https://www.faz.net/-hfm-8i24w

Fußball-Nationalmannschaft : Das sind Löws Taktik-Ideen für die EM

  • -Aktualisiert am

Leidenschaftlich: Joachim Löw instruiert seine Spieler während des Trainingslagers in Ascona. Bild: dpa

Der Bundestrainer verfügt bei der EM über eine Vielzahl taktischer Möglichkeiten. Womöglich setzt er auf Altbewährtes. So könnte Deutschland spielen – eine Analyse.

          4 Min.

          Joachim Löw ist kein Taktik-Revolutionär. Er hat zwar drei Weltmeister verloren (Per Mertesacker, Philipp Lahm, Miroslav Klose), die grundsätzliche Ausrichtung seines Teams aber im Vergleich zur Weltmeisterschaft nicht fundamental verändert: Ähnlich wie vor zwei Jahren in Brasilien soll seine Mannschaft bei der Europameisterschaft die gegnerische Verteidigung vor allem mit kreativen Kurzpass-Kombinationen überwinden, ohne dabei die nötige defensive Stabilität zu verlieren. Die grundsätzliche Ausrichtung hat Löw also nicht umgeworfen, in den vergangenen zwei Jahren allerdings viel mit Personal und Formation experimentiert. Die letzten beiden Testspiele deuten darauf hin, dass Löw für das Turnier in Frankreich vor allem zwei Formationen ins Auge gefasst hat.

          Altbewährtes: Deutschland im 4-2-3-1

          Die favorisierte Variante ist eine konservative. Das 4-2-3-1 ist so etwas wie das „Standardsystem“ der Bundesliga. Es bietet mit der „Doppelsechs“ eine gute Absicherung im Zentrum, die Außenbahnen sind doppelt besetzt. Ein wichtiger Vorteil: Alle Nationalspieler kennen das System aus ihrer Vereinskarriere. Die starken Kombinationsspieler in der Offensive, also Thomas Müller, Mesut Özil und Co. sollen die Abwehr des Gegners mit schnellem Kurzpassspiel überwinden. Für Konter, in vorweltmeisterlicher Zeit lange das Mittel der Wahl, dürften die Deutschen wegen ihres Favoritenstatus allenfalls im weiteren Turnierverlauf gegen hochkarätige Gegner die nötigen Räume finden. Zum Fixpunkt im Mittelfeld ist Toni Kroos herangereift. Er gibt den Takt des Spiels vor.

          Deutschland in der 4-2-3-1-Formation

          Offen ist nach dem Ausscheiden von Antonio Rüdiger und der Verletzung von Mats Hummels die Besetzung der zweiten Innenverteidiger-Position. Jerome Boateng ist gesetzt. Am wahrscheinlichsten ist, dass Skhodran Mustafi an seiner Seite verteidigt, ehe Hummels zurückkehrt. Im Aufbauspiel rücken die Außenverteidiger in dieser Formation dann häufig sehr weit vor, während sich Kroos gerne zwischen oder neben die Innenverteidiger fallen lässt.

          Eine Variante im Aufbauspiel: Toni Kroos lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen, die Außenverteidiger rücken vor.

          Im Mittelfeld sind neben der oben skizzierten Variante zwei weitere möglich: Eine besonders spielstarke wäre eine Doppelsechs mit Mesut Özil und Toni Kroos, die jedoch gerade in den ersten EM-Spielen wohl zu gewagt ist – angesichts Löws Vorhersage, die EM werde gerade in der Vorrunde ein „Abnutzungskampf“. Gegen zweikampfstarke Gegner wird Löw wohl nicht auf Sami Khedira verzichten. Möglich ist auch eine Verstärkung des Zentrums mit einem weiteren Spieler, sollte Kapitän Bastian Schweinsteiger noch eine ansprechende Form erreichen. Dieser 4-3-3-Variante würde ein Offensivspieler zum Opfer fallen, wahrscheinlich Julian Draxler, wenn dann Özil für Schweinsteiger nach vorne auf die linke Offensivposition rückt.

          „Echte“ oder „falsche“ Neun?

          Es ist wahrscheinlich, dass Mario Götze im Sturmzentrum als „falsche Neun“ agiert. Er würde dann in Abstimmung mit den Außenspielern Julian Draxler und Thomas Müller, von denen besonders Müller fast durchgängig den Weg ins Zentrum sucht, aus seiner Position zurückfallen. Im Kombinationsspiel könnte er so Räume öffnen, in die auch Mesut Özil von der Zehner-Position aus stoßen kann. Längere Positionswechsel, zum Beispiel zwischen Müller und Götze, sind ebenso möglich. Genauso wie im 5-1-2-2 beziehungsweise 3-5-2, der zweiten wahrscheinlichen Formationsvariante der Deutschen, hat Löw mit Mario Gomez (Besiktas Istanbul) aber auch im 4-2-3-1 die Möglichkeit, einen „klassischen“ Stürmer aufzubieten. Der Torschützenkönig der türkischen Süperlig hält anders als Götze vornehmlich seine Position im Angriffszentrum, lauert auf Steilpässe und lässt sich in der Regel nur kurz zurückfallen, um Bälle abzulegen.

          Mario Gomez als „echte Neun“: Er interpretiert seine Rolle starrer als der umtriebige Mario Götze.

          Spielt der wuchtige und kopfballstarke Gomez, kann die deutsche Mannschaft auch mehr auf Flankenläufe setzen. Die (defensiven) Außenbahnen sind jedoch eine Schwachstelle des deutschen Teams. Einzig der Kölner Jonas Hector, der allerdings vor seinem ersten großen Turnier steht und seine Pflichtspiel-Feuerprobe im deutschen Dress gegen Weltklasse-Angreifer noch nicht absolviert hat, besitzt auf dieser Position genug Dynamik und Finesse, um häufig aussichtsreiche Dribblings und Kombinationen über die Außenbahnen zu forcieren. Davor orientieren sich die nominellen Flügelspieler Müller und Draxler mehr oder minder stark zur Mitte hin. Emre Can und Benedikt Höwedes spielen normalerweise auf anderen Positionen, mangels Alternativen sind die beiden jedoch die aussichtsreichsten Kandidaten für die Position des rechten Außenverteidigers.

          Eine Alternative? Die „WM-Viererkette“

          Die Vorstöße der beiden robusten Zweikämpfer sind dort jedoch leicht ausrechenbar, noch mehr, wenn sie als Rechtsfüßer anstelle von Hector auf der linken Position spielen. Ihren Offensivbemühungen fehlt ohne ein herausragendes Zusammenspiel mit den Vorderleuten die Aussicht auf Erfolg. Sebastian Rudy, der nach der Qualifikation als erster Anwärter für die Rechtsverteidigerposition galt, wurde von Löw etwas überraschend aus dem Kader gestrichen.

          Wenn Deutschland auf Gegner trifft, die besonders starke Flügel- oder eine Vielzahl guter Kopfballspieler aufbieten, ist vor diesem Hintergrund nicht auszuschließen, dass Löw umstellt und eine Kette mit vier körperlich starken Verteidigern aufbietet, die sich mehr oder minder auf die Defensive beschränken. Dies würde Höwedes und Can entgegenkommen.

          Ein Stilmittel der WM 2014: Deutschland verteidigt in der Viererkette auch auf den Außenbahnen mit besonders defensivstarken Spielern.

          Innovativ: Deutschland mit Dreierkette

          Nach der Weltmeisterschaft experimentierte Löw mehrmals mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette. Im vorletzten Testspiel gegen die Slowakei ließ er die Mannschaft in einer Art 5-1-2-2- oder 3-5-2-Formation agieren.

          Eine Alternative? Deutschland - hier in Bestbesetzung - wie gegen die Slowakei mit einer Dreier- beziehungsweise Fünferkette in der Defensive

          Im Angriff hat Löw auch hier wieder die Wahl zwischen dem spielstarken Götze und Strafraumstürmer Gomez. Thomas Müller wäre jeweils ein guter Nebenmann, vielversprechend wäre aber auch ein Angriffsduo Götze-Gomez. In der Verteidigung bietet die Dreier- bzw. Fünferkette bei defensiver Interpretation eine Reihe von Vorteilen: Wenn beide Flügelverteidiger zurückfallen, verspricht der zusätzliche Mann in der Abwehr eine starke Sicherung in der Breite; Verlagerungen des Gegners auf die Flügel sind dann wenig aussichtsreich. Mit zwei Nebenmännern im Zentrum ist Boateng oder ein anderer spielstarker Verteidiger wie der noch verletzte Hummels zudem besser abgesichert, wenn er mit dem Ball vorstößt.

          Das deutsche Team kann so flexibel reagieren, wenn der Gegner im Ballbesitz die wichtigen Zwischenräume zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld sucht. Mit drei Innenverteidigern kann immer ein Verteidiger ohne großes Risiko aus der Formation herausrücken, sogar wenn der Gegner in einem Zwei-Stürmer-System agiert.

          Mögliche Schwachstellen

          Das Problem: Im Testspiel gegen die Slowakei funktionierte dieses flexible Herausrücken nicht wie gewünscht, sodass Marek Hamsik ein Vakuum in der deutschen Verteidigung zwischen Abwehr und Mittelfeld ausnutzen konnte und zum 1:1 traf.

          Im Raum vor der deutschen Abwehr klafft eine Lücke, Hamsik erkennt sie. Jerome Boateng zögert, vielleicht auch, weil Draxler (Nr. 15) ungünstig steht.
          Hamsik nutzt die Lücke: Der Slowake wird angespielt, dreht sich zum Tor und trifft mit einem Distanzschuss. Boateng kommt zu spät.

          Ein weitere Herausforderung: Die Rolle der Außenverteidiger ist in diesem System anspruchsvoller als im 4-2-3-1, da sie ohne die Unterstützung eines nominellen Flügelspielers das Offensivspiel über die gesamte Länge der Außenbahn tragen müssen. Neben Hector auf links scheint auf der rechten Seite der Mittelfeldspieler Can für diese Aufgabe im Vergleich zu Verteidiger Höwedes noch am ehesten geeignet zu sein. Gegen die Slowakei füllte der gestrichene Rudy diese Position aus. Darüber hinaus ist Joshua Kimmich in der Defensive ein Geheimtipp. Er könnte die Position des rechten Außenverteidigers im 4-2-3-1 oder die Halbposition in der Fünferkette bekleiden, denn sein Auftritt gegen die Slowakei war vielversprechend. Der Münchner war aber zuletzt durch eine Erkältung geschwächt.


          EM-News über Facebook-Messenger

          Sie wollen EM-News über den Facebook-Messenger erhalten? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Service.

          So geht’s!

          Weitere Themen

          Zieler hat einen neuen Verein

          Fußball-Transferticker : Zieler hat einen neuen Verein

          Früherer Nationaltorwart kehrt in Heimat zurück +++ Bellarabi bleibt vereinstreu +++ Dortmund denkt an weitere Zugänge +++ Waldschmidt vor Wechsel nach Portugal +++ Alle Infos im Transferticker.

          Topmeldungen

          Eine alarmierte Fresszelle, die sich Viren einverleibt.

          Ur-Immunsystem unter Verdacht : Gift gegen das Virus

          Unser Immunsystem ist der Schlüssel gegen Covid-19. Und das steckt voller Überraschungen. Jetzt ist sogar die „schmutzige Bombe“ unserer Abwehr als mögliche Rettung für Corona-Patienten im Spiel.
          Eine Aufnahme aus dem Jahr 2010 zeigt die roten Roben der Richter in Karlsruhe.

          NS-Vergangenheit von Richtern : Rote Roben, weiße Westen?

          Das Bundesverfassungsgericht will die Verflechtungen seiner ersten Richtergeneration mit dem nationalsozialistischen Regime erforschen lassen. Das ist überfällig – und eine gewaltige Herausforderung. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.