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Torwart Manuel Neuer : Der stärkste deutsche Rückhalt

Ein Mann, ein Torwart: Manuel Neuer ist der Rückhalt im deutschen Team. Bild: AFP

Manuel Neuer ist der beste Torhüter, den das deutsche Nationalteam haben kann. Gegen Frankreich ist das Können des Chefs der Defensive gefragter denn je. Dabei ist ihm ein kleines Stück Stoff gar nicht wichtig.

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          Es war vor dem Halbfinale der WM in Südafrika, als in der Nationalelf wie aus dem Nichts eine Kapitäns-Debatte entflammte. Philipp Lahm bekam die Binde damals von Michael Ballack geliehen. Der jahrelang unumstrittene Anführer hatte nach einem Tritt gegen den Knöchel kurz vor Turnierbeginn passen müssen, und sein Stellvertreter Lahm sollte das Amt nur während der WM ausfüllen. So war es vereinbart, aber der Ehrgeiz des kleinen Verteidigers war so groß, dass er in einem Interview vor dem Spiel gegen Spanien verkündete, die Spielführerbinde nun nicht mehr widerstandslos herausgeben zu wollen.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Lahm hatte die Gunst der Stunde für sich erkannt – und nutzte sie zum Sturz des Kapitäns. Der Bundestrainer schwieg zustimmend. Es war einer der unwürdigsten Momente in der langen Geschichte der Nationalelf. In diesen Momenten ging es in der Lieblingsmannschaft der Deutschen zu, wie man es klischeehaft aus der Politik kennt: Feind, Todfeind, Parteifreund.

          Wie es sich gehört

          An diesem Donnerstag, sechs Jahre später, wird Manuel Neuer im Halbfinale von Marseille (21 Uhr / Live im ZDF und im EM-Ticker auf FAZ.NET) die deutsche Mannschaft zum ersten Mal bei der EM nicht mit der geliehenen Kapitänsbinde aufs Feld führen. Damit hat er, anders als Lahm, überhaupt kein Problem. Er gibt sie, wie es sich gehört, wieder Bastian Schweinsteiger zurück, dem der Bundestrainer einen Einsatz von Beginn an gegen Gastgeber Frankreich zutraut, nachdem der zuletzt Angeschlagene das Abschlusstraining überstanden hatte. Wie lange der Kapitän allerdings spielen kann, über neunzig oder gar 120 Minuten, darüber wollte Löw keine Prognose abgeben.

          Nicht im Traum wäre Neuer in diesen EM-Tagen auf die Idee kommen, dem in Frankreich lange hinterher hinkenden Schweinsteiger dieses Amt in irgendeiner Weise streitig zu machen. Im Gegenteil. Beim Viertelfinale am Sonntag gegen Italien lief Neuer nach einer Viertelstunde sogar ganz freiwillig aus seinem Tor, streifte sich das schwarz-rot-goldene Stück von seinem muskulösen Oberarm, reichte es unaufgefordert an Benedikt Höwedes weiter, der es dem eingewechselten und zurückgehrten Kapitän übergab.

          Fußball-EM : Schweinsteiger gegen Frankreich in der Startelf

          „Als Basti auf dem Platz kam, war klar, dass wir noch ein langes Spiel vor uns hatten. Und mir war klar, ihm die Binde zu geben. Das war ein gutes Signal für ihn, dass man dokumentiert: Unser Kapitän ist auf dem Platz.“ Die Autorität, mit der Manuel Neuer in diesen Tagen und Wochen bei der Europameisterschaft auftritt, hängt nicht an einem Stückchen Stoff.

          Der Torwart-Riese mit den Armen eines Air Jordan, mit denen er seine Gegner das Fürchten lehrt, wenn sie vor ihm auftauchen, und mit denen er seine Mannschaft schützt, ist vielmehr der stärkste Rückhalt, den es je gegeben hat im deutschen Nationalteam. Ob mit Spielführerbinde oder ohne. Der weiche, milchgesichtige Torhüter ist so etwas wie die jüngste Vaterfigur Deutschlands. Der Mann, auf den man sich verlassen kann. Ein Torwart, der Führung lebt und buchstäblich verkörpert. Auf einer Position, die für Einzelgänger gemacht ist und die merkwürdigsten Einzelgänger hervorbringt, steht bei den Deutschen ein Teamplayer der Extraklasse.

          Einen Chef wie Manuel Neuer jedenfalls würden sich wohl viele im Land des Fußball- und Export-Weltmeisters wünschen, wo zumindest dem wirtschaftlichen Führungspersonal mit wachsender Skepsis begegnet wird. Souverän und solidarisch, anpackend und anspornend, bescheiden und begeisterungsfähig, pflichtbewusst und passioniert - und als letzter Mann immer bereit, geradezustehen für die ganz normalen Fehler und Unachtsamkeiten der Kollegen, und sie auszubügeln, ohne danach große Worte darüber zu verlieren.

          Zwei Welttorhüter: Buffon gratuliert Neuer
          Zwei Welttorhüter: Buffon gratuliert Neuer : Bild: dpa

          Das sind Fähigkeiten, die in deutschen Vorstandsetagen allzu oft vermisst werden, im deutschen Strafraum aber ständig zu bewundern sind. Wie zuletzt beim Elfmeterschießen im Viertelfinale gegen Italien, bei dem Neuer zwei Elfmeter abwehrte (ein dritter flog am Tor vorbei, aber den hätte er wohl auch gehalten). Er hatte damit den wohl größten Anteil, dass der Weltmeister eine Runde weiterkam und den italienischen Albtraum hinter sich ließ. „So leicht war das nicht. Das war ein Nervenkrieg“, sagte Neuer.

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