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Slomkas Standpunkt : Für die Spitze fehlt es in der Spitze

  • -Aktualisiert am

Tausendsassa im Sturm, diesmal hat er sich verzettelt: Thomas Müller. Bild: AP

Die deutsche Mannschaft hat kein schlechtes Turnier gespielt. Spielkultur war da, viele besondere Momente, erfreuliche junge Spieler mit viel Potential. Aber es gibt auch die dunkle Seite.

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          Auch nach zweimal drüber schlafen bleibt ein Kopfschütteln. Morgen Abend steigt das große Finale in Paris. Ohne uns. Stattdessen treffen die Remis-Könige aus Portugal auf den inzwischen euphorisierten Gastgeber. Mon dieu. Wir waren so nah dran, verdient hätten wir es auch gehabt. Und als Weltmeister wäre es auch irgendwie logisch gewesen. Aber so funktioniert der Fußball nicht. Manchmal leider, meistens zum Glück.

          Unser Pech war nicht nur Schiri Rizzoli, das wäre zu billig. Es zeugt natürlich von einer gewissen Unsensibilität, dass die Uefa einen Mann einsetzte, der nach dem WM-Finale kollektive Kritik für eine gravierende Fehlentscheidung zu Lasten von Messi & Co. einstecken musste. Sicherlich hatte er mit seinen Entscheidungen auch einen gewissen Einfluss auf den Spielverlauf - aber ein Großteil des Scheiterns liegt aus meiner Sicht bei uns selbst.

          Zweifellos, wir haben kein schlechtes Turnier gespielt, waren wie immer unter Jogi Löw im Halbfinale. Spielkultur war da, viele besondere Momente, erfreuliche junge Spieler mit viel Potential. Aber es gibt auch die dunkle Seite, die nicht nur mich oft zur Verzweiflung gebracht hat. Mangelhafte Chancenverwertung, fehlende Durchschlagskraft im Sturmzentrum. Stürmer waren, sind und bleiben das Salz in der Suppe, wenn du Erfolg haben willst.

          Franzosen und Italiener haben, was Deutschen fehlt

          Die Franzosen hatten vorne einen echten Neuner, dazu rundherum weitere Top-Offensivkräfte. Und als sie Giroud rausnahmen, kam mit Gignac der nächste Klassemann aufs Feld. Italien hatte auch zwei Super-Stürmer mit Pellè und Éder, die im Zentrum zaubern konnten. Wir - und da brauchen wir nicht drumherum zu reden - haben da ein Problem. Mario Gomez hat uns lange als echte Neun gut durchs Turnier geführt, dann aber schmerzlich gefehlt. Im Halbfinale sollte Thomas Müller die echte Neun geben, obwohl er eigentlich besser eine falsche ist.

          Davor sahen wir ihn mal rechts, mal als hängende Spitze - ich hatte fast das Gefühl, er ist eine Art Offensiv-Joker, den man überall einsetzen kann. Thomas Müller kann bestimmt viel, aber er kann nicht alles allein machen und entscheiden. Das ist eine der bitteren Erkenntnisse dieser EM, und deshalb empfinde ich es auch als unfair, wenn der eine oder andere ausgerechnet diesem liebenswerten Burschen und Klassespieler einen Teil der Schuld in die Fußballschuhe schieben will.

          Ehemaliges Glückskind des deutsche Fußballs: Von Götze geht keinerlei Torgefahr mehr aus.
          Ehemaliges Glückskind des deutsche Fußballs: Von Götze geht keinerlei Torgefahr mehr aus. : Bild: dpa

          Nachdenklich gemacht haben mich Müllers ehrliche Worte über eine mentale Müdigkeit aufgrund der immer höheren Belastung als Top-Spieler. Er hat recht. Wie soll es weitergehen, wenn immer enger getaktete Rahmenterminkalender von nationalen Ligen, DFB, Uefa und Fifa die Belastungen der besten Kicker weiter hochschrauben? Wer sich fragt, wieso die Engländer regelmäßig bei großen Turnieren enttäuschen, muss sich nur mal die Spielpläne der Premier League anschauen. Selbst wenn andere Weihnachten feiern, wird dort gnadenlos weiter gekickt. Das muss geradezu bei den Spielern spätestens am Ende der Saison zu einem mentalen Durchhänger führen.

          Götze als Schatten seiner selbst

          Thomas Müller war nicht der Einzige, der leider etwas neben der Spur lief. Mario Götze war ein Schatten seiner glorreichen, noch gar nicht so alten Vergangenheit. Bezeichnend, dass ZDF-Kommentator Béla Réthy 15 Minuten nach Götzes Einwechslung wie einst Bruno Moravetz nach dem Langlauf-Helden Behle fragte: „Wo ist Götze?“ Das habe ich mich auch gefragt. Er spielte mit, aber keine Rolle. Traurig.

          Auch Top-Star Cristiano Ronaldo glänzte anfangs mehr im Blitzlicht der Selfie-Smartphones als auf dem Feld. Immerhin hat er sich dann doch noch berappelt und nahezu im Alleingang dafür gesorgt, dass seine Portugiesen die wackeren Waliser aus dem Turnier warfen.

          Nun sind wir auch raus. Die Enttäuschung war unserem Bundestrainer nach dem Spiel deutlich anzumerken. Es wird eine Zeitlang dauern, bis er diese bittere Niederlage verkraftet hat. Aber er soll nicht hadern, sondern sich an seine eigenen Worte erinnern, die er nach dem glorreichen WM-Titel in Interviews äußerte. Man müsse sich ein Stück weit neu erfinden, hat er gesagt. Hat er umgesetzt. Die Mannschaft spielt heute flexibler, ist weniger ausrechenbar.

          Joachim Löw : „Wir waren die bessere Mannschaft“

          Löw ist der beste Bundestrainer für diese Mannschaft

          Ich bin überzeugt davon, dass in Zukunft eine Top-Mannschaft verschiedene taktische Systeme beherrschen wird, die sie während eines Spiels wandeln kann. Jogi Löw ist ein Denker und Lenker, der an der Perfektion der Systeme und ihrer flexiblen Anwendung weiter arbeiten wird. Die guten Spiele gegen Italien und Frankreich haben einen Vorgeschmack geboten, wohin die Reise gehen wird. Bis 2018 wird er die Mannschaft weiter voranbringen und auch die Probleme im Sturm abstellen. Und er sagte auch, dass die EM 2016 für ihn ein Zwischenschritt sei auf dem Weg zur erfolgreichen Titelverteidigung. Natürlich wollte er den Turniersieg und hat alles versucht, um dieses Ziel zu erreichen. Aber in seinem Inneren ahnte er wohl, dass es für die Mannschaft in der Ära nach Lahm & Klose noch etwas dauern wird, um zwingend titelreif zu sein.

          Auch in Frankreich hat er es aber wieder geschafft, einen besonderen Teamgeist in diesen verjüngten Kader zu implantieren. Der wird die Mannschaft auch zur WM 2018 tragen und idealerweise zum nächsten Goldpokal. Löw ist der beste Bundestrainer für diese Mannschaft, und ich traue es aktuell nur ihm zu, unsere Jungs auch zum WM-Titel 2018 zu führen. Deshalb sollten jegliche Überlegungen eines Bundestrainerwechsels nicht einmal im Ansatz ein Thema sein.

          Am Sonntag wird ein anderer Trainer den Pott in den Nachthimmel der Stadt der Liebe stemmen. Und er wird es zusammen mit einem Superstar tun - Cristiano Ronaldo oder Antoine Griezmann. Ich werde das Spiel mit Freunden schauen und weiß jetzt schon, dass ich mehrfach sagen werde: Sehr schade, dass wir nicht im Finale stehen. Wir hätten es gewonnen. Jetzt gewinnen die Franzosen.

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