten Schnitt von 2,21.

          Danach begannen Regeländerungen wie das Verbot für den Torwart, einen Rückpass mit der Hand aufzunehmen, oder die Abschaffung von „gleicher Höhe“ als Abseitsposition, den Offensivfußball wieder zu begünstigen, mit steigender Torausbeute.

          Bei der aktuellen Jahrhundertausgabe der „Copa América“, des amerikanischen Pendants zur EM, sind in bisher 28 Spielen 84 Tore gefallen, ein Schnitt von drei. Der Durchschnitt der letzten drei EM-Turniere pendelt knapp unter 2,5. Nun aber ist er deutlich eingebrochen, denn in den meisten Spielen wird, zumindest von einem der beiden beteiligten Teams, anders als in Lateinamerika ein vorsichtiger, kontrollierter Fußball bevorzugt. Bei dieser EM würden „die defensiven Mannschaften meistens für ihre Arbeit belohnt“, sagt Robert Almer, der Torhüter Österreichs, das mit 3:23 Torschüssen gegen Portugal ein 0:0 erreichte.

          Defensive wird belohnt: Österreichs Torwart Robert Almer hält den Kasten sauber
          Defensive wird belohnt: Österreichs Torwart Robert Almer hält den Kasten sauber : Bild: AFP

          Durch die Ausweitung der EM sind Teams hinzugekommen, denen oft die offensive Top-Klasse fehlt, die im Fußball sehr selten ist, und die das durch die im Kollektiv leichter erreichbare defensive Ordnung zu kompensieren versuchen. Und durch einen Kampfgeist, der jeden Einzelnen „die Drecksmeter gehen“ lässt, wie es Österreichs Teamchef Marcel Koller nannte. Zugleich fehlen den wenigen Top-Teams am Ende einer harten Saison die Frische und Leichtigkeit im Offensivspiel. Transpiration schlägt Inspiration, so fallen viele Tore erst durch Müdigkeit, am Ende eines langen Abnutzungskampfes.

          Der Schauwert der letzten WM, als vor allem beschwingt auftretende Latino-Teams offensive Leidenschaft und kreative Momente brachten (und einen Torschnitt von 2,67), wird in Frankreich nicht erreicht. Es gibt kaum spielerische Überraschungen, jeder weiß, wie der andere spielt. Ebenso berechenbar ist die zeitliche Verteilung der Tore. Während der ersten halben Stunde ist nur in jedem sechsten Spiel ein Tor gefallen. Während der durchschnittlich nur drei bis vier Minuten langen Nachspielzeit dagegen in jedem vierten. Immerhin ist das ja auch eine Art Service für die Zuschauer, ein Programmvorschlag zur besseren Zeiteinteilung. Bier holen? Kein Problem bis mindestens Mitte erster Halbzeit. Toilette? Besser verdrücken bis zur 95. Minute. Damit man nur ja keines dieser seltenen, kostbaren Tore verpasst.

          Der Schauwert der letzten WM wird in Frankreich nicht erreicht.
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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