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Hummels Grätsche : Retter der letzten Hoffnung

In höchster Not: Mats Hummels grätscht Kylian Mbappé den Ball vom Fuß. Bild: AP

Mats Hummels verursacht mit einem Eigentor das 0:1 gegen Frankreich. Doch seine spektakuläre Grätsche gegen Mbappé hält das Selbstbildnis der Nationalelf noch am Leben.

          3 Min.

          Kein Matchplan, keine Strategie kann mit letzter Sicherheit verhindern, was am Dienstag in der 78. Minute passierte. Aber es war eine Konstellation, wie sie eigentlich nicht eintreten durfte für die deutsche Nationalmannschaft, Kylian Mbappé mit viel Platz und Anlauf, gegen ihn nur noch Mats Hummels, allein, ohne Absicherung. Mbappés irrwitziges Tempo und dazu Hummels, der vor Kurzem selbstironisch sagte, er frage sich, seit er 17 ist, ob er zu langsam sei.

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          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Ein ungleiches Duell für den deutschen Abwehrspieler, aussichtsloser eigentlich noch als für den armen Hans-Peter Briegel, der im WM-Finale 1986 mit rotem Kopf und letzter Kraft hinter Jorge Burruchaga herhechelte, bevor Toni Schumacher den Ball nicht hielt. Hummels wusste, er hatte im Prinzip keine Chance, aber er musste sie nutzen.

          Und dann kam diese Grätsche, für die es ein Zeitfenster von kaum mehr als einem Wimpernschlag gab und deren besondere Schwierigkeit im Raum lag: genau jenes Nadelöhr zwischen Mbappés Füßen zu finden, das genügend Ball- und bloß nicht zu viel Beinberührung verhieß. Das war wie Mikado im donnernden TGV, aber dann lag Mbappé am Boden, Hummels hatte den Ball, und die Pfeife des Schiedsrichters blieb stumm.

          Nach dem 0:1 der Deutschen gegen Frankreich zum Start in die Europameisterschaft drehte sich die Aufarbeitung mehr um eine andere Szene mit Hummels’ Beteiligung, das Eigentor in der 20. Minute, das die Deutschen bei aller Energie, die sie gegen den Weltmeister freisetzten, nicht mehr wettmachen konnten. Hummels selbst, der in der Münchner Arena nicht öffentlich gesprochen hatte, schickte von der nächtlichen Busfahrt zurück ins Quartier nach Herzogenaurach eine Mea-culpa-Nachricht in seine sozialen Kanäle: „Die Niederlage schmerzt uns sehr und mich besonders, weil mein Eigentor das Spiel am Ende entschieden hat.“

          Aber erstens war es ja so, wie der Bundestrainer und die Kollegen es gesehen hatten: Dass Hummels kein Vorwurf zu machen war, als er die scharfe Hereingabe von Hernández mit dem Schienbein ins eigene Tor lenkte; der entscheidende Fehler war vorher passiert, und hinter ihm lauerte schon Mbappé.

          Und zweitens wird man vielleicht, wenn sich der Frust erst einmal gelegt hat und je nachdem, wie die weiteren Spiele laufen, erst im Nachhinein den wahren Wert dieser Grätsche erkennen. Kein zweites Gegentor kassiert zu haben, nicht am Ende auseinandergefallen zu sein, auch wenn die Franzosen noch anderweitig dafür hätten sorgen können: Sie spielten mit ihrer Beute, aber sie ließen sie am Leben.

          Es hakt an der Justierung

          Alles in allem stand Hummels’ Rettungstat so nicht nur für eine – mindestens – um ein Tor bessere Ausgangsposition im Rennen um Gruppenplatz zwei oder für den Vergleich unter den Gruppendritten, von denen vier ebenfalls in die K.-o.-Runde einziehen, sondern auch dafür, mit welchem Selbstbild die Deutschen sich in dieses Turnier begeben haben. Hummels selbst hob das in seiner Botschaft an die Fans hervor. „Wir haben alles reingeworfen und einen tollen Kampf geliefert. Dass wir spielerisch noch Luft nach oben haben, wissen wir natürlich auch. Aber man hat gesehen, dass wir uns zerreißen wollen bei diesem Turnier, dass wir euch wieder begeistern und erfolgreich sein wollen.“

          Hummels im Pech, Neuer geschlagen: Das Eigentor besiegelte die Niederlage.
          Hummels im Pech, Neuer geschlagen: Das Eigentor besiegelte die Niederlage. : Bild: EPA

          Hummels’ Beitrag dazu war, unter Ausklammerung dieser beiden Schlüsselszenen, die gewissermaßen Sondereffekte darstellten, ordentlich. Jedenfalls so, dass er mit einer gewissen Selbstverständlichkeit seinen Platz in der deutschen Abwehr gefunden zu haben scheint. Ein bisschen mehr offensive Präsenz hätte es sein dürfen, aber wenn die Deutschen Standards tatsächlich so intensiv trainiert hatten, wie sie das zuletzt berichtet hatten, dann wussten sie das am Dienstag gut zu verstecken. Robin Gosens sagte zwar, dass es neben der Ausführung auch um die Besetzung der Räume gehe, aber diesmal hakte es schon zuallererst an der Justierung.

          Mangelnde Abstimmung war eher das Problem im freien Spiel, beginnend in der Mittelfeldzentrale, wo Toni Kroos und Ilkay Gündogan herzhaft zur Sache gingen, aber nicht das nötige Tempo und noch weniger Tiefe in die deutschen Angriffe bekamen. Löws Plan, den Umweg über außen zu nehmen, speziell mit Kimmich auf der rechten Seite, ging ebenfalls nicht auf.

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          Und wenn man die Spur nach vorne weiterverfolgte, auf der Suche nach einer Achse, die von Torwart Neuer über Hummels nach vorn reichte, landete man unweigerlich auch bei einem anderen Rückkehrer, der sich den Tag gewiss ganz anders vorgestellt hatte. „Wo, wenn nicht hier“, hatte Joachim Löw vor dem Spiel noch voller Hoffnung auf Thomas Müllers erstes Tor bei einer Europameisterschaft launig gefragt, „in seinem Wohnzimmer“.

          Freud und Leid: Hummels ärgert sich über sein Eigentor, Mbappé dreht jubelnd ab. Bilderstrecke
          Der EM-Auftakt in Bildern : Der bittere Abend des Mats Hummels

          Für Müller muss sich das Nachhausekommen dann aber angefühlt haben, als hätte jemand in seiner Abwesenheit kräftig umgeräumt oder gar als sei ihm das eigene Haus plötzlich fremd: Die richtigen Räume fand er jedenfalls nicht, und bis auf zwei Chancen, ein Kopfball in der ersten Hälfte, ein geblockter Schuss in der zweiten, kam er auch dem Tor nicht nahe. Überhaupt wirkte das deutsche Spiel in dieser Zone am unfertigsten. Müller, Kai Havertz und Serge Gnabry waren zwar viel unterwegs, aber was herauskam, war nicht, wie vom Bundestrainer gewünscht, Variabilität, sondern deren Schwundstufe: Konfusion.

          Löw wird nun die Frage zu beantworten haben, ob das an einzelnen Spielern lag, an der Statik insgesamt oder an der Abstimmung speziell in der Offensivreihe (siehe Kommentar auf der vorigen Seite). Was man jedoch sicher sagen kann: Ein längerfristig angelegter Findungsprozess hätte nicht geschadet.

          Davon jedenfalls, dass Müller sich auf Anhieb ohne Probleme zurechtfinden würde, wie Löw das immer behauptet hatte, konnte keine Rede sein. Damit war er nicht allein, aber die speziell auf ihn gemünzte und launig formulierte Hoffnung des Bundestrainers wirkte im Nachhinein wie ein allzu frommer Wunsch. „Wann, wenn nicht jetzt?“ hätte er sich stattdessen früher schon mal fragen dürfen. Und nicht erst auf den letzten Drücker.

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