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Niederlande gegen Deutschland : Die Hassliebe

Weltmeisterlich: Müller (im Foto rechts) jubelt mit Bundestrainer Schön 1974 Bild: dpa

Geht es denn immer noch um Krieg und Ehre, wenn Holland gegen Deutschland spielt? Die alten Klischees sind seit den neunziger Jahren überholt.

          7 Min.

          Deutschen Fans ist Hans van Breukelen nicht gerade in guter Erinnerung. Beim holländischen EM-Sieg 1988 und bei der WM-Niederlage 1990 gegen Deutschland zeigte sich der damalige Nationaltorwart als aggressivster Spieler zweier aufgestachelter Mannschaften. Wie ein Pitbull ging er Rudi Völler oder Lothar Matthäus an. Deshalb traf das Geständnis, das van Breukelen kurz vor der EM dem Magazin „11 Freunde“ machte, alte Kenner der deutsch-niederländischen Ballbeziehungen bis ins Mark: „Ich bin verliebt in euch Deutsche.“

          Christian Eichler
          (cei.), Sport

          Was ist da nur passiert mit einer Rivalität, die der niederländische Historiker Thomas Snyder auf ihrem Höhepunkt die „vielleicht giftigste der Welt“ nannte? Eine, die aus Fußballspielen „neunzig Minuten Hass“ machte? Das jedenfalls behauptete der Autor Simon Kuper, Sohn holländischer Eltern, der noch 2004 schrieb: „Wenn Holland gegen Deutschland antritt, spielen Erinnerungen mit: an den Zweiten Weltkrieg und andere Schlachten. Der Rasen wird zum Feld der Ehre, jeder Schuss ein Treffer ins Herz der gegnerischen Fans. Übertrieben? Nicht mal ein bisschen.“ Nun, inzwischen vielleicht doch. Wenn sich die beiden Nachbarn an diesem Mittwoch gegenüberstehen, zum 39. Mal in 102 Jahren, dann ist es ein fast ganz normales Fußballspiel. Fast wie vor hundert Jahren.

          Kein sportlicher Boykott nach dem Krieg

          Es war ein langer Weg zurück zur Normalität der Pioniertage. Als im März 1912 die deutsche Mannschaft in Zwolle ein 5:5 erreichte, wurden die Gäste mit großem Beifall und „Deutschland“-Rufen bedacht. Daran änderte auch der Erste Weltkrieg nichts. Schon 1923 nahmen die (vom Krieg unbehelligten) Niederländer die Freundschaftsspiele mit dem Nachbarn wieder auf, während Belgier und Briten ihren sportlichen Boykott des Kriegsgegners Deutschland bis Anfang der 30er Jahre aufrechterhielten. Als 1924 der erste deutsche Sieg über Holland gelang, bestand das Team aus den nicht miteinander redenden Erzrivalen aus Nürnberg und Fürth.

          Auf der Zugfahrt nach Amsterdam flehte Delegationsleiter Blaschke die nach ihrem letzten Derby zerstrittenen beiden Lager an: „Kinder, vertragt euch! Ihr müsst doch miteinander spielen.“ Torwart Heiner Stuhlfauth, ein Nürnberger, entgegnete darauf nur in fränkischer Bärenruhe: „Spuiln scho.“ Und das taten sie: Das Siegtor zum 1:0 schoss der Fürther Auer auf Vorlage des Nürnbergers Träg. So schweißte der Gegner Holland damals schon unbewusst deutsche Fußballkräfte zusammen.

          Anspannung vor dem Klassiker: Die beiden Deutschen Khedira (im Foto links) und Özil im Training
          Anspannung vor dem Klassiker: Die beiden Deutschen Khedira (im Foto links) und Özil im Training : Bild: dpa

          Der Zweite Weltkrieg änderte alles. Die Aggression des großen Nachbarn traf die Niederländer unvorbereitet. „Das Verhältnis war so entspannt“, schrieb Kuper, „dass sich am 10. Mai 1940, als die deutsche Wehrmacht überraschend in Holland einmarschierte, zunächst Verbrüderungsszenen abspielten.“ Die deutsche Fremdherrschaft wurde zu einem niederländischen Trauma, das sich im Empfinden und Verhalten ganzer Generationen verankerte - sichtbar auch in einer neuen Fußballrivalität.

          1956: Holland demütigt den Weltmeister

          Als man 1956 zum ersten Mal nach 19 Jahren aufeinandertraf, war Deutschland Weltmeister, während Holland die WM-Qualifikation verpasst hatte, weil man zu spät gemeldet hatte. Den motivierten Niederländern gelang in Düsseldorf ein 2:1-Erfolg. Den Weltmeister, die Fußball- und Besatzungsmacht gedemütigt - es war Balsam auf Hollands Seele. „Bondscoach“ Max Merkel, ein Österreicher, wurde von den Spielern vom Platz getragen und weinte Freudentränen.

          Doch erst mit dem spielerischen Aufstieg des holländischen Fußballs in den späten sechziger Jahren, als Trainer Rinus Michels und Spielmacher Johan Cruyff bei Ajax Amsterdam den „totalen Fußball“ erfanden, wurden sie zu einem Gegner, den Deutschland wirklich ernst nahm. Kein Land hat je einen so rapiden und zugleich dauerhaften Aufstieg im Weltfußball geschafft wie die Niederlande zwischen 1964, als man die EM-Qualifikation gegen Luxemburg verpasste, und 1974, als man das beste Team der Welt hatte. Doch das WM-Finale verlor man ausgerechnet gegen die Deutschen. Hartleibigkeit schlug Leichtfüßigkeit, Kraft schlug Kreativität - das Endspiel von München war der Anfang fast aller deutsch-holländischen Fußballklischees.

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