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Slowakeis Rekordspieler Karhan : „Wir haben schon mal einen Weltmeister rausgeworfen“

Slowakischer Rekordnationalspieler: Miroslav Karhan kennt die Achtelfinalrivalen bestens Bild: Imago

Der Slowake Karhan kennt den deutschen Fußball aus zehn Jahren Bundesliga. Im Interview spricht er über die Außenseiterchance seiner Landsmänner und fordert die Anerkennung des EM-Titels von 1976 für sein Land.

          3 Min.

          Miroslav Karhan ist mit 107 Länderspieleinsätzen slowakischer Rekordnationalspieler. Der 40 Jahre alte ehemalige Bundesligaprofi ist derzeit Trainer  des slowakischen Erstligaklubs Spartak Trnava. Von 2001 bis 2011 hat Karhan für den VfL Wolfsburg und Mainz 216 Mal in der Bundesliga gespielt.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hofft die Slowakei am Sonntagabend auf ein Unwetter?

          Sie meinen, dass es in Lille so regnet wie kürzlich beim Testspiel?

          Ja, so wie beim 3:1-Sieg der Slowakei gegen Deutschland in Augsburg. Würde das Ihren Landsleuten helfen?

          Das würde uns sicher eher einen Vorteil bringen als Deutschland. Da war so viel Wasser auf dem Platz, dass die Deutschen kaum einen Pass spielen konnten.

          Bei Sonnenschein wäre die Sache schon entschieden?

          Nein. Im Fußball kann viel passieren. Das hat diese EM bewiesen. Die kleinen Teams finden ihre Mittel und Wege, um die Großen zu stören. Das ist nicht immer schön gewesen für die Spiele. Aber was sollen die Kleinen sonst machen?

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          Sie machen die Slowakei kleiner, als sie ist. Svento und Pekarik haben in der zurückliegenden Saison in der Bundesliga gespielt, Mak hat viele Tore für Nürnberg erzielt. Andere wie Hamsik oder Skrtel spielen in Neapel oder Liverpool gar in europäischen Top-Klubs.

          Dann auch noch Juraj Kucka bei Milan. Aber das war es schon. Das ist nichts im Vergleich zu einem Team wie Deutschland. Deshalb dürfen wir nicht denken, wir könnten da mitspielen. Hamsik zum Beispiel muss bei uns im Team eine viel defensivere Rolle spielen als in Neapel, weil er Lücken stopfen muss, die der Trainer nicht anders besetzen kann. Dadurch ist er nicht so torgefährlich wie in Italien.

          Er wurde schon vor vielen Jahren als kommender Superstar bezeichnet. Ist er jetzt reif für diese Rolle?

          Ja. Er hat auch bei der EM sehr gut gegen Russland gespielt. Hamsik hat nicht nur einen guten Schuss, sondern viel wichtiger ist der erste Ballkontakt, mit dem er das Spiel unheimlich gut beschleunigen kann. Er ist der große Hoffnungsträger.

          Karhan über Marek Hamsik: „Er ist der große Hoffnungsträger“
          Karhan über Marek Hamsik: „Er ist der große Hoffnungsträger“ : Bild: dpa

          Gibt es eine bestimmte slowakische Fußballschule, einen Stil, für den Hamsik steht und mit dem Ihr Team sich dieser Aufgabe stellt?

          Nein. Für einen eigenen Stil ist die eigene Liga zu schwach. Slowaken müssen in der Regel so früh wie möglich unser Land verlassen und im Ausland reifen. Bei der Nationalmannschaft hast du dann umgekehrt 23 Spieler aus fast genauso vielen Vereinen und Ligen. Diese Spieler spielen also alle das ganze Jahr einen unterschiedlichen Fußball. Eine Mannschaft wie Deutschland hat schon mal einen Bayern-Block, fast alle Spieler sind von der Bundesliga geprägt. Das sieht man dann auf dem Feld.

          Das war einmal anders: 1976 stellte Slovan Bratislava die Hälfte jener Mannschaft, die als Tschechoslowakei Europameister wurde. Schließt die Slowakei an diese Tradition an?

          Es waren sogar noch mehr Slowaken in dem Team. In der Startelf standen acht Slowaken. Es ist eine große Ungerechtigkeit, dass dieser EM-Sieg in den Siegerlisten nur Tschechien zugeschrieben wird, weil die Uefa einfach Tschechien als Nachfolger der Tschechoslowakei anerkannt hat. Den Titel haben Tschechen und Slowaken zusammen geholt, also sollten auch wir uns als Europameister bezeichnen dürfen, vor allem, wenn die Mannschaft fast nur aus Slowaken bestand.

          Sie sind genau einen Tag nach dem EM-Endspiel am 20. Juni 1976 geboren. Hat der Titel Sie als junger Fußballer geprägt?

          Ich bin ja noch aufgewachsen in der Tschechoslowakei. Da war ich mir als Kind schon bewusst, dass wir kurz vorher Europameister waren. Mit der Trennung war der Titel dann einfach weg.

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          Wurde der slowakische Fußball auch deswegen lange unterschätzt, während man die Tschechen immer mit dem Titel in Verbindung gebracht hat?

          Das glaube ich nicht. Die Tschechen hatten in den neunziger Jahren einfach eine wunderbare, starke Mannschaft. Sie waren 1996 im EM-Finale gegen Deutschland. Wir haben hingegen sehr lange gebraucht, um uns neu aufzubauen. Eigentlich hat die Entwicklung bis 2010 zur Weltmeisterschaft gedauert.

          Damals haben Sie Ihr Team als Kapitän durch die Qualifikation geführt, die WM aber wegen einer Verletzung verpasst. Ist das Erreichen des EM-Achtelfinals nun ein noch größerer Erfolg?

          Nein. Der größte Moment im slowakischen Fußball bleibt erst einmal der 3:2-Sieg gegen Italien in Südafrika. Damals haben wir den amtierenden Weltmeister im entscheidenden letzten Gruppenspiel geschlagen. Deutschland sollte als Weltmeister also gewarnt sein. Wir haben schon mal einen Weltmeister aus dem Turnier geworfen.

          Macht sich die Slowakei so Mut?

          Das ist schon Thema in den Medien. Und es erinnert jeden daran, was im Fußball möglich ist. Deutschland ist natürlich Favorit. Aber sie müssen aufpassen. Das haben die bisherigen Spiele gezeigt. Und auch das Testspiel hat bewiesen, dass es Möglichkeiten gibt, auch wenn Deutschland damals mit einer B-Elf ohne viele wichtige Spieler angetreten ist.

          Wäre bei einem Sieg gegen Deutschland dann Eishockey, in dem die Slowakei 2002 Weltmeister wurde, endgültig Sportart Nummer zwei in Ihrem Land?

          Schon jetzt ist es eher unentschieden zwischen Fußball und Eishockey. Eigentlich ist es immer so, dass die Menschen im Winter beim Eishockey große Hoffnung haben. Wenn es dann nichts wird, schimpfen sie und wenden sich dem Fußball zu und haben da viel Hoffnung. Dann kann die Hoffnung ja mit dem Titel erfüllt werden, womit die Slowakei auch endgültig in den Siegerlisten stünde! Das wird aber sehr schwer. Wir müssten nacheinander Deutschland, Spanien oder Italien und Frankreich schlagen und noch das Finale gewinnen. Dann hätten wir was sehr Großes geleistet.

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