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3:0 im EM-Achtelfinale : Boateng ist die deutsche Bank

Jerome Boateng überzeugte auch gegen die Slowakei. Bild: dpa

Im 63. Länderspiel erzielt Jerome Boateng seinen ersten Treffer. Zum Jubeln zieht er los wie ein TGV, in den Zweikämpfen lässt er weder Gegnern noch Kollegen eine Chance.

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          Im Fußball ist es manchmal fast wie ein Ritual: Ein Spieler schießt ein Tor und rennt los wie von der Tarantel gestochen. Er kann einfach nicht an diesem Fleck bleiben, zu viel Energie muss hinaus, zu viel Freude verlangt danach, sich muskulär zu entladen. Vielleicht will er diese Freude zuerst auch mit einer bestimmten Person teilen, der er danken will. Aber man lässt ihn nicht. Denn dann versuchen Mitspieler ihm den Weg abzuschneiden, ihn aufzuhalten, festzuhalten, niederzuringen, um das Tor gemeinsam zu feiern.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Aber einen Jerome Boateng, der sein erstes Länderspieltor schießt, hält niemand auf. Das sahen sofort auch alle ein und versuchten es erst gar nicht. Wie ein TGV zog er los und wäre mit seinen entfesselten 92 Kilo wohl selbst in einem Rugby-Spiel von niemandem zu stoppen gewesen. Erst nach dreißig Metern, kurz vor der deutschen Bank, hob er ab, landete nach einem mächtigen Sprung, blieb stehen und ließ sich feiern.

          Welch eine Karriere im Nationalteam. 69 Minuten bis zur ersten Roten Karte. Sieben Jahre bis zum ersten Tor. Ziemlich lang für einen, der in seiner Kindheit ein begabter Stürmer war, mit Thierry Henry als Vorbild. Aus dem etwas ungestümen 21-Jährigen, auf der defensiven Außenbahn eingesetzt, der im Oktober 2009 in Moskau bei seinem Debüt vom Platz geflogen war, worauf das Team in Unterzahl den 1:0-Sieg gegen Russland und die WM-Qualifikation für Südafrika rettete, ist ein Weltmeister und einer der besten Innenverteidiger der Welt geworden. Auch bei dieser EM zeigt er das. In der Vorrunde nahm kein Spieler dem Gegner öfter den Ball ab als Boateng.

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          Das Spiel in Bildern : Ein bunter Abend in Lille

          Dabei verstand der Abwehrchef des FC Bayern München es bisher, jedem Spiel seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Beim 2:0 gegen die Ukraine verhinderte er mit der Fußspitze akrobatisch den Ausgleich. Beim 0:0 gegen Polen war er der Beste im Team und der Ehrlichste, der als einziger die Schwächen im Angriff anprangerte („Wir haben vorne kein Eins-gegen-Eins-Duell gewonnen. So kommen wir nicht weit. Wir müssen viel mehr in Laufwege investieren“). Und beim 1:0 gegen Nordirland hielt er trotz schon in der ersten Hälfte zwickender Wade 75 Minuten durch.

          Natürlich hielt er dabei wie immer beeindruckend die Abwehr des Weltmeisters zusammen, die als einzige im Turnier noch ohne Gegentor ist. Als Bundestrainer Joachim Löw ihm zwecks Schonung der Wade und Belohnung der Leistung durch Sonderbeifall des Publikums zwanzig Minuten vor Ende einen verfrühten Feierabend gönnte, verließ Boateng den Platz mit einer Quote gewonnener Zweikämpfe von einhundert Prozent.

          Seinen größten Auftritt aber hatte er vorher, hatte ihn sich für dieses erste K.o.-Spiel aufgehoben – den Volleytreffer nach acht Minuten. Mesut Özils Ecke flog herein, der Slowake Milan Skriniar köpfte den Ball aus dem Strafraum, und dort wartete Boateng. Er sah sofort, dass der Ball perfekt in seine Reichweite fliegen und niemand ihm zuvorkommen würde. Die Augen stets auf den Flug des sinkenden Balles gerichtet, justierte sich der Schütze, ging ihm in leichtem Linksbogen entgegen um ihn am errechneten Kontaktpunkt in der richtigen Höhe mit dem stärkeren Fuß, dem rechten, zu treffen – und das tat er, traf ihn perfekt, hart, flach, minimal noch von Skriniar Fuß abgefälscht und unhaltbar für Torwart Matus Kozacik ins linke Eck.

          Das erste Tor im 63. Länderspiel – nur Willi Schulz und Christian Wörns haben ihren ersten Treffer für Deutschland später erzielt. Danach stürmte Boateng los, und der, bei dem er als erstes ankam, war der Arzt, war Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der das zuletzt leicht lädierte Schussbein (Diagnose „Neurogene Verhärtung“), die Wade mit dem tätowierten Weltmeisterpokal darauf, in den vergangenen Tagen erfolgreich betastet und behandelt hatte. Es hatte sich gelohnt, schon für diesen Moment.

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