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Personal für die Fußball-EM : Löws Verrenkungen

Hat seinen EM-Kader vorgestellt: Joachim Löw Bild: dpa

Das Comeback von Müller und Hummels ist die beste Personalentscheidung, die der Bundestrainer seit 2014 getroffen hat. Dass ihr Rauswurf vor zwei Jahren ein Fehler war, kam Löw nun aber nicht über die Lippen. Und wo ist eigentlich Boateng?

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          Die vielleicht wichtigste Personalfrage vor dem Auftakt der Nationalelf bei der Europameisterschaft gegen Weltmeister Frankreich ist schon einen Tag vor der Bekanntgabe des deutschen Kaders bekanntgemacht worden. Der französische Nationaltrainer Deschamps hat Stürmerstar Benzema zurück in die Équipe Tricolore geholt. Mit dem Topangreifer von Real Madrid hat der Weltmeister nun eine beneidenswerte Stürmerauswahl beisammen. Die liest sich nun so: Mbappé, Dembélé, Griezmann, Coman, Giroud – und Benzema.

          Fußball-EM
          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vor diesem Hintergrund wirkt das von vielen Fans herbeigesehnte Comeback von Thomas Müller rein sportlich längst nicht wie der große Befreiungsschlag, der sich mit der Rückkehr des 31 Jahre alten Angreifers des FC Bayern in diesem Sommer verbinden soll. Trotzdem ist es, zusammen mit dem Comeback von Mats Hummels, die vermutlich beste Personalentscheidung, die der Bundestrainer seit dem Titelgewinn vor nun sieben Jahren getroffen hat. Auf solche Topspieler darf man einfach nicht verzichten.

          Den Salto rückwärts, den Joachim Löw hinlegen musste, um dieser Banalität Rechnung zu tragen, war für den Bundestrainer dennoch eine schwierige Übung. Verbal verrenkte er sich dafür auch bei der Präsentation seines EM-Kaders – genau so, wie er das macht, seit erkennbar wurde, dass seine Linie nicht zu halten war. Das war schon vor Beginn der Pandemie klar. Seitdem spielte Löw auf Zeit. Und deswegen bleibt seinem Team nun weniger Zeit, sich in neuer Konstellation zu finden.

          Boateng nicht einmal angerufen

          Der Umbruch – so die Löw’sche Sprachregelung für die voreiligen Rauswürfe von Müller, Hummels und Boateng (der aber nicht wiederkommen darf) – könne unter besonderen Umständen auch mal unterbrochen werden. In Wahrheit jedoch waren die besonderen Umstände, wie der Bundestrainer den Fans weismachen will, in dieser Frage nur für seine Argumentation ungünstig. Die Altstars sind wegen der Verlegung der EM sogar um ein weiteres Jahr gealtert – und die jüngeren Spieler bekamen eine zusätzliche Saison geschenkt, um sich weiterzuentwickeln. Trotzdem ging Löws Planung, auf jüngere Kräfte bei der EM zu setzen, nicht auf. Dass er vor zwei Jahren mit den Rauswürfen der Weltmeister schlicht einen Fehler gemacht hat, dieses Eingeständnis konnte oder wollte der Bundestrainer selbst auf der Schlussetappe seiner Karriere nicht über die Lippen bringen.

          Auch Boateng hätte sich eine Nominierung verdient gehabt. Der Bayern-Verteidiger zeigte auch in Topspielen gegen Topstürmer wie Mbappé und Neymar entsprechende Leistungen. Und dass alle neun Abwehrspieler, die nun für die EM nominiert sind, besser sein sollen als Boateng – darauf muss man erst einmal kommen. Aber nicht einmal einen Anruf bei Boateng, um ihm seine Entscheidung mitzuteilen, hielt Löw für nötig.

          All diese Verdrängungsleistungen passten in gewisser Weise auch zu der Art und Weise, wie sich die Nationalelf und ihr Bundestrainer bei der Kadervorstellung präsentierten: Auf einer Videokonferenz, die sich über eine Stunde als digitale Wohlfühlzone mit Fans vom Kindes- bis zum Seniorenalter entpuppte. Dazu gehörte selbstreferenzielles Geschwurbel, etwa, wie schwierig die Arbeit der sportlichen Führung während der Corona-Krise gewesen sein soll. Sicher ist in einem tatsächlich pandemiegeplagten Land, in dem die Menschen auf einen schönen (Fußball-)Sommer hoffen, mit Blick auf Löw und die Nationalelf nur eins: Ihr Realitätstest beginnt erst jetzt.

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