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DFB und die Nationalelf : Dreierlei Moral im deutschen Fußball

„Was irgendwelche Leute sagen, interessiert mich eigentlich weniger“: Bundestrainer Joachim Löw. Bild: GES/Markus Gilliar

Im Fall Kruse spielen sich der DFB und sein Bundestrainer als Richter auf. Ausgerechnet der Verband, dem das moralische Koordinatensystem längst abhanden gekommen ist. Falls es je existiert haben sollte.

          Der deutsche Fußball ist zuletzt wieder einmal zur Hochform aufgelaufen. Diesmal ging es aber nicht um weltmeisterliche Doppelpässe, sondern um eine andere Spezialität des Fußballgeschäfts made in Germany: die Doppelmoral. In diesem Fall: um den Rauswurf von Max Kruse aus der Vorzeigemannschaft eines, nun ja, nicht mehr so ganz ehrenwerten Fußballverbandes.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wenn man sich die Fehler von Kruse anschaut, die einem 28 Jahre alten Spieler zum Verhängnis geworden sind, und daneben all die Schlechtigkeiten, die über viele Jahre im Deutschen Fußball-Bund (DFB) möglich waren - erst geduldet, dann eifrig vertuscht und mitunter noch immer nonchalant akzeptiert -, dann reicht der Begriff Doppelmoral dafür kaum aus. Und wenn man sich dann noch vor Augen hält, was sich andere Nationalspieler in der Ära von Bundestrainer Löw ungestraft leisten durften, dann hat der Fußball, so groß, wie er in Deutschland nun einmal ist, für seine grotesk verrutschten Maßstäbe einen ganz eigenen Begriff verdient: die Triplemoral.

          Doch der Reihe nach. Erst zu Kruse und zu ein paar Fragen zum Thema Unprofessionalität, die sich nach dem Boulevardprozess aufdrängen, der dem Stürmer in den vergangenen Wochen gemacht wurde. Was also ist eigentlich unprofessionell daran, wenn man einer Reporterin nachts um zwei auf der eigenen Geburtstagsfeier das Handy aus der Hand nimmt und die ungefragt geknipsten Fotos löscht, wie es Kruse zuletzt getan hat? Aus Sicht eines Fußballprofis ist das, wenn man ehrlich ist, sogar ziemlich professionell. Und wer will sich so etwas auf seiner Party schon bieten lassen?

          Der Nationalspieler wurde stattdessen wegen wiederholt „unprofessionellen Verhaltens“, wie es in der Begründung des Bundestrainers hieß, für die Länderspiele gegen England am vergangenen Samstag und Italien an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live in der ARD und im Länderspiel-Ticker bei FAZ.NET) gestrichen. Er war zuvor schon in die Schlagzeilen geraten und von Löw gewarnt worden. Zuvor war ebenfalls über Boulevardkanäle öffentlich geworden, dass Kruse nach einer Pokernacht im Oktober frühmorgens 75.000 Euro im Taxi vergessen hatte.

          Max Kruse darf vorerst nicht in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spielen.

          Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben: Geld liegen lassen ist kein Delikt. Und wenn wir die letzten Monate richtig verfolgt haben, wurde im Fußball deswegen niemand vom FBI in Handschellen gelegt. Oder von der Ethikkommission gesperrt. Da lief es genau umgekehrt. Und in diesem Fall war es auch Kruse, der Anzeige gegen unbekannt erstattet hat, weil er sein Geld zurückhaben wollte.

          Nach vierzehn Tagen zwischen den Mühlen der Medien und einer Sportlichen Leitung, die plötzlich durchgreift, weil sie auch ein Zeichen vor der Fußball-EM in Frankreich setzen will, kann man im Fall Kruse nur festhalten: Nach der Suspendierung steht seine EM-Teilnahme auf der Kippe, seine Karriere im DFB-Trikot. Natürlich ist es nicht gut, wenn Profisportler sich durch die Nacht zocken und Party machen. Das versteht sich von selbst. Aber wem, außer dem imaginären Teamgeist, der offenbar auch immer mit am Pokertisch sitzt, hat Kruse wirklich geschadet?

          Und das Gleiche gilt für seine Geburtstagsparty, wenn getanzt und gefeiert wird, bis die Handy-Reporter kommen. Man könnte sich in diesem Fall auch fragen, ob es reiner Zufall ist, dass all diese Dinge, die im Profifußball ja nicht ganz so selten vorkommen, nun nahezu zeitgleich an die Öffentlichkeit gelangen. Und ob man Kruse in schwierigen Zeiten nicht helfen sollte. Wozu ist denn eine Familie, als die sich die Nationalelf so gerne bezeichnet, da?

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          Ach ja, die Fußballfamilie. Wenn von der Familie die Rede ist, dann denkt man im Fußball nicht mehr unbedingt an mitfühlende, sondern eher an mitkassierende Familienmitglieder. In der vergangenen Woche, als über Kruse der Stab gebrochen wurde, verkündete die Fifa-Ethikkommission, dass sie gegen sechs deutsche Funktionäre (mehr als eine halbe Fußballmannschaft) ein Verfahren wegen der Vergabe der WM 2006 eingeleitet hat. Es handelt sich um die ganz wichtigen Familienmitglieder, gegen die ermittelt wird, um diejenigen, die den Fußball und den Verband über Jahre und Jahrzehnte geprägt haben. Um Franz Beckenbauer, die Lichtgestalt. Um die ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger. Um die früheren Generalsekretäre Horst R. Schmidt und Helmut Sandrock.

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