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Évian-Fußball-Kommentar : Die deutsche Elf prickelt nicht

Hängende Köpfe: Die Performance des Weltmeisters ist zurzeit wenig weltmeisterlich Bild: dpa

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat sich zwischen den Turnieren nicht weiterentwickelt. Die alten Waffen sind stumpf geworden. Nach variablen Lösungen sucht man bisher vergeblich.

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          Was hat die deutsche Nationalmannschaft in den beiden vergangenen Jahren eigentlich gemacht? Um es kurz zu machen: nicht viel. Erst hat sie sich feiern lassen, dann quälte sie sich durch die EM-Qualifikation – und nur die selbstgewisse Zuversicht, in Frankreich, wenn es drauf ankommt, wieder in Topform zu sein, war in dieser Zeit weltmeisterlich. Tatsächlich aber drängt sich nach den beiden ersten EM-Auftritten dieser Eindruck auf: Es waren zwei verlorene Jahre.

          Zum ersten Mal, so scheint es, hat sich die Mannschaft in der Ära Löw zwischen zwei großen Turnieren nicht weiterentwickelt. Im Gegenteil: Das Alte funktioniert nicht mehr wie vor zwei Jahren, und Neues hat der Weltmeister nicht im Angebot. Taktisch spielen die Deutschen exakt dasselbe System wie vor zwei Jahren. Das muss nicht schlecht sein. Aber ohne Klose und Lahm, die bisher niemand ersetzen kann, fehlt es auf entscheidenden Positionen an Qualität. Eine Erneuerung, die es nach einem Titelgewinn zum Teil eben auch braucht, ist bisher nicht zu entdecken Und einen anderen als den alten Plan gibt es auch nicht.

          Von der taktischen Flexibilität, die der Weltmeister entwickelt haben will, ist noch nichts zu sehen. Dabei liefen die Spiele gegen die Ukraine und Polen exakt so, wie es Löw erwartet hatte: Die Deutschen mussten das Spiel machen – und das konnten sie schon mal viel besser. Denn die alten Waffen sind stumpfer geworden. Nach variablen Lösungen, etwa im Sturm, sucht man bisher vergeblich. Eine Variante mit zwei Angreifern ist bei der EM nicht erkennbar, noch wurde sie seit der WM getestet und entwickelt. Götze allein und alleingelassen als falsche Neun oder Gomez als Stoß-Stürmer ohne Unterstützung mit gefährlichen Flanken von Außenverteidigern, die das nicht können: das ist das taktisch dünne stürmische Angebot des Weltmeisters, das bei der EM keinen großen Schrecken verbreitet. Ein einziges herausgespieltes Tor in drei Stunden – dazu in der Nachspielzeit, als sich viel Raum bot – ist keine Grundlage, um vom Titel träumen zu dürfen.


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          Das größte personelle Manko, an dem der deutsche Fußball schon während der gesamten Zeit des Bundestrainers leidet, das aber Lahm mehr als nur halbwegs verdeckte, wird in Frankreich augenfällig: ein Vakuum auf den Außenverteidigerposten, wo Hector und Höwedes weit vor der gegnerischen Grundlinie an ihre Grenzen stoßen. Deshalb bleibt Kroos und Özil im Mittelfeld oft nicht viel übrig, als mit ihren Pässen den Weg durch die vollgestellte Mitte zu suchen. So ausrechenbar wie in diesen Tagen war die deutsche Offensive seit Jahren nicht.

          Selbst Müller ist nur ein Mitläufer

          Dem deutschen Team mangelt es in Frankreich aber nicht allein daran. Diese Schwäche ist vielleicht nicht ganz so erheblich. Aber es fehlt auch der Geist des legendären Campo Bahia, in dem Lebens- und Spielfreude ebenso gediehen wie Kampf- und Eroberergeist. All das, was an Brasiliens Stränden entstand, sucht man im deutschen Team in Frankreich bisher vergeblich. Selbst Müller, und das muss wirklich Sorgen machen, ist nur Mitläufer.

          Das Leben und das Training am Ufer des Genfer Sees, wo sich das Team neben Menschen niedergelassen hat, die ihren Erfolg genießen, ist nicht die erhoffte Quelle der Inspiration. Die Deutschen spielen nur noch Évian-Fußball. Oder anders gesagt: Beim Weltmeister prickelt nichts mehr.



          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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