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Wo steht die Nationalmannschaft? : Zurück ins Klassenzimmer

Geschlagene Spieler: Das deutsche Team schreitet nach der Pleite in der Schweiz enttäuscht vom Platz Bild: dapd

Nach der überraschend deutlichen Niederlage in der Schweiz herrscht dringender Schulungsbedarf bei der Nationalmannschaft. Klasse ist vorhanden, die Abstimmung fehlt. Die Bayern sollen es richten - die Zeit wird knapp.

          Die Schweizer dachten in historischen Dimensionen. Der Abgang der deutschen Spieler aus dem St.-Jakob-Stadion wurde vom gar nicht so dezenten Hinweis des Stadionsprechers begleitet, dies sei der erste Sieg gegen den großen Nachbarn seit 1956 gewesen. 3:1 gewannen die Schweizer seinerzeit in Frankfurt. Und so sorgte diese Jahreszahl, neben dem 5:3 vom Samstagabend, noch für reichlich Gesprächsstoff in der Innenstadt von Basel. Redebedarf, das war klar, gab es auch im deutschen Team.

          Und dabei dürfte es nicht zuletzt darum gehen, ob dieses „ärgerliche Ergebnis“, von dem Joachim Löw sprach, wirklich nur ein Schrecken für den Moment war, wie das Bundestrainer in seiner ersten Reaktion nahelegte. Oder ob es nicht doch ein paar Fragen aufgeworfen hat, die über den Tag hinaus wirken.

          Zum Beispiel, ob bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine mit einer deutschen Defensive zu rechnen ist, die weiß, was sie zu tun hat. Und sich nicht, wie in Basel, weitgehend orientierungslos über den Platz bewegt.

          Auf dem Plan: Mannschaftstaktisches Verhalten

          Der Bundestrainer wirkte nicht sonderlich beunruhigt, als er die herbe Pleite erklären und einordnen sollte. „Viele Dinge haben nicht gepasst“, sagte Löw, ließ die Beschwichtigung aber sogleich folgen. „Es macht mir keine großen Sorgen, weil ich weiß, dass wir uns in der nächsten und übernächsten Woche eindeutig verbessern werden. Wir werden schon richtig in die Spur kommen.“

          Am Sonntag allerdings verzichtete er lieber auf den gemeinsamen Hubschrauberausflug vom südfranzösischen Trainingsquartier in Tourrettes zum Formel-1-Rennen nach Monaco. Er wollte stattdessen die Niederlage, die ihm in Form und Deutlichkeit nicht gepasst haben konnte, mit seinem Betreuerstab ein bisschen genauer analysieren. „Es gibt einiges aufzuarbeiten“, sagte er. Damit von Montag an, wenn der Kader mit den acht Bayern erstmals in der Vorbereitung komplett versammelt ist, die richtigen Schwerpunkte in der noch verbleibenden knappen Zeit gesetzt werden.

          Mannschaftstaktisches Verhalten steht von nun an auf der Agenda. Und was das betrifft, hat in Basel vor allem die Defensive Anschauungsunterricht geliefert, wie man es besser nicht macht. Nach einer eher gemächlichen Anfangsphase war die deutsche Viererkette binnen weniger Minuten von den Schweizern nach allen Regeln der Kunst zerrupft worden. Und dabei waren es nicht nur die Stellungsfehler der Innenverteidiger Mertesacker und Hummels, die Derdiyoks Treffer zur Schweizer 2:0-Führung begünstigten.

          Hummels hattte mit dem Double-Hummels wenig zu tun

          Auch auf den Außenbahnen, wo Höwedes und Schmelzer sich bewähren sollten, wurde nicht gerade lehrbuchhaft gearbeitet. Für jeden einzelnen in der Viererkette hatte dieses Spiel auch die Gelegenheit sein sollen, in Abwesenheit der Bayern ein Signal im Hinblick auf die Startelf bei der EM zu setzen. Das taten sie auch. Nur eben ganz anders als gewünscht. Mertesacker, der wegen einer Verletzung seit Februar kein Spiel mehr bestritten hatte, war weit davon entfernt, die Abwehr lenken zu können – er wusste selbst oft nicht, wo er zu stehen hatte.

          Hummels spielte so, wie er meist in der Nationalmannschaft spielt – und das hat mit dem Hummels aus der Dortmunder Double-Mannschaft wenig zu tun. Und sein Kollege Schmelzer bestätigte die bisherigen Eindrücke der Vorbereitung: Dass es doch ein gewisses Vabanque-Spiel wäre, ihm den Platz links in der Viererkette zu geben. So wird sich Löw in diesen Tagen etwas intensiver mit Philipp Lahm darüber beraten müssen, wem außer dem Kapitän selbst und seinem Bayern-Kollegen Badstuber eine stabilisierende Rolle in der Abwehrreihe zuzutrauen ist.

          In Basel sah Löw die Verantwortlichkeit später nicht allein bei den vier Verteidigern. „Die ganze Defensivleistung war nicht gerade berauschend“, sagte er. Tatsächlich war von aggressiver Vorwärtsverteidigung im Verbund, nach Dortmunder Vorbild also, wenig zu sehen. Miroslav Klose, der Kapitän, befand: „Wir haben es nicht geschafft, die Schweizer unter Druck zu setzen, und dann ist das auch für die Abwehr schwer.“

          Kollektive Lethargie

          Insofern waren die letzte Reihe und der unglückliche Torwart-Debütant ter Stegen auch Leidtragende einer kollektiven Lethargie im deutschen Spiel. Natürlich verwiesen die Beteiligten später auf den Zeitpunkt des Spiels mitten in der Vorbereitung. Doch ob schwere Beine und müde Köpfe allein genügten, um den offenkundigen Mangel an Abstimmung und Systemtreue zu erklären?

          Bundestrainer Löw hatte zu Beginn des ersten Trainingslagers für einigen Wirbel gesorgt, als er die Vorbereitung wegen der gestückelten Anreisetermine seiner Spieler als „ein bisschen zerrüttet“ bezeichnete. Als Gewinnwarnung im Hinblick auf die EM wollte er das noch nicht verstanden wissen. In Basel aber glaubte man nun zu spüren, was er damit meinte. „Man hat gesehen“, sagte Mats Hummels, „dass wir noch keine eingespielte Mannschaft waren.“ Dass Löw starke Bayern braucht, ist insofern nur die eine Lehre des unerfreulichen Abends.

          Das andere ist die Erinnerung, dass nicht individuelle Qualität eine Mannschaft zusammenhält; davon war auch in Basel reichlich vorhanden. Sondern vor allem eine funktionierende Abstimmung. Die Hoffnung mag auch hier aus München kommen - allzu viel Zeit bleibt dem Bundestrainer dafür nicht.

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