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EM-Analyse : Das lange Leiden des Toni Kroos

Wenig Raum für seine klugen Bälle: Die Italiener achteten besonders auf Toni Kroos (links). Bild: Reuters

Nicht nur Joachim Löw spielt Rasenschach im EM-Viertelfinale. Auch Italiens Trainer Antonio Conte hat einen taktischen Kniff parat, der besonders einem Deutschen das Leben schwer macht.

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          Zum 18. Mal in der Geschichte der Fußball-Europameisterschaft musste ein Elfmeterschießen entscheiden. Im Viertelfinale 2016 gewann Deutschland am späten Samstagabend, Italien verlor. Zum sechsten Mal im siebten Stechen kam damit das DFB-Team weiter – und der Schuss von Uli Hoeneß im Endspiel 1976 bleibt der einzige folgenschwere Fehlversuch. Dabei scheiterten nun sogar drei Deutsche: Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger. Weil aber gleich vier Italiener verschossen, steht die DFB-Elf am Donnerstag im Halbfinale. Der Gegner heißt dann Frankreich oder Island, die sich an diesem Sonntag (21.00 Uhr / Live im ZDF und im EM-Ticker bei FAZ.NET) gegenüberstehen.

          Tobias Rabe
          (tora.), Sport

          Vor wenigen Tagen listeten wir die Mythen des Elfmeterschießens auf – und klärten, ob sie stimmen. Nach dem Weiterkommen sollten die Deutschen vor allem auf eine Erkenntnis aufpassen: Wer sein Glück zweimal strapaziert, scheitert fast immer. Eine Entscheidung in 90 oder maximal 120 Minuten auf dem Weg zum EM-Titel ist also spätestens von nun an ratsam. Es sei denn, die Portugiesen sind der Kontrahent im möglichen Endspiel. Auch die kamen im Viertelfinale gegen Polen im Stechen weiter. Denn einen Sieger muss es im Elfmeterschießen eben geben – egal, wie oft dieser vorher schon angetreten ist und egal, was die Statistik zum überstrapazierten Glück sagen mag.

          Bevor es in Bordeaux zur Entscheidung aus elf Metern kam, hatten sich beide Mannschaften nicht nur ein spannendes Duell geliefert. Auch taktisch war es hochinteressant zu beobachten. Joachim Löw hatte, wie schon beim Halbfinal-Aus gegen Italien 2012, seinen Matchplan an den Italienern ausgerichtet – eine mutige Entscheidung für weniger Mut im Spiel. Anders als bisher im Turnier ließ er erstmals nicht im System mit vier Abwehrspielern, zwei defensiven, drei offensiven Mittelfeldspielern sowie einem Stürmer antreten. Der Bundestrainer stellte in der Abwehr auf Dreierkette um mit Benedikt Höwedes, dafür „opferte“ er den zuletzt gegen die Slowakei so guten, linken Offensivspieler Julian Draxler.

          Spiel gegen Italien : Das deutsche Team siegt im Elfmeterkrimi

          Die Idee dahinter war nachvollziehbar, da die Italiener als einzige EM-Mannschaft mit zwei Stürmern antraten und zudem zwei extreme Außenspieler aufwiesen. Löw wollte auf keinen Fall riskieren, dass seine Abwehr Mann gegen Mann verteidigen muss. Der Plan ging auf – zumindest was die Defensive betraf. Jerome Boateng, Mats Hummels und Höwedes verteidigten in letzter Linie die immer auf die italienischen Stürmer Graziano Pellè und Eder geschlagenen Bälle hervorragend. Oft funktionierte vorher nach Ballverlust auch das deutsche Gegenpressing gut. Die hoch aufgerückten Außenverteidiger Jonas Hector und Joshua Kimmich ließen nach Problemen zu Beginn ebenfalls wenig zu. Die größte Chance hatte Stefano Sturaro, dessen Schuss Boateng noch entscheidend abfälschte (42. Minute).

          Sehen Sie die durchschnittliche Position eines jeden Spielers:

          Doch in der Offensive hakte es. Das hatte drei Gründe. Zum einen vermissten die Deutschen in Draxler ein Spieler mit Drang nach vorne. Zum anderen fehlten aufgrund der neuen Grundformation die Automatismen in den Lauf- und Passwegen, die beim Spiel nach vorne so wichtig sind, gerade gegen defensiv starke Gegner wie die Italiener. Der dritte Grund hieß Toni Kroos. Er wurde von Pellè und Eder, die als Stürmer immer ein Auge auf den deutschen Taktgeber warfen und ihn zustellten, beeindruckend aus dem Spiel genommen. Dieser taktische Kniff von Trainer Antonio Conte wirkte hervorragend. Es war eine Art Schachspiel auf dem Rasen, in dem jeder den Zug des anderen geschickt konterte.

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