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EM-Analyse : Ein fast perfektes deutsches Spiel

Die erste von zahlreichen vergebenen Torchancen: Thomas Müller scheitert an Torwart Michael McGovern. Bild: dpa

Das DFB-Team kassiert kein Gegentor und schließt die Vorrunde mit dem 1:0-Sieg über Nordirland als Erster ab. Einen Kritikpunkt gibt es aber, der den Deutschen in der K.o.-Runde noch zu schaffen machen könnte.

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          Als die deutsche Fußball-Nationalelf Anfang Juni ihr letztes Testspiel vor der Europameisterschaft 2:0 gegen Ungarn gewonnen hatte, war die Erleichterung groß. Erstmals seit dem 7:0 beim Spiel gegen Gibraltar ein knappes Jahr zuvor hatte die Mannschaft von Joachim Löw kein Gegentor kassiert.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Nun ist bei der EM die Vorrunde beendet und immer noch steht die Null für das DFB-Team. In drei Partien konnte kein Gegner die deutsche Abwehr knacken. Nach dem souveränen 1:0-Sieg über Nordirland steht der Weltmeister als Gruppensieger im Achtelfinale, in dem es am Sonntag (18.00 Uhr / Live im EM-Ticker bei FAZ.NET) weitergeht.

          So richtig zufrieden war der Bundestrainer am Donnerstagabend in Paris dennoch nicht. Das lag aber weniger an der Auswechslung von Jerome Boateng, der Probleme an der rechten Wade hatte und zur Sicherheit aus dem Spiel genommen wurde. Vielmehr monierte Löw das Ergebnis – das 1:0 war ihm viel zu wenig. 17 teils hochkarätige Chancen hatte die DFB-Elf, Nordirland keine einzige. Mehr als das 1:0 durch Mario Gomez (30. Minute) stand aber am Ende nicht auf der Anzeigetafel im Prinzenpark-Stadion. „Wir hätten schon zur Halbzeit 3:0 oder 4:0 führen müssen“, sagte Löw zu einem Problem, das die Nationalelf nicht zum ersten Mal hat.

          Löw hatte im Vergleich zum 0:0 gegen Polen zwei personelle Veränderungen vorgenommen. Joshua Kimmich ersetzte Benedikt Höwedes als rechten Außenverteidiger. Die Intention: Der 21 Jahre alte Münchner sollte im Vergleich zum defensivstärkeren Schalker für Schwung nach vorne sorgen, wie auch Jonas Hector auf der linken Außenverteidiger-Position. Der Plan ging auf. Kimmich machte ein starkes Spiel, war ballsicher, selbstbewusst und clever im Zweikampf – selbst wenn die Nordiren es ab und zu mit hohen Bällen auf den 1,76 Meter großen Bayern-Spieler versuchten. Die Grafik der Durchschnittspositionen verdeutlicht, wie offensiv die deutsche Elf ausgerichtet war:

          Das DFB-Team praktizierte gegen einen limitierten Gegner, der sich nur auf lange Pässe, Konter und Standardsituationen verließ, faktisch ein 2-4-4-System. Die Nordiren setzten früh eine Abwehrkette mit sechs (!) Spielern dagegen. Um körperliche Präsenz in der Spitze zu zeigen, hatte Löw seinen zweiten personellen Wechsel vorgenommen. Mario Gomez stürmte ganz vorne, Mario Götze rückte dafür zurück auf die linke Offensivseite, wo er sich viel besser zurechtfand und oft im Halbraum ein Anspielpunkt war. Julian Draxler, der gegen die Ukraine und Polen dort agierte, musste 90 Minuten auf der Bank Platz nehmen.

          Auch dieser Schachzug ging sehr gut auf. Die deutsche Mannschaft zeigte eine herausragende erste Hälfte. Die Mängel aus dem Polen-Spiel waren allesamt behoben. Deutschland dominierte nicht nur mit Ballbesitz, sondern erarbeitete sich etliche Chancen. Das lag daran, dass die Spielanlage variabel gestaltet war, wie die untenstehende Grafik eindrucksvoll verdeutlicht. Mal ging es über die Flanken, wobei vor allem die flachen Ablagen in den Rücken der Abwehr ein probates Stilmittel waren. Mal führten die Kombinationen präzise und schnell durch die Mitte, wie beim Tor von Gomez, als Özil das Spiel beschleunigte und Müller letztlich gut ablegte.

          Wählen Sie einen Zeitraum über die Button unter der Grafik:

          Der Mangel, dass die langen Diagonalbälle, vornehmlich von Jerome Boateng, auf die aufgerückten Außenverteidiger teils zu unpräzise waren, ließ sich verschmerzen. Die vielen vergebenen Chancen eher weniger. Vor allem Thomas Müller stach dabei hervor. Der Münchner, der in zwei Spielen zuvor keine Möglichkeit gehabt hatte und weiter auf sein erstes Tor bei einer EM warten muss, scheiterte mehrfach, weil er den Torwart abschoss (8.), das lange Eck verpasste (23.), mit einem Flugkopfball den Pfosten traf (27.) oder einen weiteren Schuss an die Latte setzte (34.).

          Die nachfolgende Grafik zeigt, wie dominant Deutschland war. Wählen Sie einen Zeitraum über das Pull-Down-Menü:

          Wie flexibel das DFB-Team in der Offensive vor allem in der ersten Halbzeit spielte, zeigten die vielen hilflosen Gesten beim Gegner, wenn mal wieder ein Deutscher frei stand und die Abwehrordnung durcheinandergeriet. In die andere Richtung ging es nur bei Fehlpässen der Löw-Elf. Götze verlor den Ball zweimal, auch Sami Khedira lud die Nordiren einmal zu einem Konter ein, den ein Kontrahent mit größerer Qualität besser ausgenutzt hätte. Gut war auch, dass kaum Freistöße in der eigenen Hälfte für Nordirland verursacht wurden. Symptomatisch für die Kräfteverhältnisse war die „Heatmap“. Die meisten Aktionen hatten die Nordiren tatsächlich im eigenen Strafraum.

          Wählen Sie die einzelnen Mannschaften oder Spieler im Menü aus:

          In der zweiten Halbzeit waren die Kombinationen nicht mehr so flüssig. Stattdessen probierte das DFB-Team es mehr über die Außen mit Flanken. Auch hier entsprangen Chancen wie Gomez‘ Kopfball (82.). Dass es am Ende bei einem Tor blieb, war zu verschmerzen. Die mangelnde Verwertung der guten Möglichkeiten könnte jedoch in der K.o.-Runde zum Problem werden. Vielleicht noch nicht im Achtelfinale, wo ein Gruppendritter wartet, womöglich aber im Viertelfinale, wo Italien oder Spanien der Gegner wäre. Andererseits: Die Deutschen haben nun bewiesen, dass sie Mängel erkennen und beheben können wie nach dem Polen-Spiel. Auch das ist eine Kunst, die unabdingbar ist für ein erfolgreiches Abschneiden bei einem Turnier.

          Vergleichen Sie die Werte der Spieler durch Auswahl im Pull-Down-Menü:

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