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Nationalmannschaft : Gomez’ erschütterte Idylle

„Es ist natürlich da“: Mario Gomez kann die Geschehnisse von Istanbul nicht ausblenden. Bild: Reuters

Die Anschläge in Istanbul bewegen Mario Gomez auch bei der Nationalmannschaft. Der Stürmer muss sich die Frage stellen, wie es für ihn bei Besiktas weitergeht. Dabei hat er nur einen Wunsch.

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          An sonnigen Tagen – und davon gab es zuletzt gar nicht so wenige – ist Evian eine Oase wie aus dem Urlaubskatalog. Und zumindest an ihren freien Tagen haben die Nationalspieler auch richtig etwas davon. Andreas Köpke, der Torwarttrainer, berichtete am Mittwoch davon, welchen Vergnügungen sich die Profis am Tag zuvor hingegeben hatten. Tennis, Beachvolleyball, Schwimmbad, sogar Sprünge vom Zehn-Meter-Turm waren dabei – das reine Sommervergnügen. In das aber am Dienstagabend ganz unvermittelt der Schrecken der Welt draußen eindrang.

          Mario Gomez schilderte das bei der Pressekonferenz in Évian mit Worten, die ahnen ließen, wie sehr ihn bewegt, was am Tag zuvor in Istanbul passiert war. Als die ersten Nachrichten von den Anschlägen am Atatürk-Flughafen kamen, sagte er, seien sie „geschockt“ gewesen im Team. Natürlich habe er allen Bekannten Nachrichten geschickt, ob es ihnen gut geht – was offenbar glücklicherweise der Fall ist.

          „Es hilft ja nichts“

          Unberührt aber bleibt auch ein Fußballprofi, der sich in der Postkartenidylle am Genfer See auf einen seiner Karrierehöhepunkte konzentrieren muss und will, von so etwas nicht. „Es ist natürlich da“, sagte Gomez auf die Frage, ob er die Ereignisse von Istanbul auf dem Trainingsplatz wirklich ausblenden könne. „Aber es hilft ja nichts, bei uns geht es weiter, wir müssen uns jetzt auf Italien konzentrieren. Der Fußball ist auch immer ganz gut, um den Fokus umzulenken“, erklärte Gomez. Und versicherte: „Das funktioniert auch.“

          Mario Gomez ist jetzt seit einem Jahr in Istanbul. Er hat sich für einen Karriere-Neustart an einem Ort entschieden, den viele nicht für den richtigen gehalten hätten – sportlich, wohlgemerkt: Türkische Liga, was zählt das schon? Ein Rentnerparadies, sagten die Kritiker. Der Angreifer aber, der in zwei Jahren beim AC Florenz mehr und mehr aus dem deutschen Blickfeld verschwunden war, fand dort zurück zu alter Frische – und damit sein Glück. Mit Besiktas wurde er Meister und Torschützenkönig, Istanbul, diese pulsierende Stadt zwischen den Kontinenten, wurde für ihn so das Tor zur Rückkehr in die Nationalmannschaft.

          Und das Turnier in Frankreich läuft für Gomez bislang besser, als man erwarten konnte. Zwei Treffer erzielte er schon, zwei Mal stand er zuletzt in der Startelf, und insbesondere der kantig-dynamische Auftritt beim 3:0 gegen die Slowakei nährte die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch eine späte Liebe werden könnte zwischen Joachim Löws Idee vom variablen Kombinationsfußball und Gomez, dieser lange verschmähten „echten“ Neun – ein Eindruck, der sich jetzt, gegen Italien, freilich noch bestätigen muss. Es sei ein „sehr positiver Verlauf“ dieser EM bisher gewesen, für ihn wie für das Team insgesamt. Aber Gomez will mehr: „Wir müssen es jetzt auch noch bis zum Ende durchziehen.“

          Beim Nationalteam ist der 30 Jahre alte Gomez entspannt wie vielleicht nie zuvor zu erleben – auch, was den Gegner vom Samstag betrifft. „Ich mag Italien nach wie vor, deswegen ist da kein Groll“, sagte er zu der Frage, ob er da nicht eine Rechnung zu begleichen habe. Aber auch in Istanbul fühlt Gomez sich wohl, eigentlich, er genießt das Leben in der Stadt. Und so sagte er zuletzt auch immer, dass er sich vorstellen könne, dort zu bleiben. Und jetzt? Im Januar sprengte sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft, im März gab es ein Attentat auf der Istiklal Caddesi, einer Einkaufsstraße im trendigen Stadtteil Beyoglu. Im Juni explodierte eine ferngezündete Autobombe im Zentrum der Stadt. Und nun der Flughafen, mit über 40 Todesopfern der blutigste Anschlag.

          Kann man dort weiter leben und Fußball spielen? Das ist eine Frage, die sich auch Lukas Podolski stellen muss, der bei Galatasaray spielt und gerade zum zweiten Mal Vater geworden ist. Podolskis Vertrag läuft bis 2018. Gomez, der vom AC Florenz für ein Jahr an Besiktas ausgeliehen war, will über seine Zukunft derzeit nicht reden. Die EM soll im Vordergrund stehen, erst dann will er weitersehen.

          In Sorge: Besiktas-Spieler Gomez hat viele Bekannte und Freunde in Istanbul

          Natürlich würde er sich wünschen, es wäre allein eine sportliche Frage. Gomez, Deutschlands „Fußballer des Jahres“ 2007 und Bundesliga-Torschützenkönig 2011, will es noch einmal wissen. Er will Champions League spielen, gerne auch mit Besiktas – wenn der Verein eine Mannschaft zusammenstellt, die dort mithalten kann. Im April eröffnete Besiktas sein neues Stadion, eine phantastische Arena, fast direkt am Bosporus, Gomez schoss gleich das erste Tor. Die Stimmung sei „unfassbar“ gewesen, sagt er: „Diese Spielzeit hat mir gezeigt, wie wichtig auch der Wohlfühl- und Vertrauensfaktor ist.“


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          Emotional ist das aber vermutlich nur die eine Seite. Die Frage nach der Sicherheit ist Gomez zuletzt häufig gestellt worden. Er war ja auch am 13. November dabei, als die Attentate von Paris das Stade de France erreichten. Jetzt steht Istanbul wieder ganz neu im Fokus. Er würde nirgends hingehen, wo er sich nicht sicher fühlt, hatte er in einem Interview im Dezember gesagt. Kurz vor der EM betonte er, dass er sich keine Sorgen mache.

          Jetzt, am Mittwoch, sagte er: „Es ist irgendwie wie ein Faden, der sich durchzieht die letzten Monate.“ Und eine „sehr traurige Sache für die Türkei“, wie er hinzufügte. „Das Land wird darunter leiden, auch die Liga wird darunter leiden. Das ist ein Thema, das sehr viele berührt.“ Gomez fühlt mit den Türken. Vor allem aber wünscht er sich, dass das alles irgendwann aufhört. „Ich hoffe, dass das Ganze jetzt endlich ein Ende hat„, sagte er, „ich will auch nicht mehr immer diese Fragen beantworten müssen.“

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