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Portugal im Siegestaumel : Die Schlusspointe der EM sitzt

Es ist vollbracht: Portugal ist ein würdiger Europameister Bild: AFP

Eine EM ist spielerisch schlechter als die Champions League – macht das aber durch Leidenschaft und besondere Biographien wett. Auch deswegen ist Portugal in der historischen Summe ein würdiger Europameister. Ein Kommentar.

          2 Min.

          Schönen Fußball? Hat Portugal oft gezeigt. Und nie etwas gewonnen. Stets eine Bereicherung für ein Turnier, nie dessen Profiteur – nun haben sie das umgedreht, und das Ergebnis ist nur gerecht. Durch ihre taktische Zähigkeit und ihren Teamgeist bei diesem Turnier, aber auch durch die vielen Jahrzehnte des Scheiterns in Schönheit haben sie sich das verdient. Portugal ist, in der historischen Summe, ein würdiger Europameister.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Cristiano Ronaldo widmete den Titel „allen Portugiesen und allen Immigranten“. 1,2 Millionen Menschen portugiesischer Nationalität oder Herkunft leben in Frankreich. So wie Raphael Guerreiro, der eine Minute vor dem Siegtor per Freistoß die Latte traf – aufgewachsen wenige Kilometer vom Stade de France entfernt, kein Portugiesisch sprechend, nun Europameister mit Portugal. Sogar Antoine Griezmann, der Star der Franzosen, hätte für Portugal spielen können, sein Großvater emigrierte von dort in den fünfziger Jahren ins Burgund.

          Und auch die Geschichte des Siegtorschützen Éder, neben Danilo, Pepe, Nani und Carvalho einer von fünf nicht in Europa geborenen Europameistern, aufgewachsen in einem Waisenhaus in Coimbra fern seiner Heimat Guinea-Bissau, ist eine jener Geschichten von Immigration und Integration, mit denen Europas Fußball Europas Gesellschaft spiegelt.

          Eine EM ist spielerisch schlechter als die Champions League, macht das aber durch kollektive, nationale Leidenschaft und besondere Biographien wett. Ronaldo, der als Dreizehnjähriger Madeira verließ und sich einsam in Lissabon durchbiss, um ein Star zu werden, wirkte am Sonntag, als tauschte er jeden seiner drei Champions-League-Siege mit den beiden größten Klubs der Welt, Manchester United und Real Madrid, liebend gern gegen den Titel mit dem kleinen Portugal ein. Auch diese EM, viel zu sehr gestreckt durch die Aufstockung auf 24 Teams, bot als Ausgleich für oft öden, destruktiven Fußball, wie ihn auch Portugal über weite Strecken bot, jene vielen kleinen Geschichten, die der verpasst, der Fußball auf die strahlende Welt der Champions League reduziert.

          Alle, die in der Königsklasse spielen, sind auf der Sonnenseite ihres Berufs angekommen. Bei einer EM aber sieht man noch Wende- und Höhepunkte von Biographien, die nicht für eine Heldenrolle vorgesehen waren. Wie bei dem Verteidiger José Fonte, der nach dem Sieg mit Portugal daran erinnerte, dass er noch vor ein paar Jahren, mit 26, in der dritten englischen Liga gestrandet war.

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          Oder Ashley Williams, Kapitän der famosen Waliser, der sich in früheren Tagen als Fußballer Geld als „schlechtester Kellner der Welt“ hinzuverdienen musste. Wie der Nordire Conor Washington, der während der letzten EM noch Postbote war. Oder wie Jonas Hector, der größte Gewinner im deutschen Team, der einst als Talent aus dem Saarland beim B-Team des FC Bayern vorspielte, damals dritte Liga, worauf ihm der Trainer und heutige TV-Experte Mehmet Scholl empfahl, es besser in der vierten Liga zu versuchen.

          In der komprimierenden Erinnerung wird dieses aufgeblasene Turnier auf solche Geschichten schrumpfen, auf die Gesänge und Bärte der Isländer, auf einige wenige große Spiele. Und vor allem auf den Moment, wie am Ende der große Kapitän Ronaldo auf einem Bein im Siegestaumel herumhüpfte – ein Käpt’n Ahab des Fußballs, der seinen großen weißen Wal doch noch erlegt hat. Es war, was diese EM nicht immer bot, in ihrem finalen Moment dann aber doch: großer Sport.

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