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Deutscher EM-Fehlstart : „Brauchen wir uns nicht drüber unterhalten“

Kopf gesenkt, Spiel verloren: Toni Kroos nach der Auftaktniederlage gegen Frankreich Bild: Reuters

Die deutsche Nationalmannschaft verliert ihr erstes Spiel bei dieser Fußball-EM gegen Frankreich. Das liegt auch an einem Mangel an Chancen – und der liegt auch an der gewählten Aufstellung des Bundestrainers.

          3 Min.

          Als Paul Pogba ihn vorführen wollte, machte Toni Kroos, was er nur selten macht: Er setzte seinen Körper ein. Es waren fast 80 Minuten gespielt, da standen sich Pogba und Kroos, die Fußballstrategen aus Frankreich und Deutschland, in der Nähe der Eckfahne gegenüber. Sie bewegten sich für einen Augenblick nicht, als wären sie zwei Cowboys im Wilden Westen, die nur darauf warten, ihren Revolver zu zücken. Dann fing der Zweikampf um den Ball an.

          Fußball-EM
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Beim ersten Trick überlistete Pogba Kroos. Beim zweiten Trick wurde er von ihm überlistet. An der Seitenlinie setzte Kroos den linken Arm und den linken Fuß energisch ein. Und als der ansonsten famose Pogba danach ohne Ball auf dem Boden krabbelte und Kroos mit Ball davonrannte, wurden die Menschen in München, wo an diesem Abend 14.500 Zuschauerinnen und Zuschauer in die Arena kommen durften, richtig laut.

          Ein paar Sekunden später waren sie wieder leise. Denn Kroos und seine Kollegen hatten es nicht mal bis zur Mittellinie geschafft. Auf dem Weg dorthin wollte der eingewechselte Timo Werner den Ball nochmal zu Kroos spielen, aber weil er ihn vor dem Pass nicht mehr anschaute, sah er nicht mehr rechtzeitig, dass dieser stehengeblieben war. Der Ball kullerte ins Aus.

          Zwei wichtige Beobachtungen

          An dieser Szene aus dem ersten Spiel der Europameisterschaft in München konnte man zwei wichtige Beobachtungen präsentieren. Einerseits haben sich die Deutschen gegen die Weltmeister aus Frankreich, die weiterhin an der Spitze der Fußballevolution stehen, wirklich gewehrt. Andererseits aber haben sie die Franzosen so gut wie nie in Situationen drängen können, in denen diese sich ihrerseits wehren mussten.

          Am Ende hat der Widerstand der deutschen Nationalmannschaft daher auch nicht gereicht, um einen Fehlstart zu verhindern. Sie verlor 0:1, weil Mats Hummels in der 20. Minute den Ball mit dem Schienbein ins eigene Tor gestoßen hatte. Ein Fehltritt, den man ihm nicht vorwerfen sollte (er musste den Ball vor Kylian Mbappé erwischen), auch wenn er die Konstellation vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Portugal am Samstag sofort verschärft hat. Am Spielfeldrand sagte Toni Kroos ins ZDF-Mikrofon: „Wenn du das erste Spiel verlierst und drei Gruppenspiele hast, ist der Druck groß, da brauchen wir uns nicht drüber unterhalten.“ Und in der Nacht äußerte sich dann auch Hummels selbst. Bei Instagram schrieb er: „Die Niederlage schmerzt uns sehr und mich besonders, weil mein Eigentor das Spiel am Ende entschieden hat.“

          Zwei Möglichkeiten zur Interpretation

          Es gibt aus deutscher Sicht nun zwei Möglichkeiten, dieses Auftaktspiel zu interpretieren. Die optimistische geht so: Ein einziger Gegentreffer kann sich gegen die Superathleten aus Frankreich sehen lassen. Diese Möglichkeit wurde zum Beispiel von Toni Kroos („Wir haben viel sehr gut kontrolliert“) und Joshua Kimmich („Die Dominanz hatten wir“) vertreten, auch wenn sie den Pfostenschuss von Adrien Rabiot (52.) und die Abseitstore von Mbappé (66.) und Karim Benzema (88.) etwas zu sehr herunterspielten.

          Die pessimistische geht so: Ein eigener Treffer war entgegen der Analyse von Kroos („Ich glaube, dass wir Chancen hatten, ein Tor zu machen – nicht weniger als die Franzosen“) eher nicht in Sicht. Was bedeutet das nun? Man könnte es vielleicht so sagen: Anders als nach dem ersten WM-Spiel gegen Mexiko im Sommer 2018, das ebenfalls 0:1 verloren ging, gibt es immerhin eine optimistische Interpretation.

          Fußball-EM

          Am späten Dienstagabend stand Joachim Löw, der Bundestrainer, vor einer ZDF-Kamera und sprach den wohl größten Makel seiner Mannschaft an: „Was uns gefehlt hat, war die Durchschlagskraft im letzten Drittel.“ In dieser Zone mussten sich die Angreifer Serge Gnabry, Thomas Müller und Kai Havertz meistens mit mehreren französischen Verteidigern auseinandersetzen. Es sei der Plan gewesen, sagte Löw, die Mitte zu meiden und auf der Außenbahn zu attackieren, mit Flanken zu operieren.

          Einmal, als Robin Gosens den Ball von der linken Seite in den Strafraum zirkelte, schoss ihn Gnabry, der vor allem in der Sturmmitte spielte, nur knapp über das Tor (54.). Es war der beste deutsche Versuch. Ansonsten erreichten die Flanken ihn meistens nicht. Das sollte auch nicht verwundern: Gnabry ist nur 1,76 Meter groß.

          Wenn man den Mangel an Chancen erklären will, sollte man ohnehin nochmal auf die erste Aufstellung schauen, die sich Löw in seinem letzten Turnier mit der Nationalmannschaft ausgedacht hat. Er setzte in der Abwehr auf eine Dreier- bzw. Fünferkette, in der er Joshua Kimmich auf der rechten Seite einteilte. Dadurch konnte er im Mittelfeld die Ballkünstler Ilkay Gündogan und Toni Kroos aufbieten, aber das änderte nichts an einer Grundsatzrechnung, der Löw sich in der Vorbereitung auf das Portugal-Spiel wieder wird stellen müssen: Ein Spieler mehr in der Defensive heißt immer auch ein Spieler weniger Offensive.

          „Es ist nix passiert“, sagte Löw am Ende des Interviews. „Wir haben zwei Spiele, in denen zwei Spielen können wir alles geradebiegen.“ Und auch wenn seine Mannschaft einen anderen Eindruck hinterlassen hat als vor drei Jahren in Russland, sollte man zumindest erwähnen: Damals hat er das auch schon geglaubt.

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