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Gianni Rivera im Gespräch : „Ihr Deutschen versteht uns Italiener nicht“

  • -Aktualisiert am

Trikottausch nach dem Jahrhundertspiel 1970: Uwe Seeler (links) und Gianni Rivera. Bild: Picture-Alliance

Warum hat Italien die wichtigen Duelle mit Deutschland immer gewonnen? Gianni Rivera, 1970 Siegtorschütze im Jahrhundertspiel und später Europa-Parlamentarier, erklärt es im F.A.Z.-Interview.

          6 Min.

          Ihr legendärer Treffer zum 4:3 im WM-Halbfinale 1970 gegen Deutschland liegt jetzt 46 Jahre zurück und ist doch immer wieder ein Thema. Warum?

          Richtig verstanden habe ich das nie. Fernsehen gab es damals für viele erst seit relativ kurzer Zeit. Es war Sommer, viele Leute, die gar nicht so viel übrighatten für Fußball, sahen die Partie. Das war ein kollektives Erlebnis. Außerdem ist das Spiel ständig gekippt. Erst lagen wir vorne, dann hat Schnellinger in der 90. Minute ausgeglichen. In der Verlängerung ist Deutschland durch Gerd Müller in Führung gegangen, wir haben ausgeglichen, dann hat uns Gigi Riva in Führung gebracht. Wieder der Ausgleich durch Müller. Und dann kam ich, 111. Minute.

          Blick zurück: Gianni Rivera
          Blick zurück: Gianni Rivera : Bild: Imago

          Stimmen Sie zu, dass Ihr Treffer der Beginn der deutsch-italienischen Rivalität im Fußball war?

          Das kann man so sagen. Es war schon verrückt. Ihr wart damals bekannt für Kraft, Körperlichkeit und Ausdauer. Wir galten in dieser Hinsicht als unterlegen. Dass wir uns in der Verlängerung durchsetzten, war also ein doppelter Erfolg. Das Spiel wurde zum „Spiel des Jahrhunderts“, weil es immer auf und ab ging, beide Mannschaften standen kurz vor dem Sieg, dann kam das andere Team wieder zurück. Danach waren alle irgendwie aufgewühlt, nicht nur Italiener und Deutsche.

          Welche Erinnerungen haben Sie?

          Das war ein ganz besonderer, emotionaler Moment. Die Leute in Italien liefen auf die Plätze und hatten erstmals seit langer Zeit wieder Grund, in aller Öffentlichkeit zu feiern. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Auch politisch war die Zeit in Italien sehr bewegt. Auf einmal lagen sich alle in den Armen, die Rechten und die Linken. Es war, als ob wir einen idealen Moment der Einheit und Gleichheit feierten. Dabei war der Auslöser nur ein Fußballspiel.

          Die deutsch-italienischen Duelle bei Turnieren waren immer besonders aufregend, mit stets schlechtem Ausgang für Deutschland. Was erwarten Sie vom EM-Viertelfinale in Bordeaux?

          Es ist in erster Linie ein Spiel. Aber vielleicht gibt es die Möglichkeit, dass wieder so ein Gefühl in Italien entsteht wie damals.

          Der Beginn einer schönen Rivalität: Deutschland verliert im WM-Halbfinale von 1970 gegen Italien 3:4
          Der Beginn einer schönen Rivalität: Deutschland verliert im WM-Halbfinale von 1970 gegen Italien 3:4 : Bild: dpa

          Das klingt optimistisch . . .

          Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch. Weil ich selbst Fußball gespielt habe, weiß ich, dass am Ende nur das Spiel selbst zählt. Das ganze Gerede drumherum führt eigentlich zu nichts, auch irgendwelche Gefühle oder Prognosen im Vorfeld sind sinnlos.

          Deutschland unterlag nach 1970 auch im WM-Finale 1982, im WM-Halbfinale 2006 und im EM-Halbfinale 2012. Was machen die Deutschen falsch?

          Das kann ich auch nicht genau sagen. Wahrscheinlich gibt es etwas, das ihr Deutschen letztendlich nicht versteht an uns Italienern. Den Verlauf eines Spiels, an dem Italiener beteiligt sind. Es wirkt so, als sei das für euch irgendwie etwas anderes, etwas besonders Schwieriges.

          Was meinen Sie damit?

          Italiens Art, Fußball zu spielen, stellte bislang eine unüberwindbare Hürde für die Deutschen dar. Es ist dabei auch gar nicht gesagt, dass es einfach ist, uns zu durchschauen. Vielleicht hat das natürliche Ursachen.

          Falsche Hoffnung: Gerd Müller erzielt 1970 das 3:3
          Falsche Hoffnung: Gerd Müller erzielt 1970 das 3:3 : Bild: Imago

          Das müssen Sie erklären!

          Na ja, es könnte sein, dass die Deutschen letztendlich die Hindernisse nicht erkennen, die wir ihnen in den Weg legen. Ihr versteht nicht, wie ihr sie überwinden oder ihnen zumindest aus dem Weg gehen könntet. Und dann kommt es einfach auf den Moment an. Manchmal bestimmt ein einziger Moment, eine einzige Spielsituation das Gesamtgeschehen. Könnte man diesen Moment löschen, wäre vielleicht alles anders gekommen.

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