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Nationalmannschaft : „Jogi schwebt über dem Ganzen“

Gemeinsam auf Tour durch Frankreich: Thomas Schneider und Marcus Sorg (l.) beraten Bundestrainer Joachim Löw (r.) als Assistenten Bild: dpa

Der Bundestrainer verlässt sich als „Supervisor“ auf die Unterstützung von zwei Assistenten: Schneider und Sorg sollen ihm die Arbeit bei der EM erleichtern. Aber auch Einfaches lässt sich verkomplizieren.

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          Was waren das früher für schöne und schlichte Fußball-Zeiten: Herberger hatte seinen Schön. Schön seinen Derwall. Derwall seinen Stielike. Beckenbauer seinen Osieck. Vogts seinen Bonhof. Völler seinen Skibbe. Klinsmann seinen Löw. Und Löw seinen Flick. Unvergessene deutsche Fußball-Paare allesamt. Weit über ein halbes Jahrhundert hat es den acht Bundestrainern und Teamchefs stets genügt, einen einzigen Assistenten an ihrer Seite zu wissen. Mehr war seit dem Zweiten Weltkrieg einfach nicht nötig an Personal und Kompetenz auf den Trainerbänken, um vier Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften zu gewinnen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber nun, da der Fußball ja so ungeheuer komplex geworden ist – mit Packing und Pressing, multidirektionalen Laufwegen und polyvalenten Profis – hat der deutsche Fußball sein Bundestrainerassistentenbudget in Évian um einhundert Prozent erhöht. Was Hansi Flick bei der Weltmeisterschaft in Brasilien noch alleine richtete, ist bei der Europameisterschaft in Frankreich nun der Job von Thomas Schneider und Marcus Sorg.

          Genug zu tun

          Aber warum braucht die Nationalmannschaft zwei Assistenten neben Torwarttrainer Andreas Köpke? Als die beiden Assistenten am Donnerstag, drei Tage vor dem Achtelfinale gegen die Slowakei erstmals gemeinsam vor die Presse traten, ließen sie keinen Zweifel daran, dass es auch für zwei Helfer bei Löw mehr als genug zu tun gibt. „Der Fußball ist komplexer geworden. Das erfordert natürlich auch mehr Manpower auf sämtlichen Ebenen. Im Verein ist das Standard“, sagte Sorg. „Auch bei der Nationalmannschaft ist das sehr wichtig. Aus einem einfachen Grund: Weil hier die Zeitfenster wesentlich geringer sind als im Verein. Die wenige Zeit, die wir zusammen sind, wollen wir sinnvoll nutzen. Und mit mehr Manpower kann man das besser.“

          Und damit hat sich auch die Rolle von Löw verändert. Als Bundestrainer im klassischen Sinne, der auch auf dem Platz die Trainingsarbeit verrichtet, ist Löw in Frankreich nach zehn Jahren im Amt nicht mehr gefordert. „Jogi schwebt als eine Art Supervisor über dem Ganzen“, sagt Schneider. Am Donnerstag, an dem Löw seinen Spielern wie schon am vergangenen Freitag einen fußballfreien Tag gönnte, arbeitete das Trainerteam „intensiv an der Analyse der Slowakei“, so Schneider. „Unsere Scouts arbeiten im Hotel schon auf Hochtouren. Wir werden uns dann heute Abend mit Jogi zusammensetzen und versuchen, die Details herauszuarbeiten – um das dann morgen früh in der Trainingseinheit entsprechend anzusteuern.“

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          Die Arbeit auf dem Trainingsplatz teilen sich mittlerweile die beiden Assistenten. Schneider ist dabei Löws erster Assistent, zumindest was das Einstellungsdatum angeht. Der Kurzzeit-Trainer des VfB Stuttgart wurde nach der WM in Brasilien zum direkten Nachfolger von Flick, der zum DFB-Sportdirektor aufstieg. Sorg wiederum, der frühere U19-Trainer des DFB, stieß erst im März zur Nationalmannschaft. „Das Spiel Anfang Juni wird nichts mehr mit dem zu tun haben, was am Sonntag auf dem Platz passiert. Wir sind im Achtelfinale der Europameisterschaft, der Gegner kann eine Sensation schaffen. Das ist eine andere Situation als beim Freundschaftsspiel. Wir sind gewarnt und vorbereitet“, erklärte er knapp vier Wochen nach dem 1:3 in Augsburg und drei Tage vor dem K.o.-Spiel gegen die Slowaken.

          Keinen Spezialisten

          Und Schneider ergänzte: „Die Slowakei spielt einen technisch sehr ansehnlichen Fußball aus einer kompakten Defensive heraus. Für uns eine schwierige Aufgabe, die wir lösen können – und ganz sicher lösen werden.“ Die Trainingsarbeit auf dem Platz teilen sich beide Assistenten. Es gibt aber keinen Spezialisten für Offensive oder Defensive, Löws Helfer decken „alle Bereiche“ vollständig und gemeinsam ab, sagte Schneider. Mit Sorg sei nun auch ein zusätzlicher Fachmann für das Scouting dabei, und „wir haben eine zusätzliche Perspektive, wenn Marcus in der ersten Halbzeit oben auf der Tribüne sitzt“. Sorgs Erkenntnisse gehen umgehend in die Halbzeit-Analyse ein. „Wir machen auch relativ viel Video-Coaching. Es ist wahnsinnig viel Arbeit, alleine alle Spieler zu begleiten. Auch da haben wir eine Arbeitsteilung“, sagt Schneider. Und so wollen sie dem Bundestrainer zusammen stets so viele Detailinformationen wie möglich liefern, um die „Entscheidungsgrundlage“ des Supervisors zu verbessern.

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          Es stimmt ja, dass der Fußball komplexer geworden ist. Aber auch Einfaches lässt sich Verkomplizieren. Über den Stand der Wadenverhärtung etwa, die sich Abwehrchef Jerome Boateng gegen Nordirland zugezogen hat, gaben die Assistenten am Donnerstag auch Auskunft. Aber von einer Besserung der Blessur wird in so einem Fall nicht mehr gesprochen. In der Fußball-Diktion 2016 heißt das nun: „Die Verhärtung ist rückläufig.“ Vorläufig lässt sich allerdings sagen: Auch die Qualifikation für die K.o.-Runde ist nicht mehr so einfach, wie sie früher einmal war. Und deswegen hatten nicht nur die deutschen Fußballfans tagelang gerätselt, ob nun tatsächlich die Slowakei oder doch ein anderer Gegner am Sonntag auf den Weltmeister in Lille warten würde, sondern auch das Trainerteam. „Dafür bedurfte es in den letzten Tagen eines kleinen Stochastik-Studiums, um die ganzen wenn-dann-Optionen zu eruieren“, sagte Schneider.

          Stochastik und Fußball – dieses Teilgebiet der Mathematik, dass die Oberbegriffe Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik bündelt, dürfte bei der konkreten Spielvorbereitung für die Slowakei aber vermutlich keine Rolle mehr spielen. Wenn es nach neunzig Minuten Unentschieden steht, geht es in die Verlängerung. Und dann vielleicht noch ins Elfmeterschießen. Und dann ist Schluss. Hundertprozentig.

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