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EM-Analyse : Wieso Draxler dem deutschen Spiel gut tut

Zurück in der Startelf – und mit starker Leistung: Julian Draxler. Bild: Reuters

Mit einem Tor und einer Vorlage ist Julian Draxler der Garant für den Sieg über die Slowakei. Dass das DFB-Team souverän ins Viertelfinale einzieht, hat auch einen anderen Grund. Dort muss dann aber ein Defizit beseitigt werden.

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          Die deutsche Nationalelf hat ihrem Ruf als Turniermannschaft wieder einmal alle Ehre gemacht und beim souveränen 3:0-Erfolg über die Slowakei passend zum Start in die K.o.-Runde ihre bislang beste Leistung bei der Fußball-EM in Frankreich geboten. Noch vor einem Monat hatte das Team von Bundestrainer Joachim Löw sein Testspiel in Augsburg 1:3 gegen die Slowaken verloren und dabei dreißig gute und fünfzehn schlechte Minuten geboten, bevor die zweite Halbzeit wegen eines Gewitters zu einer sportlich wertlosen Wasserschlacht geriet. Im Achtelfinale in Lille schien dagegen neunzig Minuten lang die Sonne und das DFB-Team blieb auch nach der frühen Führung durch Jerome Boateng (8. Minute) – das erste Länderspieltor des Verteidigers sowie das schnellste deutsche Tor der EM-Geschichte – und dem kurz darauf verschossenen Elfmeter von Mesut Özil die klar dominierende Mannschaft.

          Sebastian Reuter
          Redakteur vom Dienst.

          Dass die Slowaken um Topstar Marek Hamsik diesmal, anders als Ende Mai, zu keiner Zeit eine geeignete Antwort auf das Angriffsspiel der Deutschen wussten, hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen agierten alle deutschen Feldspieler derart offensiv und drängten ihre Gegner so weit in deren Hälfte, dass diese fast keine Möglichkeit hatten, einen strukturierten Angriff zu starten, wie die Grafik der Aktionszonen beweist. Zum anderen hatte das deutsche Team einen Julian Draxler in ihren Reihen, der sein mit Abstand bestes Spiel im Nationaltrikot ablieferte und nach Abpfiff zurecht zum „Man of the Match“ gewählt wurde, nachdem er das 2:0 durch Mario Gomez (43.) vorbereitete und das dritte Tor selbst erzielte (63.).

          Als Ersatz für den im letzten Gruppenspiel gegen Nordirland glücklosen Mario Götze in die Mannschaft gerückt erwies sich der 22 Jahre alte Spieler des VfL Wolfsburg als eines der erfrischendsten Elemente im deutschen Spiel. Hatte Verteidiger Boateng nach dem 0:0 gegen Polen noch bemängelt, dass in der Offensive zu wenige Eins-gegen-Eins-Situationen gesucht und gewonnen würden, nahm sich Draxler diese Kritik offenbar zu Herzen und spielte die slowakischen Verteidiger gleich mehrfach schwindelig. Insgesamt 19 Mal ließ er sich auf solche Duelle ein und entschied elf davon für sich – eine für Offensivspieler sehr gute Quote von 58 Prozent (Vergleichen Sie Draxlers Werte mit denen anderer Spieler im Pull-Down-Menü am Ende des Artikels).

          Exemplarisch für ein solch erfolgreich abgeschlossenes Eins-gegen-Eins steht die Entstehung des zweiten deutschen Tores, als Draxler mit einer Täuschung und einem schnellen Antritt an Peter Pekarik vorbeizog und von der Grundlinie auf den vor dem Tor wartenden Gomez zurücklegte. Auch sonst hatte der frühere Schalker den größten Anteil daran, dass im Achtelfinale die meisten deutschen Angriffe über die linke Seite initiiert wurden, wie die Grafik zu den Angriffsdritteln zeigt.

          Wählen Sie die einzelnen Zeiträume über die Button:

          Doch nicht nur Draxlers Flügelläufe, sondern auch seine ständigen Ausflüge in die Mitte des Spielfeldes sorgten bei den Slowaken oft für Verwirrung. Ähnlich wie auf der rechten Seite Thomas Müller zog es Draxler immer wieder ins Zentrum, wo sie gemeinsam mit Gomez und Mesut Özil regelmäßig die Positionen wechselten und die starre slowakische Viererkette ins Rotieren brachten. In der Grafik zu den durchschnittlichen Positionen der Spieler ist zu erkennen, dass die vier deutschen Angreifer fast auf einem Fleck zu finden waren. Somit entstand auf den Außenbahnen sehr viel Platz für die beiden Außenverteidiger Joshua Kimmich (Nummer 21) und Jonas Hector (3).

          Und das ist der zweite Grund für die deutsche Dominanz: Die sich öffnenden Räume für Hector und Kimmich ermöglichten es, dass die Jung-Nationalspieler ihre Position so offensiv wie eben möglich interpretieren konnten und somit die bei der EM bisher sehr gefährlichen slowakischen Außenstürmer Vladimir Weiss (7) und Juraj Kucka (19) fast vollständig zu Defensivarbeit zwangen. Immer wieder wurde mit langen Bällen von Toni Kroos, Sami Khedira oder auch Boateng versucht, die fortwährend an den Außenlinien entlang laufenden Kimmich und Hector in ebenjene Freiräume zu schicken und gefährliche Flanken aus dem Rücken der Abwehr zu ermöglichen.

          Und ging einer dieser Angriffsversuche schief, waren die ebenfalls zumeist vor der Mittellinie agierenden Boateng und Mats Hummels zur Stelle und erstickten fast jeden slowakischen Angriff schon in dessen Entstehung. Die deutsche und künftig auch Münchner Innenverteidigung hat mit Torhüter Manuel Neuer im gesamten Turnier immer noch keinen Gegentreffer zugelassen und ermöglichte den Slowaken im gesamten Spiel auch nur eine nennenswerte Torchance durch einen Kopfball von Kucka (49.).

          Klicken Sie auf die einzelnen Spieler, um in der Heatmap die Bereiche des Spielfeldes mit den meisten Aktivitäten zu sehen:

          Einziges Manko im deutschen Spiel bleibt die Chancenverwertung. Von den insgesamt 21 Schüssen der Löw-Elf auf das slowakische Tor hätten vor allem in der ersten Halbzeit noch drei bis vier weitere ihren Weg ins Netz finden können. Vor allem aus dem Spiel heraus bleiben zu viele Chancen ungenutzt. Zwar bereitete Draxler den Gomez-Treffer – der nun mit fünf Treffern gemeinsam mit Jürgen Klinsmann erfolgreichster deutscher EM-Torschütze ist – mit einer bravourösen Einzelleistung vor, doch waren die anderen beiden Tore jeweils die Folge einer Standardsituation.

          In dieser Hinsicht wird der Bundestrainer, der seiner Mannschaft gegen die Slowakei eine „insgesamt gute Leistung“ attestierte, in den kommenden Tagen wohl einmal mehr mit seiner Mannschaft arbeiten müssen. Eine vergebene Großchance wie der diesmal verschossene Elfmeter von Özil nach nicht einmal einer Viertelstunde wird im Viertelfinale am Samstag gegen Spanien oder Italien (21.00 Uhr / Live in ARD oder ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET) womöglich nicht folgenlos bleiben. Und, dass sie sich die Deutschen dann abermals zwanzig Torchancen oder mehr erarbeiten, dürfte bezweifelt werden.

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