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EM-Bilanz : Sieg für die Uefa

  • -Aktualisiert am

1:0 für die Uefa - die EM hatte viele Gewinner und einen Verlierer Bild: dapd

Spanien, die Sponsoren und die Uefa: Es gibt viele Gewinner bei der Europameisterschaft 2012. Die unschöne Seite des Turniers wurde durch eine unverdrossene Begeisterung des Publikums meist ausgeblendet.

          Die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine hat viele Gewinner hervorgebracht. Spanien sowieso, das sich zum Abschluss im Finale gegen Italien mit 4:0 durchsetzte und als erste Mannschaft in der Geschichte drei große Turniere hintereinander gewann. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) stand schon vor dem Anpfiff als finanzieller Sieger fest. Der Verkauf der Marketing- und Fernsehrechte sowie der Eintrittskarten brachte Einnahmen von mehr als 1,3 Milliarden Euro.

          Der Verband kann es sich leisten, vom Gewinn fast 200 Millionen Euro als Preisgeld an die sechzehn Teilnehmer des Endturniers auszuschütten und 100 Millionen Euro an die Vereine weiterzugeben, die Spieler für die beteiligten Nationalmannschaften abstellten. Und das Geschäft wird noch größer: von der EM 2016 in Frankreich an nehmen 24 Mannschaften am Endturnier teil. Dass der sportliche Wert der Veranstaltung verwässert, wird wegen der deutliche verbesserten Einnahmemöglichkeiten gern hingenommen. Die Idee des Uefa-Präsidenten Platini, die EM danach gar nicht mehr an einen oder zwei Gastgeber zu vergeben, sondern in zwölf über ganz Europa verstreute Stadien, überraschte, ist aber nur konsequent. So entfielen zukünftig die horrenden Investitionen der Ausrichter in Stadien und Infrastruktur. Die Ukraine wäre fast an der Aufgabe gescheitert.

          Die hässliche Seite

          Der finanzielle Erfolg in seiner ganzen Größe hat aber auch seine hässliche Seite. Die Uefa rechtfertigt die hohen Preise, die sie verlangt, mit einer penetranten Vermarktung und einer Rundumversorgung seiner Sponsoren. Zuallererst werden sie zufriedengestellt, dann wird geschaut, was für das Fußballvolk übrigbleibt. Die wenigen Hotelzimmer in der Ukraine wurden von der Uefa für ihre „Familie“ genannten Mitglieder und Geschäftspartner blockiert, nur für die umfangreiche Fahrdienstflotte der Fußball-Union gab es freie Zufahrt zu den eigentlich öffentlichen Parkplätzen an den Stadien. Die Straßen wurden so frühzeitig und weiträumig abgesperrt, dass die Bewohner in Stadionnähe von ihren Besuchern an den Spieltagen stundenlang nur noch mit einem kräftigen Fußmarsch erreicht werden konnten, die dortigen Geschäftsleute wurden um ihren erhofften EM-Profit gebracht.

          Das Geschäft in den von der Uefa kontrollierten Fanzonen florierte dagegen. Wer vor den riesigen Leinwänden mitfeiern wollte, musste seine Taschen öffnen. Auch aus Sicherheitsgründen, aber vor allem, um alle Nahrungsmittel konfiszieren zu können. Die Umsatzmöglichkeiten der Uefa-Konzessionäre wurden so geschützt.

          Die Fans schluckten ein paarmal, ließen sich ansonsten jedoch den Spaß am Fußball durch diese Unannehmlichkeiten, eine häufig beschwerliche Anreise und die eine oder andere Organisationspanne nicht verderben. Die Gastfreundschaft der Polen und vor allem der Ukrainer half ihnen spielend darüber hinweg. Mit welcher unverdrossenen Begeisterung sie sich selbst, ihre Nationalmannschaften und den Fußball insgesamt feierten, hatte etwas Rührendes, Hoffnung spendendes und Irritierendes zugleich. Der Begriff „Schlachtenbummler“ ist für diese Klientel zum Glück längst irreführend, „internationales Fußball-Partyvolk“ trifft es besser. Einerseits befremdend, was es alles erduldet, um sich - in ihre Nationaltrikots gezwängt oder bunt kostümiert - zu amüsieren, andererseits bewundernswert, wie es die Grundsätze der Völkerverständigung lebt.

          Bilderstrecke

          Ob die beiden Ausrichterländer zu den Gewinnern der Europameisterschaft zählen, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen, wenn die Milliardeninvestitionen in die Stadien und die Infrastruktur ihren Test auf die Alltagstauglichkeit hinter sich haben. Die Polen fühlen sich jedoch jetzt schon als Sieger. In der Ukraine wird diese Meinung auch vertreten, nur glauben viele, dass der Preis zu hoch war. Es wird geschätzt, dass bis zu ein Drittel der vom Staat übernommenen Kosten in schwarze Kanäle geflossen ist. Die Bürger müssen die Schulden begleichen.

          Nur eine Randfigur

          Der Box-Schwergewichtsweltmeister Vitali Klitschko glaubt dennoch, dass auch das ukrainische Volk zu den Gewinnern der EM zählt. Der Profiboxer, der sich als Vorsitzender der von ihm gegründeten Partei Udar am 28. Oktober zur Parlamentswahl stellt, meint, seine Landsleute hätten durch die Berührung mit dem Westen Europas deren Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten kennengelernt. Der ukrainische Präsident Janukowitsch zählte jedenfalls nicht zu den EM-Siegern. Die Uefa mit ihrem Präsidenten Platini an der Spitze verbat es sich zwar, öffentlich gegen seinen Geschäftspartner wegen der Behandlung der Oppositionellen Julia Timoschenko Stellung zu beziehen.

          Aber der Verband verhinderte immerhin, dass Janukowitsch einen Imagegewinn aus der EM ziehen konnte. Auf den von der Uefa produzierten und in einigen Fällen auch manipulierten Fernsehbildern war der ukrainische Präsident bis auf einen kurzen Auftritt als Bejubler seiner Mannschaft nur eine Randfigur. Im Finale huschte er ganz kurz durchs Bild, während Uefa-Präsident Platini wie der Gastgeber zwischen dem spanischen Thronfolger Felipe und dem italienischen Ministerpräsidenten Monti saß. Uefa gegen den Rest Europas - Spielstand 1:0.

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