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Fußball-Nationalmannschaft : Verlierer Schweinsteiger

Mund abputzen und weiter? So leicht wird das EM-Aus für Bastian Schweinsteiger nicht zu verarbeiten sein Bild: dpa

Die Krise des verhinderten Münchner Antreibers hat diese EM und die unerfüllten Hoffnungen der deutschen Mannschaft mitgeprägt. Der Druck auf Bastian Schweinsteiger wird steigen - in München und in der Nationalmannschaft.

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          Als am Freitagnachmittag in Frankfurt die Maschine mit der deutschen Nationalmannschaft an Bord landete, wurde sie langwierig bis in eine der einsamsten Ecken des Flughafens auf ein Rollfeld geleitet, wo sonst nur Cargo-Flieger abgestellt werden. Keine winkenden Flughafenmitarbeiter, kein herzlicher Empfang am Terminal wie noch vor zwei Jahren, als das Team mit einem der ersten neuen Riesen-Airbusse aus Südafrika zurückgekehrt war.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es sollte diesmal für die Spieler nur schnell nach Hause gehen, und so stieg Bastian Schweinsteiger mit seiner Lebenspartnerin sowie den anderen Münchner Kickern in einen bereitstehenden Learjet um, der die Gruppe der Münchner Spieler zurück in die bayerische Landeshauptstadt brachte. Das unspektakuläre Ende einer missratenen Dienstreise.

          Schon direkt nach dem Ausscheiden gegen die Italiener konnte man sich des Eindrucks der totalen Leere bei Schweinsteiger nicht erwehren. Keine Wut, kein Grämen, nicht einmal etwas Ärger zeigte der Mittelfeldspieler, nachdem feststand, dass der Traum vom Finale zerplatzt war. Wortlos zog er im Warschauer Stadion von dannen, während einige andere wichtige Spieler aus der Nationalelf zumindest ihr Bestes gaben, um die Sprachlosigkeit mit Erklärungsversuchen zu überwinden.

          Für keinen anderen Stammspieler dieser Mannschaft ist diese Europameisterschaft enttäuschender verlaufen. Nicht wegen des ungeplanten Ausscheidens im Halbfinale, sondern vor allem wegen Schweinsteigers kraftlosem Mitwirken. Der große Antreiber der Nationalelf als großer Verlierer. Da kann nur noch Lukas Podolski mithalten, dem kaum etwas gelang.

          Kurze Zeit keimt Hoffnung auf

          Die Schweinsteiger-Krise hat dieses Turnier und die unerfüllten Hoffnungen der deutschen Mannschaft mitgeprägt. Es werden die traurigen Bilder in Erinnerung bleiben: von einem Schweinsteiger, der schließlich zu schwach war, das deutsche Spiel in den entscheidenden Momenten voranzutreiben, der vor allem mit sich und seinem Körper zu kämpfen hatte. Als der Münchner vor zwei Jahren Michael Ballack nach dessen verletzungsbedingtem Aus bei der WM in Südafrika so gut vertrat und zur dominanten Figur auf dem Spielfeld aufstieg, war der neue Chef im Mittelfeld gefunden.

          Schweinsteiger leitete das Team mit Erfolg durch die Qualifikation zur EM und sollte bei diesem Turnier eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft seine Stärken nicht nur als „emotionaler Leader“ (Löw) voll zur Entfaltung bringen. Als Schweinsteiger nun bei dieser EM im Spiel gegen die Niederlande so auftrumpfte und Stürmer Mario Gomez mit zwei perfekten Torvorlagen bediente, kam kurze Zeit die Hoffnung auf, dass er trotz der körperlichen Probleme wohl doch noch die Kurve kratzen könnte.

          Ein Irrtum. Das Ende auch für Schweinsteiger bei diesem Turnier war ebenso traurig wie bizarr. Einen Tag vor dem 1:2 gegen Italien hatte er noch mit einer selbstbewussten Botschaft versucht, die Überlegenheit der deutschen Elf gegen Italien besonders deutlich herauszustellen. „Jetzt müssen die Italiener dran glauben“, sagte er in der offiziellen Pressekonferenz der Europäischen Fußball-Union vor der Halbfinalpartie. Von wegen.

          So stellen sich Fragen. Der Bundestrainer hat über das gesamte Turnier an Schweinsteiger festgehalten, obwohl dieser zwischenzeitlich auf seine körperlichen Defizite aufmerksam gemacht hat. Richtig offensichtlich wurden diese Probleme in der Viertelfinalpartie gegen Griechenland, in welcher der Bayern-Spieler phasenweise überfordert, unkonzentriert und zu langsam für das hohe EM-Tempo wirkte. Bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten während des Turniers wies er selbst darauf hin, dass ihn weiterhin Schmerzen von Verletzungen aus der abgelaufenen Saison belasteten, ohne jedoch genau zu erklären, um was es genau gehe.

          Löws Fehleinschätzung mit Schweinsteiger

          Einerseits beklagte er seine Verfassung, anderseits führte er an, doch zu hundert Prozent fit zu sein. Ein Widerspruch. Auch Löw, der eigentlich als ein wichtiges Kriterium für seine Aufstellung den einwandfreien Fitnesszustand jedes einzelnen Spielers festgesetzt hatte, rückte bei Schweinsteiger von dieser Linie ab. Offenbar schätzte der Bundestrainer die Bedeutung des angeschlagenen Leaders für die Mannschaft höher ein, als die Notwendigkeit einer Umstellung. Wohl auch eine Fehleinschätzung.

          Der Druck auf Bastian Schweinsteiger wird steigen. Er wird sich beim FC Bayern nach einer mittelmäßigen Saison sowie im Nationalteam besonders beweisen müssen. Drei Wochen lang hat er nun Urlaub. Am 15. August spielt die Nationalmannschaft wieder ihr erstes Länderspiel nach der EM - in Frankfurt gegen Argentinien. Neben seiner Leistung geht es im deutschen Team auch um seine Führungsrolle.

          Neue Orientierungspunkte in der Mannschaft sind hinzu gekommen. Sami Khedira, der enorm von seinem Wechsel zu Real Madrid profitiert hat, erwies sich auf dem Feld schon als adäquater Taktgeber im Mittelfeld. Der sehr von sich überzeugte Innenverteidiger Mats Hummels aus Dortmund ist als Meinungsmacher hinzukommen. Er ist im Gegensatz zu Schweinsteiger ein Gewinner dieser Europameisterschaft.

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