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Boateng und der Rassismus : „Meine Kinder sollen nicht angreifbar sein“

Ganz so einfach und eindeutig, wie die allgemeine und erwartbare Empörung über Gauland und die Solidarisierung mit Boateng im Stadion in den Medien und im Netz nahe legt, ist die Sache mit dem Rassismus selbst im Fußball nicht. Auch unter Fußballfans und Anhängern der Nationalelf ist Rassismus verbreitet, und das nicht erst, seit AfD und Pegida den Fußball für ihre Zwecke missbrauchen. Es wäre eine Verharmlosung und Vertuschung, wenn man das Gegenteil behauptet. Boateng weiß das selbst nur zu gut aus schlechten Erfahrungen.

Wollen nun wirklich alle Boatengs Nachbar sein?

Weshalb gibt es denn im Fußball seit Jahren die Antirassismus-Kampagnen der Verbände - und aus den Kurven selbst? Wie sehr rassistische Motive auch im deutschen Fußball wirken, hat Boateng kurz vor der WM 2010 in der eigenen Familie erlebt. Die Wut und die Verachtung, die seinem Halbbruder Kevin-Prince nach dessen Foul an Michael Ballack entgegenschlug, das den deutschen Kapitän die WM-Teilnahme kostete, lässt sich ohne Hautfarbe und Herkunft eben nicht erklären. Wegen des Fouls seines Bruders wurde sogar plötzlich auch Jerome Boatengs Loyalität zur deutschen Nationalelf in Frage gestellt. Bei den Bender-Zwillingen – Lars und Sven –, so viel lässt sich sagen, wäre die Sache vermutlich anders gelaufen. Eine zwei Jahre zuvor amtlich erstellte Studie der Antidiskriminierungsstelle machte das hohe Maß an Alltagsrassismus deutlich. Mehr als 25 Prozent der Leute fanden damals, dass Menschen mit schwarzer Haut nicht zu Deutschland passen, rund 50 Prozent wollten nicht mit Türken in einem Haus wohnen.

Wie sehr Rassismus in den Stadien bis in diese Tage präsent ist, wurde 2013 deutlich, als Kevin-Prince Boateng durch seinen Protest nach rassistischen Beleidigungen von den Rängen ein Spiel seines AC Mailand zum Abbruch führte. Der Vorfall machte weltweit Schlagzeilen – und Boateng wurde von den Vereinten Nationen mit einer Einladung nach Genf geehrt, wo er eine bemerkenswerte Rede über Rassismus hielt. „Rassismus ist nicht nur ein Thema für den History Channel. Rassismus ist real, und er existiert hier und heute. Man kann ihn in den Straßen finden, bei der Arbeit oder im Fußballstadion“, sagte er. „Zu glauben, man könnte den Rassismus besiegen, indem man ihn ignoriert, ist der größte Fehler, den wir machen können.“

Beschimpfen und beleidigen

Die Lage hat sich seit den Kindertagen der Boatengs stetig verbessert. Aber es gibt noch immer viele Leute, die Fußball mögen, der Nationalelf die Daumen drücken, aber es hassen, wenn sich Mesut Özil, wie in der vergangenen Woche, auf seiner Pilgerfahrt nach Mekka im traditionellen weißen Gewand vor der Kaaba fotografieren lässt – und ihn dafür beschimpfen und beleidigen.

Und genauso wütend werden Rassisten auf den Rängen und vor dem Fernseher, wenn ein Dunkelhäutiger, wie Jerome Boateng am vergangenen Sonntag in Augsburg, die Kapitänsbinde der deutschen Nationalmannschaft trägt. Oder sie laufen Sturm, wenn Boateng, Özil und Khedira, die deutschen Weltmeister mit Wurzeln in Ghana, der Türkei und Tunesien, vor dem Anpfiff nicht die deutsche Nationalhymne singen. Und selbst auf dem Fußballplatz, als Jerome Boateng noch nicht der sportlich unangreifbare Star war, der er heute ist, hatte er auch in der Bundesliga immer wieder das Gefühl, dass sein Einsatz, seine Fouls härter bestraft würden.

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„Es ist ein tolles Amt, eine große Ehre. Für mich ist es wegen der Hautfarbe und meinem Hintergrund noch mal etwas anderes. Aber es ist nicht so, dass ich diese Aufgabe brauchen, um zu sagen: Ich habe es geschafft. Das Wichtigste ist die Mannschaft. Und wenn ich irgendwann mal das Vertrauen bekommen sollte, werde ich es zurückzahlen. Schon für Deutschland zu spielen ist eine Riesenehre. Das merke ich bei jedem Spiel, wenn die Nationalhymne ertönt. “

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