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Kommentar zum EM-Aus : Wo bleibt die deutsche Selbstkritik?

  • -Aktualisiert am

Bundestrainer Joachim Löw machte nach dem 0:2 im EM-Halbfinale nur er eigenen Mannschaft Komplimente. Bild: dpa

Verlierer Joachim Löw redete nach dem 0:2 im EM-Halbfinale wie ein Sieger. Seit dem Triumph von Rio stand dem Bundestrainer und seinen Weltmeistern der Sinn nicht allzu sehr nach Selbstkritik.

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          Pardon, wer hat hier eigentlich gewonnen? Wenn man Bundestrainer Joachim Löw in Marseille so reden hörte nach der bitteren Niederlage gegen Frankreich, war die Sache klar: Deutschland ist die beste Mannschaft der Welt. Basta. Daran kann im Vier-Sterne-Wunderland auch ein schnödes 0:2 im Halbfinale der EM nichts ändern. Wäre ja noch schöner, wenn man sein Selbstbewusstsein und seine Spielstärke vom Ergebnis abhängig machen würde.

          Verlierer Löw, der wie ein Sieger redete, war nach dem Abpfiff für den Weltmeister nur bereit, seiner eigenen Mannschaft Komplimente zu machen. Nicht aber dem Gegner, der im rechten Moment über sich hinaus gewachsen war, verdient gewonnen und einem ganzen Land damit eine glückliche Nacht in schweren Zeiten geschenkt hatte.

          Auch verlieren will gelernt sein. In einem Augenblick, wo ein wenig Demut und Bescheidenheit im deutschen Fußball angebracht gewesen wäre, weigerten sich auch viele Spieler – zumindest jene, die vor die Mikrofone traten – eine sportliche Realität anzuerkennen, die man auch durch noch so viele Ballstafetten und Taktiktricks nicht umgehen kann. Dass es im Fußball darum geht, wer die Tore schießt. Und wer bei K.o.-Spielen den stärkeren Punch hat.

          Bei allem Verletzungspech und fehlendem Spielglück nach den Ausfällen von Hummels, Khedira, Gomez und in der zweiten Halbzeit von Boateng sowie dem schusselig verschuldeten Handelfmeter: Man muss schon arg verliebt in das eigene Auftreten sein und verblendet vom eigenen Glanz, um die weit größere Klasse der Franzosen vor dem Tor nicht anerkennen zu können. Wenn ein Spieler wie der unwiderstehliche Griezmann alleine fast genauso viele Tore bei der EM erzielt hat wie alle Weltmeister zusammen, dann sind das Daten und Taten, die eigentlich jeder im Fußball verstehen müsste.

          Seit dem Triumph von Rio stand dem Bundestrainer und seinen Weltmeistern der Sinn nicht allzu sehr nach Selbstkritik. Das ist menschlich verständlich. Nur Jerome Boateng sagte in den beiden vergangenen Jahren immer wieder, und das bis zuletzt, dass man auch als Weltmeister mehr leisten müsse und auch mehr leisten könne. Die Selbstsicherheit jedoch, die Dinge im entscheidenden Moment wieder regeln zu können, war stets größer bei den Gewinnern von gestern. Nun aber reichte selbst eine Niederlage nicht mehr aus, um die deutsche Fußballwelt mit den vier goldenen Sternen einzutrüben. Alles richtig gemacht – und trotzdem verloren.

          Das gibt es nur im Märchenland. Enttäuschung hin, Handelfmeter her: Löw verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Franzosen hätten außer ihrem Tor zum 2:0 keine Chance aus dem Spiel zustande gebracht. Aber das stimmt nicht. Schon in der ersten Halbzeit konnten sowohl Griezmann als auch Giroud alleine auf das Tor von Neuer zusteuern.

          Im Halbfinale von Belo Horizonte waren die Deutschen angenehm aufgefallen, weil sie Herz für die schwer geschlagenen Brasilianer gezeigt hatten. Nun aber mussten sich schon die Italiener nach dem Viertelfinale vom Bundestrainer anhören, wie ausrechenbar ihr Spiel gewesen sei, wie sehr man sie taktisch beherrscht habe. Von Fragen der Höflichkeit abgesehen: Nach zwei Stunden hatte es 1:1 gestanden. Aber wenigstens in dieser Beziehung hat sich der Weltmeister noch mal gesteigert: Selbst wenn er nach einem 0:2 in den Spiegel schaut, sagt er noch: So sehen Sieger aus!

          Franzosen als Isländer: Das „Huh“ der Nordmänner hat sich bei dieser EM in den Zeremonienplan erfolgreicher Mannschaften eingebürgert. Bilderstrecke
          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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