https://www.faz.net/-gtl-6zu4o

DFB-Team : Luxus-Kader mit Leerstelle

Chef im Nationalteam: der inverse Außenverteidiger Philipp Lahm Bild: ddp

Auf fast allen Positionen ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft top besetzt. Fast. Denn Bundestrainer Löw sucht bislang vergebens nach einem zweiten Außenverteidiger von Klasse. Nächster Versuch: Der Test gegen die Schweiz an diesem Samstag (18 Uhr).

          3 Min.

          Dass im deutschen Fußball die Talente seit Jahren wie Pilze aus dem Rasen schießen ist mittlerweile weltweit bekannt. Und so hat das Modell Rumpelfüßler seinen festen Platz längst nicht mehr in der Nationalmannschaft, sondern im deutschen Fußballmuseum. Und die Spieler mit den vortrefflichen Füßen werden dabei immer jünger, und so kam es, dass der Jüngste der Jungen, Julian Draxler, auf dem Schulhof erfuhr, dass er zum erweiterten Kader für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gehört. Das Schalker Mittelfeldtalent hatte in der Pause seine Mailbox abgehört, auf der Bundestrainer Joachim Löw die Nachricht hinterlassen hatte. Der 18 Jahre alte Draxler gehört damit zu einem deutschen Mittelfeld mit 13 Kandidaten, mit denen man locker zwei bis drei Nationalmannschaften erstklassig bestücken könnte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vor allem, aber nicht nur im deutschen Mittelfeld herrscht wenige Wochen vor der Europameisterschaft geradezu verschwenderischer Luxus. Auch auf der Torwartposition hat der Bundestrainer die ganz große Wahl hinter Neuer mit drei weiteren Torhütern (ter Stegen, Wiese, Zieler), auch an Innenverteidigern mangelt es Löw nicht - und selbst bei nur drei nominierten Stürmern (Gomez, Klose, Cacau) bricht angesichts des bevorzugten Ein-Stürmer-Systems nicht gerade der personelle Notstand aus. Aber auf der größten Problemposition der deutschen Nationalmannschaft der vergangenen Jahre gibt es zwei Wochen vor dem Start gegen Portugal weiter eine unliebsame Vakanz. Der linke Verteidiger von internationalem Format ist weiterhin das unbekannte Wesen des deutschen Fußballs - außer, wenn Philipp Lahm die Seite wechselt.

          Ein Sammelsurium an Spitzenspielern: der Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
          Ein Sammelsurium an Spitzenspielern: der Kader der deutschen Fußball-Nationalmannschaft : Bild: dapd

          Dem traditionellen deutschen Engpass hinten links ist der Bundestrainer in den vergangenen Monaten und Jahren mit allen möglichen Varianten begegnet - aber keine hat dauerhaft funktioniert, kein Spieler konnte dem hohen Anspruch des Fußballästheten gerecht werden. Und wenn Lahm dann mal links spielte, wie vor allem zu Beginn seiner Karriere, dann verlagerte sich das Problem auf die andere Seite. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

          Die Liste der Kandidaten, die sich die Leerstelle, die Lahm links oder rechts hinterlässt, ist jedenfalls beachtlich: Arne Friedrich stopfte die Lücke beim Sommermärchen 2006, Clemens Fritz und Marcell Jansen wurden bei der EM 2008 ausprobiert, bei der WM 2010 mussten sich die gelernten Innenverteidiger Holger Badstuber und dann Jerome Boateng auf der rechten Seite versuchen.

          In den Jahren dazwischen sollten mal den Hoffenheimern Andreas Beck und Marvin Compper die Zukunft auf außen gehören. Mal hat es der Bundestrainer mit Dennis Aogo, Christian Pander, Marcel Schäfer, Gonzalo Castro und mit Christian Träsch versucht, die im Aufgebot für die EM nun aber allesamt nicht mehr dabei sind - aber immer wieder auch mit den nominierten Boateng, Benedikt Höwedes und Marcel Schmelzer. Eine feste Formation der Viererkette allerdings hat Löw bisher nur gesucht, aber nicht gefunden.

          Jetzt aber Vollgas: Marcel Schmelzer (im Foto links) soll sich gegen die Schweiz international bewähren
          Jetzt aber Vollgas: Marcel Schmelzer (im Foto links) soll sich gegen die Schweiz international bewähren : Bild: AFP

          „Mit unseren sieben Abwehrspielern haben wir vielfältige Möglichkeiten“, sagte der Bundestrainer schon bei der Präsentation seines Kaders. Aber er schränkte gleich ein, dass es dabei natürlich auch ein paar unverrückbare Spezialisten in seiner Defensive gibt: Per Mertesacker und Mats Hummels sind eigentlich nur in der Innenverteidigung zu gebrauchen, Badstuber, Boateng und Höwedes haben zwar ebenfalls dort ihre Bundesliga-Stammplätze, sind zur Not aber auch auf der Außenbahn einsetzbar.

          Nur Philipp Lahm und der Dortmunder Marcel Schmelzer haben ihre angestammten Positionen an den Seitenlinien, sie sind die einzigen gelernten Außenverteidiger im 27-köpigen vorläufigen EM-Kader. Aber, so fügte Löw hinzu, er könne auch Lars Bender aus dem Mittelfeld zum Außenverteidiger machen, das verschaffe ihm eine größere defensive Flexibilität.

          Noch steht nicht fest, auf welcher Seite Lahm spielen soll

          Derzeit weiß der Bundestrainer aber noch nicht einmal, ob Lahm bei der EM auf der linken oder doch wieder wie in den letzten Monaten beim FC Bayern auf der rechten Seite spielt, als klassischer Außenverteidiger oder, wie es im Fachjargon heißt, als inverser Außenverteidiger auf der linken Seite. Das macht auch einen taktischen Unterschied. Der inverse Außenverteidiger spielt mit dem starken rechten Fuß auf der linken Seite - oder eben umgekehrt. Lahm galt lange als bester inverser Außenverteidiger der Welt, nicht zuletzt weil er da in der Offensive gefährlich nach innen ziehen kann.

          Aber der inverse Außenverteidiger vermag in der Offensive normalerweise den Außenstürmer kaum zu „hinterlaufen“ und gefährliche Flanken von der Grundlinie zu schlagen, was in einem Sturmspiel mit Gomez ein größerer Verlust wäre als mit Klose in der Spitze.

          Arbeitet an seinem Comeback nach Verletzungspause: Abwehrspieler Per Mertesacker
          Arbeitet an seinem Comeback nach Verletzungspause: Abwehrspieler Per Mertesacker : Bild: dpa

          Die gesamte Abwehrkonstellation hängt in diesen Tagen an Schmelzer. In der Bundesliga beeindruckt der Dortmunder als linker Außenverteidiger, aber eben nicht in der Nationalelf. Wenn es dem Vollgas-Schmelzer allerdings gelingt, seine nationale Klasse gegen die Schweiz auf internationales Format zu heben und sich in das gepflegte DFB-Passspiel zu integrieren, wäre der traditionelle Engpass behoben. Dann würde Lahm wohl wieder auf die rechte Seite wechseln, hinter Thomas Müller. Löw würde diese Variante gefallen. Aber bisher ist das nicht mehr als eine Hoffnung.

          Weitere Themen

          Brisantes Duell in der Bundesliga

          Eintracht gegen Gladbach : Brisantes Duell in der Bundesliga

          Frankfurts Trainer Adi Hütter trifft in Mönchengladbach auf seinen künftigen Arbeitgeber – und auf Marco Rose, dessen Stil er bei der Borussia künftig veredeln soll. Was ist zu erwarten?

          Topmeldungen

          Ausgezeichnet: Dieses Foto des dänischen Fotografen Mads Nissen, das eine brasilianische Krankenschwester und eine 85 Jahre alte Frau zeigt, ist zum „World Press Photo 2021“ gewählt worden.

          Mutante in Brasilien : Ein Schreckgespenst mit dem Namen P.1

          Die Intensivstationen in Brasilien sind zu mehr als der Hälfte mit Patienten unter 40 Jahren belegt. Der rasche Anstieg der Infektionen könnte mit der Mutante P.1 zusammenhängen – auch zuvor bereits Infizierte sind nicht sicher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.