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Achtelfinale bei der EM : Dänemark im Ausnahmezustand

Kollektiver Freudentaumel: Das dänische Team feiert den Einzug ins Achtelfinale. Bild: dpa

Dänemark lässt sich in Kopenhagen vom Publikum und den Gedanken an Christian Eriksen zum Sieg tragen – und darf nun die emotionalste Geschichte der Fußball-EM weiter schreiben.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Zum Glück können sie viel besser spielen als singen. Simon Kjær, Yussuf Poulsen und Pierre-Emile Højbjerg nehmen ihre Aufgabe zwar durchaus ernst, und gerade Poulsen wirkt, als glaube er, doch beträchtliche Qualitäten als Sänger zu haben. Hat er aber nicht. Die drei sind bei „Youtube“ zu bewundern, wie sie in erster Reihe einer Halle stehen und mit den stummeren Kollegen den dänischen EM-Song „Danmarks Dynamite“ mit der Band „Alphabeat“ intonieren. Gute Laune haben sie, Christian Eriksen spielt Luftgitarre, und in den drei Minuten des Clips zum Song gibt es so viele geographische und menschliche Versatzstücke, dass sich jede Dänin und jeder Däne angesprochen fühlen dürfte: Es ist eine Reise in den dänischen Sommer, wie sie schöner nicht sein könnte.

          Fußball-EM

          Auch wenn die dänische Nationalmannschaft manchen Fachleuten als Geheimtipp gegolten hatte (war die Türkei nicht auch einer?), wenn man ahnte, dass da eine gute Mischung aus Jung und Alt auflaufen würde und in Trainer Kasper Hjulmand ein empathischer Typ das Ganze mit viel Sachkenntnis anleitete, war dieser rotweiße Fußball-Sommer nicht mal in Ansätzen vorherzusehen – wie auch. Um das zu werden, was er gerade ist, die emotionalste Story der EM, brauchte es Christian Eriksens Kollaps. Und den konnte und wollte sich niemand vorstellen.

          Am Montagabend im Kopenhagener „Parken“ kamen nun ein paar Dinge zusammen. Gutes Wetter, ein Sommergefühl, der Heimspielfaktor. Das waren die Grundlagen. Hatte zuvor gegen Belgien die stete Anfeuerung der Fans noch zu einer Reizüberflutung geführt, die später in einen Energieabfall und die Niederlage mündete, nahmen Hjulmands Spieler die Stimmung im erstaunlich vollen Stadion als Impuls, der sie durchs ganze Spiel trug. Keiner überzog. Klar, der Gegner aus Russland war schwächer als Belgien, doch nach dem 2:1-Anschlusstreffer Artyom Dzyubas in der 70. Minute hätte das Unternehmen Achtelfinale kippen können.

          Ständige Gedanken an Eriksen

          Tat es nicht. Andreas Christensen und Joakim Mæhle legten nach, Dänemark gewann 4:1 und spielt am Samstag in Amsterdam gegen Wales. Das wird übrigens der 26. Juni sein – keine Zeitung vergaß daran zu erinnern, dass Dänemark am 26. Juni 1992 Europameister wurde. Historisch war auch eine weitere Einordnung. Andere Helden als die von 2021 und 1992 hatten am 5. Juni 1985 die Sowjetunion 4:2 besiegt; die Tore in der WM-Qualifikation schossen zweimal Preben Elkjær Larsen und Michael Laudrup.

          Dass es ihnen Spaß gemacht hatte am Montagabend, sah man den dänischen Spielern an. Für den Moment schien die Last der traumatischen Minuten abgefallen. Und auch wenn Trainer Hjulmand später sagte, man denke ständig an Christian Eriksen, der von zuhause in Odense gratulierte, war doch zu spüren, dass der Rückweg in die Normalität längst gebahnt ist – zumindest für den emotionalen Ausnahmezustand dieser EM in Kopenhagen. Wenn das Adrenalin irgendwann mal weniger rauscht, werden Schmeichel, Kjær und Co. sehen, wie stark Eriksens Kollaps nachwirkt.

          1985 und der Sieg gegen die Sowjets war auch deshalb eine historische Bezugsgröße, weil der damals 20 Jahre alte Laudrup eine große Karriere startete. Ähnliches traut man in Dänemark nun Mikkel Damsgaard zu. Der 20-Jährige von Sampdoria Genua traf sehenswert zum 1:0. Schon geht es um das Interesse größerer Klubs; die EM ist ja immer auch Bühne. Zum 2:0 traf Yussuf Poulsen, der in der Tat besser spielt als singt, und inzwischen zu einem Anführer aufgestiegen ist.

          Was man zumindest aufs Spielfeld bezogen auch über Andreas Christensen sagen kann, den Torschützen zum 3:0. Über den diesmal defensiv besten Dänen, Pierre-Emile Højbjerg, kommt man dann zurück zu Hjulmand. Beseelt, vollkommen glücklich wirkte der Trainer auf seiner Ehrenrunde. Er hatte schon nach dem 1:2 gegen Belgien gesagt, das Turnier sei nicht vorbei, und dabei auch auf die günstige Konstellation geschaut – Dänemark ist mit drei Punkten Gruppenzweiter geworden.

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          Hjulmand setzt anders als sein Vorgänger Age Håreide auf Højbjerg. Håreide war erfolgreich, erreichte mit den Dänen WM und diese EM. Doch die DBU wollte einen innovativen Trainer mit offensiven Vorstellungen; Ballbesitzfußball, keine Konter. Aktion, nicht Reaktion. Den haben sie mit Hjulmand gefunden. Dass die Dänen nun ohne ihren besten Spieler so erfrischend wie erwachsen agieren, ist mit dem Hinweis darauf nur unzureichend erklärt, sie würden alle für Eriksen spielen. Irgendwie haben Leid und Genesung des Einzelnen das Beste aus Allen herausgekitzelt.

          Die Dänen feiern ihre sportlichen Erfolge allerdings auch deshalb so ausgiebig, weil sie wissen, dass morgen alles vorbei sein kann. Natürlich hat mancher schon ausgeknobelt, dass ein Viertelfinale gegen Holland die günstige Gelegenheit sein könnte, mal nach Baku zu kommen. Doch selbst wenn der Mittsommernachtstraum am Samstag in Amsterdam enden sollte, wird die Nachricht an die Mannschaft nur sein: Tak, Danmark. Danke, Dänemark.

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