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Boateng und der Rassismus : „Meine Kinder sollen nicht angreifbar sein“

Haben Sie die Kapitänsbinde vom Wochenende aufgehoben?

„Ne, die habe ich Höwedes bei der Einwechslung gegeben. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen (lacht).“

Wenn es um Fußball, die Hymne und Migrantenkinder geht, endet das Verständnis nicht nur bei Rassisten, Pegidisten und der AfD. Es ist zwar keineswegs rassistisch, ihr Verhalten zu kritisieren, aber die extreme Rechte bedient sich dieses Thema andererseits seit Jahren – und findet damit Anschluss an die Mitte der (Fußball-)Gesellschaft. Es ist noch nicht lange her, da regten sich in Deutschland selbst Minister und Ministerpräsidenten auf, weil Boateng, Özil und Khedira die Hymne nicht sangen. Der Streit darüber entzündete sich 2010 bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, als die Generation der Boatengs, Özils und Khediras zum ersten Mal ein Fußball-Deutschland repräsentierte, dass nicht mehr nur auf die Namen Thomas, Philipp und Michael hörte.

Der Konflikt eskalierte zwei Jahre später bei der Europameisterschaft nach der Halbfinal-Niederlage gegen Italien. „Es sollte zum guten Ton gehören, dass die Spieler die Hymne mitsingen. Sie spielen schließlich für die deutsche Nationalmannschaft und nicht für sich selbst. Peinlich genug, dass wir darüber diskutieren müssen, eigentlich müssten die Spieler von selbst darauf kommen“, sagte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Bayerns damaliger Innenminister Joachim Herrmann forderte: „Zum Länderspiel und zur Nationalmannschaft gehört die Nationalhymne. Wer dazu keine Lust hat, sollte in seinem Verein bleiben.“ Und sein hessischer Kollegen zu dieser Zeit, Boris Rhein, stellte fest: „Ich habe mich schon sehr geärgert, dass nicht alle Spieler unsere Hymne mitgesungen haben. Wer für Deutschland spielt, sollte das Deutschlandlied singen können. Hier kann das Team von anderen Nationen lernen.“

Solche populistischen Sätze, die bei einem erheblichen Teil des Publikums großen Beifall fanden und vermutlich auch heute noch finden würden, kann man sich von verantwortlichen Politikern derzeit nur noch schwer vorstellen. Ob das an der gesellschaftlichen Entwicklung liegt? Oder am Aufstieg der AfD? Oder an beidem?

„Dafür ist Frau Merkel da“

Hat sich das gesellschaftliche Klima durch die Flüchtlingskrise in Deutschland verschlechtert?

Boateng sagt:

„Das ist ein schwieriges Thema. Das kann man ab einem bestimmten Punkt so oder so sehen. Aber dafür sind Frau Merkel und andere Politiker da.“

Die Paradoxie jedenfalls, dass es fremdenfeindliche Leute gibt, die Fußball mögen, dem Nationalteam mit Kindern von Migranten bei ihren Siegen zujubeln und sich danach doch wieder fremdenfeindliche Parteien zuwenden, ist keine deutsche Eigenheit. In Frankreich geht das schon seit zwanzig Jahren so. Während der EM 1996 in England war es der damalige Vorsitzende des Front National, Jean-Marie le Pen, der nach der Niederlage der Franzosen im Halbfinale gegen Italien, im Fußball zu punkten versuchte. „Gerade im Halbfinale hat die Mannschaft von Frankreich eine bemerkenswerte Arbeit geleistet. Aber es fehlte das ,kleine Plus’, das sie ins Finale hätte führen können: Das Gefühl, Träger der Hoffnung der Nation zu sein, das sich ausdrückt in der Liebe zur Hymne.“

Wenige Tage zuvor hatte er dem Team schon vorgeworfen, die meisten Spieler würden die „Marseillaise“ nicht singen und sie offenbar auch gar nicht kennen. Und überhaupt würden zu viele „Ausländer“ in der Nationalmannschaft mitspielen. Die Regierungskoalition und die linken Oppositionsparteien stärkten dem Nationalteam den Rücken und reagierten so, wie jetzt auch die Bundeskanzlerin durch ihren Sprecher („ein niederträchtiger und trauriger Satz“) und ihren Stellvertreter Gabriel („Boateng ist Deutscher. Die AfD ist deutschfeindlich“). Dem Front National hat die Attacke auf den Fußball langfristig zumindest nicht geschadet.

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