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EM-Analyse : Deutschland sucht den Super-Torjäger

Das war nicht seine EM: Thomas Müller blieb ohne Tor in Frankreich. Bild: AP

Das DFB-Team hat das EM-Halbfinale im Griff – bis sich Schweinsteiger vergreift. Dann patzt auch noch Neuer. Der Grund für das deutsche Aus gegen Frankreich liegt aber nicht nur an fehlerhafter Handarbeit.

          3 Min.

          Deutschland ist nicht nur eine Fußballnation, sondern auch im Handball erfolgreich. Der Traum jedoch, nach dem Europameister-Titel in der einen Sportart im Januar auch die Trophäe bei der Fußball-EM in diesem Sommer zu holen, platzte am Donnerstagabend jäh. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw scheiterte im Halbfinale an Gastgeber Frankreich durch eine 0:2-Niederlage. Eingeleitet wurde sie durch ein Handspiel von Bastian Schweinsteiger, das zum Elfmeter führte. Vor dem zweiten Treffer bekam Torwart Manuel Neuer einen Flankenball nicht zu fassen.

          Tobias Rabe
          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Es mutet kurios an, dass das DFB-Team in Frankreich ein starkes Turnier spielte, sich das Fußballer-Leben aber durch fehlerhafte Handarbeit selbst schwer machte. Im Viertelfinale verschuldete Jerome Boateng mit hochgerissenen Armen einen Strafstoß. Im Halbfinale widerfuhr Schweinsteiger das gleiche Missgeschick, weil er den Ball im Kopfballduell mit dem kleinen Patrice Evra mit der Hand berührte. Und Neuer, der einzige, der ungestraft im Strafraum zupacken darf, machte es nicht. Die Gründe für das Aus gegen Frankreich waren aber nicht alleine, dass Schweinsteiger und Neuer sich vergriffen.

          Bundestrainer Löw hatte sich, wie schon  gegen Italien, als er erfolgreich in der Abwehr von Vierer- auf Dreierkette umstellte, um auf die Spielweise des Gegners zu reagieren, auch gegen Frankreich etwas einfallen lassen. Zunächst baute er in hinterster Linie wieder um auf vier Spieler. Benedikt Höwedes ersetzte den mit zwei Gelben Karten gesperrten Mats Hummels in der Innenverteidigung. Neben ihm spielte Boateng, auf den Außen wie gewohnt Jonas Hector (links) und Joshua Kimmich (rechts).

          Davor verstärkte Löw das defensive Mittelfeld mit der überraschenden Nominierung von Emre Can, der bei der EM zuvor keine Minute gespielt hatte. Der Profi vom FC Liverpool war lange als Option gehandelt worden, falls Schweinsteiger verletzt hätte passen müssen. Doch der Kapitän war dabei – und Can auch. Die Idee, die dahintersteckte, war klar. Der robuste 22-Jährige, der einst beim FC Bayern und in Leverkusen spielte, sollte die offensivstarken Franzosen um Paul Pogba stoppen, bevor sie auf die deutsche Abwehr trafen, und gleichzeitig dynamische Akzente nach vorne setzen.

          In der Praxis wurde aus dem erwarteten 4-2-3-1-System mit vier Abwehrspielern, Schweinsteiger und Can davor, Toni Kroos vorgerückt zu den offensiven Mittelfeldspielern Julian Draxler und Mesut Özil sowie der einzigen Spitze Thomas Müller jedoch eher eine 3-5-2-Anordnung, wie die Grafik mit den durchschnittlichen Positionen belegt. Schweinsteiger ließ sich immer wieder zwischen Höwedes und Boateng zurückfallen, um das Spiel aufzubauen. Die Außenverteidiger Hector und Kimmich indes rückten weit nach vorne ins Mittelfeld, wo ihnen die Franzosen viel Raum ließen.

          Das Konzept ging zunächst gar nicht auf, weil die Franzosen in den ersten zehn Minuten wie wild loslegten und die DFB-Elf weit in die Defensive drängten. Alle Deutschen mussten verteidigen. Doch danach bekamen Schweinsteiger, Kroos und Co. die Partie in den Griff – bis zum Handspiel des Kapitäns kurz vor der Halbzeit. Die Verteilung der Aktionszonen belegt, wie dominant Deutschland zuvor war. Zwischen der 16. und 30. Minute war das Spielfeld-Drittel vor Neuer Sperrzone, mit einem so deutlichen Wert wie noch nie bei einem deutschen Spiel bei dieser EM.

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          Doch die Franzosen gingen mit einer 1:0-Führung in die Halbzeit, weil Antoine Griezmann den Elfmeter verwandelte. Auch in der zweiten Halbzeit änderte sich wenig. Die Gastgeber bemühten sich um eine kompakte Abwehr und setzten auf Konter über Zielspieler Olivier Giroud und den flinken Griezmann, unterstützt von Dimitri Payet und Moussa Sissoko. Bei den Deutschen war die schon in vorherigen Spielen zu beobachtende Linkslastigkeit zu erkennen, weil Toni Kroos sich in diesem Bereich mit Vorliebe aufhielt. Durch Löws Taktik-Änderungen agierte er zunächst offensiver, was nicht so gut funktionierte, weil er das Spiel nicht vor sich hatte.

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          Im Verlauf des Spiels ließ sich Kroos wieder zurückfallen, was ihm deutlich mehr behagte. Anders als die Italiener legten die Franzosen keinen Wert darauf, ihn durch besondere Aufmerksamkeit der eigenen Stürmer in der Defensivarbeit aus dem Spiel zu nehmen. Auch den Außen Hector und Kimmich ließen sie auffallend viel Platz, sodass die aufgerückten deutschen Außenverteidiger viele Ballkontakte in der Offensive hatten, doch sie machten zu wenig daraus. Zu selten kamen sie zu Hereingaben im Zusammenspiel mit den Offensivspielern Draxler und Özil.

          Das eigentliche Problem lag aber noch weiter vorne. Löw setzte in der Offensive auf Flexibilität, Thomas Müller war aber klar als einziger Stürmer eingeplant. Doch der Münchner, der unermüdlich lief, hatte, wie schon in den EM-Spielen zuvor kein Fortune, und blieb wie 2012 beim Turnier 2016 ohne Tor. Der Ausfall von Mario Gomez, der Italien mit seiner Wucht forderte, wog zu sehr. Müller gewann nur einen Zweikampf gegen Frankreich. Lediglich sieben deutsche Tore in sechs Spielen machten das Manko deutlich. Taktisch und spielerisch gehörten die Deutschen zu den Besten, sie hatten den meisten Ballbesitz und liefen extrem viel. Einen Vollstrecker wie Frankreich ihn in Griezmann hatte, der auch das 2:0 erzielte, aber fehlte entscheidend. Deutschland sucht den Super-Torjäger – das ist die Formel auf dem Weg zur WM 2018.

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