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Frankreich - Deutschland 2:0 : Anschläge machen Fußball nebensächlich

Das Ergebnis spielt keine Rolle: Thomas Müller und die DFB-Elf beim Spiel in Paris. Bild: AFP

Das DFB-Team verliert den EM-Test in Frankreich. Das Länderspiel wird von einer Anschlagsserie auch in der Nähe des Stadions überschattet. Während der Partie sind drei Explosionen zu hören.

          Schon der Nachmittag hatte einen Schrecken über die Stadt gebracht. Der immerhin schien sich zunächst noch als harmlos zu entpuppen. Eine Bombendrohung gegen das deutsche Mannschaftshotel in Paris, die alsbald in eine Entwarnung mündete. Die deutschen Spieler verbreiteten über die sozialen Netzwerke noch Fotos, die gute Laune dokumentierten, als sie in der erzwungenen freien Zeit die Tennisanlage von Roland Garros besuchten.

          Was am Abend folgte, war viel schlimmer. Eine gespenstische Veranstaltung, in der auf dem grünen Rasen Fußball gespielt wurde, 90 Minuten lang, in denen auch ein Sieger ermittelt wurde: Frankreich, mit 2:0. Doch natürlich sprachen sich auch im Stade de France die Nachrichten von draußen herum: von der Schießerei in der Stadt, und von den Detonationen in Stadionnähe. Sie waren auch zu hören gewesen im Innern des Endspielstadions der EM im kommenden Jahr. Aber da glaubte noch niemand an das, was sich später verdichtete. Niemand kam mehr ins Stadion hinein oder aus ihm heraus, der französische Präsident Hollande wurde in Sicherheit gebracht. (Aktuelle Informationen finden Sie in unserem Liveblog)

          Ob von all dem etwas bei den Mannschaften ankam, war von der Tribüne nicht zu sagen. Die Stimmung wirkte zwar gedämpft, aber auch nicht völlig heruntergepegelt. Der Lärm auf den Tribünen korrespondierte noch mit den Aktionen auf dem Rasen – so, als Gignac in der 86. Minute auf 2:0 erhöhte, nachdem Giroud mit der letzten Aktion der ersten Halbzeit das erste französische Tor gegen die deutsche Nationalmannschaft erzielte, und auch nach dem Schlusspfiff, als die Franzosen ihr Team bejubelten.

          Vor dem Wissen um die Welt jenseits des Fußballs war das ein skurriler Soundtrack zu einem surreal anmutenden Plot auf dem Rasen. Eigentlich hatte das Spiel schon einen Vorgeschmack auf die EM bieten sollen, die im Juni und Juli in Frankreich gespielt wird. Im Moment scheint noch nicht abzusehen, welche Auswirkungen die schwarze Nacht von Paris auf das Turnier haben wird – es ist auch nicht die wichtigste Frage.

          Löw: „Das tritt alles in den Hintergrund“

          Für den Tag werden alle froh sein, wenn sie den Abend in Sicherheit beendet haben. Auch für den Bundestrainer wird der sportliche Wert dieses Abends verblassen vor dem, was sich auf ganz anderen Feldern abspielte. „Das tritt alles in den Hintergrund“, sagte Löw, geschockt und erschüttert wie alle. Teammanager Oliver Bierhoff sprach von „großer Unsicherheit, großer Angst und großer Betroffenheit“. Als alles noch nach einem normalen Fußballspiel ausgesehen hatte, versuchte sich das deutsche Team mit einigen Experimenten. Löw hatte schon gesagt, dass ihn das Ergebnis nicht sonderlich interessiere. Was auch damit zu tun hatte, dass er die Franzosen im absoluten Wettkampfmodus erwartete, bei seinem Team aber schon bei der Nominierung Kompromisse eingegangen war.

          Überdies wollte der Bundestrainer ein bisschen was ausprobieren. Zuallererst, weil er die Rückkehr des (echten) Stürmers mit sich brachte. Mario Gomez war zum ersten Mal seit der missratenen WM-Revanche gegen Argentinien im September 2014 dabei – und Löw bot dem Angreifer, der bei Besiktas Istanbul ein neues Glück gefunden zu haben scheint, gleich von Anfang an die Chance, ihn von seinem Wert für das Unternehmen EM-Titel zu überzeugen.

          Polizisten sicherten das Gelände rund um das Stadion. Bilderstrecke

          Es zeigte sich recht bald, dass dieses Spiel nicht gerade wie gemacht für Gomez war. Angesichts des schleppenden Aufbauspiels und der ständigen Schwierigkeiten beim Versuch, die Holperbälle unter Kontrolle zu bekommen, saß Gomez in vorderster Linie weitgehend auf dem Trockenen. Kurz vor der Pause hatte er nach Zuspiel von Müller eine Chance ganz nach seinem Gusto, doch sein wuchtiger Schuss fand nicht ins Ziel.

          Aber nicht nur wegen Gomez - auch sonst hätten wohl die wenigsten genau diese elf Zahlen und Namen für die Startelf getippt, die Löw sich ausgedacht hatte. Dass Schweinsteiger und Khedira zum ersten Mal seit dem 7:1 im WM-Halbfinale wieder gemeinsam wirkten, war noch zu erwarten gewesen. Weniger allerdings, dass der Bundestrainer sowohl Antonio Rüdiger als auch Matthias Ginter beginnen lassen würde – ersteren als Rechtsverteidiger, letzteren eine Reihe weiter vorne in der noch nicht allzu oft erprobten 3-4-2-1-Grundordnung. Und auch die Rückkehr von Julian Draxler kam ein bisschen überraschend. Wobei der Wolfsburger den muntersten Eindruck hinterließ.

          Zuschauer verlassen Stadion über Rasen

          Wirklich aufgeweckt kam das deutsche Team am Abend nämlich nicht daher. Im Spielaufbau behäbig und letztlich auch ideenlos – mit so wenig Esprit hat man eine deutsche Mannschaft nicht oft gesehen in Spielen gegen Gegner, die sich nicht nur aufs Verrammeln des eigenen Tores beschränken. Es dauerte schlicht zu lange, bis Khedira und Schweinsteiger die Bälle in der Mittelfeldzentrale umgesetzt bekamen. Mit der letzten Aktion der ersten Halbzeit setzte sich Martial gegen Ginter und den sonst guten Rüdiger durch und bediente Giroud – 1:0.

          Nach wenigen Minuten der zweiten Hälfte drangen die ersten Nachrichten von der Gewalt draußen ins Stadion. Und mit jeder Meldung, die das Innere erreichte, wurde das Spiel unwichtiger – so spielte auch das 0:2 in der Schlussphase keine Rolle mehr. Ein Hauch von Freude wehte da noch einmal durch das Stade du France. Dann erwähnte der Stadionsprecher einen „Vorfall“ draußen. Die Zuschauer verließen die Tribünen zum Teil über den Rasen – in der Hoffnung, keinem neuen Schrecken zu begegnen.

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