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DFB-Team besiegt Ukraine 2:0 : „So ein Turnier ist ein Marathon, kein Sprint“

Der spektakulärste Kurzeinsatz seiner Karriere: Bastian Schweinsteiger. Bild: dpa

Schweinsteigers 2:0 samt Jubellauf liefert beim deutschen EM-Auftakt eine Schlusspointe, die manchen Durchhänger vergessen lässt. Und Bundestrainer Löw ist froh über einen Nachbarn namens Boateng.

          Das Spiel war vorbei, das Stadion fast leer, aber Bastian Schweinsteiger japste noch ein wenig. In seinem Fußballalter sollte man so etwas vielleicht auch nicht mehr versuchen – einen langen Spurt bis vors gegnerische Tor und dann, im Torjubel, einen noch längeren zurück. Ausgelassen wie ein 19-Jähriger, der sein erstes Tor für sein Land geschossen hat, stürmte der deutsche Kapitän die Außenlinie entlang, ließ sich feiern und klatschte jeden ab, der ihm in die Quere kam. „Der Weg nach dem Jubel war lang“, sagte er später, als er sich wieder wie knapp 32 fühlte. „Ich bin ein bisschen außer Atem“.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Drei Minuten hatte er gedauert, der spektakulärste Kurzeinsatz seiner großen Karriere. Nach neunzig Minuten für Mario Götze eingewechselt, um einen 1:0-Vorsprung gegen die Ukraine über die Zeit zu bringen, machte Schweinsteiger etwas anderes: das 2:0.

          Als auch der zwölfte ukrainische Eckball von der deutschen Defensive abgewehrt worden war und Mesut Özil einen Konter über den linken Flügel startete, schaute er zweimal Richtung Linienrichter, um zu sehen, ob sich das Laufen lohnte oder Abseits angezeigt wurde. Als die Fahne unten blieb, rannte er spritzig weiter, zeigte Özil mit hochgestrecktem Arm wie der Schüler dem Lehrer, dass er drangenommen werden wollte – und musste am Ende nur noch Özils Querpass ins leere Tor drücken.

          Es gab einem nicht immer überzeugenden Europameisterschafts-Auftakt des Weltmeisters eine Schlusspointe, die manchen Durchhänger während der Partie vergessen ließ. „Das war ein klassisches Auftaktspiel“, erklärte Sami Khedira den wackligen Auftritt vor allem in der Schlussphase der ersten Halbzeit, als der 1:0-Vorsprung durch Shkodran Mustafis erstes Länderspieltor (19. Minute) mehrfach nur mit viel Glück verteidigt werden konnte. „Wir müssen uns noch steigern, aber so ein Turnier ist ein Marathon, kein Sprint.“ Was gerade Schweinsteiger nach diesem Abend wohl auch lieber so ist.

          Mustafi und Schweinsteiger, auf diese Torschützen hätte vorher wohl niemand gewettet. Das zeigte Khedira, „dass jeder gebraucht wird“. Mustafi war erst durch die Verletzungen von Mats Hummels und Antonio Rüdiger in die Innenverteidigung gekommen und machte laut Torwart Manuel Neuer „ein Superspiel“ – bis auf einen Aussetzer in der 89. Minute, als er Neuer mit einer Kopfball-Rückgabe überlupfte und Glück hatte, dass der Ball neben das leere Tor flog.

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          Und Schweinsteiger, der seine Verletzung für „ausgeheilt“ erklärte, sollte nur ein paar Minuten Spielpraxis sammeln, damit man in der K.o.-Runde mit ihm in alter Frische rechnen kann. Man konnte es am Ende schon im ersten Gruppenspiel. „Für Basti freut es mich. Es ist nicht so einfach, nach zwei, drei Monaten so zurückzukommen“, sagte Khedira. „Und Musti hat ein überragendes Spiel gemacht.“

          Dank Musti und Basti hatte auch Jogi gute Laune – auch wenn der Bundestrainer beim Torjubel anders als gewohnt modisch keine gute Figur machte. Beim Hochreißen der Arme entblößte Joachim Löw Schweißflecken an seinem etwas unförmigen grauen T-Shirt; und darunter den nackten Unterbauch.


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          Er freue sich, dass Schweinsteiger „nach der gesamten Schufterei der letzten Monate und Wochen so ein tolles Comeback feiert“, sagte Löw und zeigte sich „sehr zufrieden mit dem Spiel und dem Ergebnis, auch wenn wir in den fünfzehn Minuten vor der Pause den Faden verloren haben. Aber in der zweiten Halbzeit hatten wir das gut im Griff, haben die Positionen gut gehalten und Räume gut genutzt.“ „Wir sind noch nicht da, wo wir hin müssen, wenn wir das Turnier gewinnen wollen“, fand Spielmacher Toni Kroos, der kurz nach der Pause mit einem satten Weitschuss exakt die Nahtstelle von Pfosten und Latte getroffen hatte. Aber „wir sind jetzt ein Stück weit schlauer“.



          Bis der Favorit das Spiel im Griff hatte, hatte es zeitweise an die zweite Partie auf dem Weg zum WM-Titel 2014 erinnert, ein wildes Hin und Her gegen Ghana, das mit einem glücklichen 2:2 ausgegangen war. „Es war zum Teil ein offenes Spiel, ein englisches Spiel“, räumte Mustafi ein. „Es ging hin und her, was wir eigentlich nicht wollten.“ In der Phase vor der Pause, als die Ukrainer in rascher Folge sieben Ecken bekamen, zahlte sich das forcierte Training von Standardsituationen in den Wochen vor der EM aus – so wie beim Führungstor natürlich auch. „Wir haben bei defensiven Standards gut gestanden“, lobte Neuer, räumte jedoch ein: „Wir haben nicht alles zeigen können. Wir werden uns noch steigern.“

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          Neuer hatte in der ersten Halbzeit zwei große Paraden zeigen müssen – und war doch machtlos, als der Ball in der 37. Minute vom Körper des angeschossenen Jerome Boateng ins Tor zu trudeln schien. Im Rückwärtsfallen ins Tornetz gelang es Boateng, den Ball mit der ausgestreckten Fußspitze so eben noch vor der Linie weg zu befördern. Zu dieser packenden Rettungsaktion sagte Löw, in Anspielung auf die mittlerweile europaweit bekannte abfällige Bemerkung des AfD-Politikers Gauland über den Boateng: „Es ist sehr gut, wenn man in solchen Momenten so einen guten Nachbarn in der Abwehr hat“. Oder wenn man kurz vor Ende noch solch einen Kapitän auf der Bank hat. 

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